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WILLIAM FITZSIMMONS – DERIVATIVES

wf_derivatives_cd(Grönland) Ein neues Werk des bärtigen Großmeisters, aber keine Sammlung neuer Songs. „Derivatives“ bietet vor allem Remixe von William-Fitzsimmons-Lieder, die er auf seinem letzten vollgültigen Album „The Sparrow and the Crow“ veröffentlichte. Das ist natürlich vor allem etwas für Fans, die Fitzsimmons nach und nach in ausreichender Zahl bekommt. Aber auch für die, die den Singer/Songwriter immer etwas zu ruhig und behäbig fanden, ist nun etwas geboten. Microboys Remix von „If you would come back home“ etwa ist wie für die Tanzfläche gemacht, und hat doch nichts von seiner Wärme verloren.

TEXT: Redaktion | RESSORT: Reviews
28. Juni 2010 | Keine Kommentare




LCD SOUNDSYSTEM – THIS IS HAPPENING

lcd_happeningEndlich ist es da, Kritiker und Fans haben seit 2007 darauf gewartet. Mit seinem dritten und – angeblich – letzten Album liefert James Murphy, Kopf des Projektes LCD Soundsystem, erneut eine tanzbare Disco-Punk-Platte ab, die zwar nicht mehr über-innovativ, aber weiterhin mit das Intelligenteste ist, was die Musikindustrie zu bieten hat. Das bekam auch Lady Gaga zu spüren. Sie musste ihre fünfmonatige Herrschaft über die elektronischen Billboard-Charts für eine Woche an das LCD Soundsystem abtreten.
Nachdem der Hype nun so langsam abebbt, versuchen wir uns mal an einer nüchternen Betrachtung von „This is Happening“:

Unaufgeregt beginnt der erste Track. Doch in gewohnter Murphy-Manier geht’s dann irgendwann los. Nix mehr mit Understatement, das LCD Soundsystem-Mastermind ist zurück. “Drunk Girls”, Song Nummer 2 auf dem Longplayer, erinnert an “Wild Boys” und ist doch mehr als eine Referenz an Duran Duran – gleichwohl kein Versuch den Disco-Punk zu emanzipieren. Denn die Musik, die Murphy geschaffen hat, ist vom ersten Release, Losing my Edge aus dem Jahre 2002, an universell. Hier hören die Mädels im gleichen Maße hin wie die Jungs, die Indie-Fans genauso wie die Elektro-Heads und am Ende der Musiknahrungskette warten die Nerds nur darauf, zu Drunk Girls auf dem Tanzflur die Glieder zucken zu lassen.
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TEXT: Daniela Ullrich | RESSORT: Reviews
25. Juni 2010 | 2 Kommentare




DON VITO – IV

donvito_IV(Discorporate Records/Cargo) Geil! Die überfallartige Intensität (naja, ich hab noch keine erlebt oder veranstaltet, aber man kann sich das ja mal vorstellen), mit der Don Vito aus dem Wilden Osten Deutschlands hier ihre zehn instrumentalen Math-Noise-Rock-Attacken abfackeln, ist bemerkenswert. Das längste Stück dauert 2:09 Minuten, das kürzeste gerade mal 42 Sekunden. Ist also schnell vorbei der Spaß. Aber – wie eine Minutmen-Platte – macht das nichts, weil man die auf „IV“ enthaltenen Informationsmengen ohnehin erst nach mehreren Durchläufen für sich halbwegs sortiert hat und danach erst recht immer mehr will.

TEXT: Andreas Schnell | RESSORT: Reviews
23. Juni 2010 | Keine Kommentare




ÓLAFUR ARNALDS – …AND THEY HAVE ESCAPED THE WEIGHT OF DARKNESS

O_uelafurArnalds_Album2_cover_print(Erased Tapes/Indigo) Zu seinen Vorbildern zählt er Arvo Pärt und Dmitri Schostakowitsch. Auch deshalb klingt die Musik des Isländers Olafur Arnalds so eigen. Sie erinnert in Teilen an das, was Max Richter erfindet. Ruhige, ganz nach Innen gebogene, vom Klavier getragene Songs, in die sich ein Streichquartett mit meist langen Haltetönen einmischt. Das ist genauso wunderschön wie manchmal auch etwas kitschig. Riesengroß, fast üppig wird es, wenn der PostRock zum Crossover-Meeting vorbeischaut. Doch dann fällt Arnalds auch immer wieder in die Stille zurück, die er so liebt, denn: „Nichts ist so zerbrechlich.“

TEXT: Tim Gorbauch | RESSORT: Reviews
22. Juni 2010 | Keine Kommentare




BONAPARTE – MY HORSE LIKES YOU

bonaparte_horse_cover(Staatsakt/RTD) Die Party wollte nicht enden. Zwei Jahre lang feierte man das Debütalbum mit dem passenden Titel „Too much“ in allen relevanten Clubs, „Anti Anti“, der TopHit des Erstlings, war der langersehnte Nachfolger von Deichkinds „Krawall und Remmidemmi“. Nun erscheint auf Staatsakt Bonapartes zweiter Longplayer, „My horse likes you“. Wieder entwerfen Bonaparte den zackigsten Indie-Electro-Trash-Sound, der sich derzeit in Berlin finden lässt, etwas grob vielleicht, aber immer auf den Punkt. Und ein Song wie „Computer in Love“ gehört in jede gute Playlist.

Heute übrigens im Rahmen der Fete de la musique live in der Bar 25 in Berlin zu erleben. (19.00 Uhr, freier Eintritt)

TEXT: Tim Gorbauch | RESSORT: Reviews
21. Juni 2010 | Keine Kommentare




BLACK BONED ANGEL – VERDUN

verdun(Riot Season/Cargo) Deep. Dafür nehmen sie sich Zeit: Etwas über fünfzig Minuten dauert dieses Album, das gar nicht erst in mehrere Tracks zerlegt ist, obwohl es aus drei Teilen besteht. Verdun, das war eine der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Fast ein Jahr lang lagen sich deutsche und französische Armee gegenüber, am Ende waren auf beiden Seiten so um die 100.000 Mann „gefallen“, die Gegend in eine Kraterlandschaft verwandelt und nachhaltig verwüstet – und am Frontverlauf hatte sich unterm Strich kaum etwas verändert. Dieser Schlacht widmen sich die Neuseeländer Black Boned Angel mit zermürbender Düsternis und gnadenloser Konsequenz. Wobei zum Schlagzeug (das oft über lange Strecken schweigt) und elektrisch verstärkten Saiteninstrumenten noch Samples kommen, die das Nervenkostüm weiter zerrütten. Neulich schrieb ich über eine Doom-Band, Winter seien dagegen Fun Punk gewesen. Hier passte das auch, allerdings noch ein ganzes, tödliches Stückchen besser…

TEXT: Andreas Schnell | RESSORT: Reviews
20. Juni 2010 | Keine Kommentare




FLIMMER – SINGING

flimmer(A Tree In The Field-Records) Flimmer – das sind 2 x Bass, 1 x Schlagzeug und 0,5 x Gesang. Hm, klingt nach 100-prozentiger Schrottmusik? Nach blutjungen Pickeljungs, denen zwar der Gitarrist abhanden gekommen ist, die aber auf Teufelkommraus trotzdem eine Band sein wollen?
Weit gefehlt: Die Flimmer-Mitglieder sind alle seit mindestens anderthalb Jahrzehnten den spätpubertären Schuhen entwachsen, der gemeinsame Versuch mit der Gitarre wurde vor fünf Jahren aufgegeben. Warum? Weil man nach dem Ausstieg der letzten Gitarre festgestellt hat, dass Flimmer-Songs ohne selbige sehr viel besser funktionieren.
Ihre Musik bezeichnen die drei Baseler dementsprechend als „Psy-core“ – eine Stilbezeichnung, die angesichts des druckvollen, treibenden, brachialen und dann auch wieder zurückhaltend-frickeligen Doublebass-Sounds (in denen man übrigens niemals auf den Gitarre-fehlt-Gedanken kommt) ruhig mal überdacht werden sollte. Auf Anhieb stehe ich da allerdings jetzt auch etwas rätselnd vor mehreren Stil-Schubladen. Am wenigsten quietscht die mit der verwischten Hardcore-Aufschrift.
Hin und wieder gesellen sich zu den auf „Singing“ rar gesäten Instrumenten einige elektronische Brocken, dann und wann wird auch ein Mikrofon hinzubemüht: Soweit verständlich, sind die Texte englisch und deutsch, mit zumeist wunderbar dahingerotzter dadaistischer und oft sinnfreier Bedeutung. Pro Song bedarf es entweder gar keiner oder sonst auch eher weniger Worte. Selten benötigen Flimmerstücke länger als zwei Minuten – doch in diesen steckt mindestens so viel wie in den meisten Fünfminütern von Bands, denen keine Gitarre „fehlt“!

TEXT: Senta Best | RESSORT: Reviews
17. Juni 2010 | Keine Kommentare




MOUSE ON THE KEYS – AN ANXIOUS OBJECT

mouse_on_the_keys(Denovali/Cargo) Das Album hält locker, was die EP von vor ein paar Monaten versprach: eine kraftvolle, dichte Musik, die mit den Mitteln (vor allem den Instrumenten) des Jazz Rock-Intensität erreicht, aber auch in fragilen Kompositionen kristallinen Glanz verbreitet. Mouse On The Keys eröffnen furios mit „Completed Nihilism“, das an große Prog-Rock-Momente erinnert, die eine Seite dessen, was sie auf diesem Album veranstalten. Dies kontrastieren sie mit leisen Interludes, die sie virtuos zu steigern wissen. Jazz ist hier eher eine Soundfrage. Ansonsten beziehen sich Mouse On The Keys auf viele andere Musik (Steve Reich, Post Hardcore, Detroit Techno), die wiederum eher in den Kompositionen wirkt, die im übrigen stets klar strukturiert sind, also nicht zur Grundlage von Improvisationen dienen.

TEXT: Andreas Schnell | RESSORT: Reviews
11. Juni 2010 | Keine Kommentare




YOUNG MAN – BOY

young_man_boy(Kitchen/Cargo) Von so einer Geschichte träumen viele. Und nur ganz, ganz selten passiert sie tatsächlich, da gehört schon eine Menge Glück dazu. Ein junger Mann schreibt im heimischen Jugendzimmer seine ersten Songs, covert ein paar Tracks die er gut findet, und dreht mit Freunden dazu kleine Videos. Das ganze stellt er auf seinen YouTube-Channel, den Bradford Cox von Deerhunter zufällig entdeckt und daraufhin in seinem Blog überschwänglich lobt. Der verhoffte Karrieresprung folgt für den unbekannten Musiker schließlich in Paris: Eine Konzertagentur nimmt ihn unter Vertrag, und er spielt im Vorprogramm von Animal Collective und den Local Natives. Nun ist das erste Album da, von einem Jungen, der sich selbst „Young Man“ nennt und sein Album „Boy“. Im echten Leben heißt der niedliche Wuschelkopf übrigens Colin Caulfield und könnte gut der große Bruder von Holden Caulfield sein, aus dem Jugendbuchklassiker „Catcher In The Rye“. Ähnlich wie der Roman von J.D. Salinger thematisiert Young Man in seinen Songs das Gefühl, auf der Stufe zum Erwachsenwerden zu stehen. Romantisch, vertäumt, vielleicht auch verklärt, mit allen Unsicherheiten und Vorfreuden, an die man doch gerne zurück denkt.

TEXT: Regina Lechner | RESSORT: Reviews
9. Juni 2010 | Keine Kommentare




CHROME HOOF – CRUSH DEPTH

images(Southern Records/Soulfood) Schon eine eigenwillige Bande: Ohne viel Federlesens fusionieren sie Prog-Rock, orchestrale Einwürfe, elektronische Tanzmusik, Heavy Metal und noch ein weiteres halbes Dutzend disparater Stile zu einer Musik, die zugleich so homogen und zumindest in meinen Ohren unanstrengend unterhaltsam wirkt, als wären all diese Einflüsse nicht dem Fan gar Anlass zu erbitterter Abgrenzung dem jeweils anderen gegenüber. Von den vielen Beschreibungen, die die Kollegen so von sich geben im Versuch, das Unaussprechliche begrifflich zu machen, finde ich am hilfreichsten jene vom Hinterland, wo sich Zappa, Funkadelic und Magma treffen (Q), aber das klammert vielleicht auch noch zu viel aus. Man muss es ja auch heute niemandem mehr erzählen, wo er und sie sich das mal kurz unverbindlich anhören können. Was im übrigen das Genre der Plattenkritik noch nicht ganz erledigt, aber das wissen Sie, liebe Leser, natürlich, sonst könnten wir an dieser Stelle nicht so nett plaudern.

TEXT: Andreas Schnell | RESSORT: Reviews
8. Juni 2010 | 1 Kommentar




JUNKBOY – KOYO

koyo(Enraptured) Man stelle sich folgendes vor: Amerikanischer Film. Ein Pärchen, das sich irgendwo zwischen empathischer Zustimmung durch den Zuschauer und nicht ganz klischeefreiem Turteln bewegt. Das ganze natürlich in Slow-Motion und an einem Sommertag, den nichts trüben kann. Die Musik, die bei eben dieser Szene im Hintergrund läuft, könnte von Junkboy stammen. Melodiöse Gitarren und ein dezentes Drumming plätschern so vor sich hin, ohne jemals aufdringlich zu sein, um die perfekte Idylle bloß nicht zu zerstören.
Auf der Habenseite finden sich dennoch ein paar Streicherarrangements, der gekonnte Einsatz eines organischen Klaviers und der hohe, teils zerbrechliche Gesang, was der nunmehr vierten Veröffentlichung des britischen Trios den Feinschliff hin zu einem Langspieler verpasst, der nicht durch Abwechslung oder Experimente, aber durch einen stetig warmen Sound gefällt. In Interviews sprechen die drei Herren gerne über den Strand und die späte Folk-Bewegung. Passt perfekt ins Bild, obwohl man über “Koyo” auch sagen muss: Die Musik im Hintergrund der oben entworfenen Filmszene könnte von Junkboy stammen, muss sie aber gewiss nicht.

Maximilian Römer

TEXT: Maximilian Römer | RESSORT: Reviews
6. Juni 2010 | Keine Kommentare




THE DANCE INC. – EINE KLEINE GESCHICHTE UND EIN DOWNLOAD

This Fighting Booklet.pdfEs war so:
Circa 2002 holte ich Jan Elbeshausen vom Hamburger Flughafen ab. Er hatte die letzten fünf Wochen in Kalifornien verbracht, ein paar Freunde besucht, die durch den Verkauf von Kaffee zu Wohlstand gekommen waren. Allesamt Musiker, verbrachten sie ihre Tage zwischen Strand und Proberaum, Jan besorgte dutzende Paare Chucks – man machte das damals so.
„Ey, check das mal!“, sagte er, gerade aus der Schleusentür kommend und drehte sich um. Auf dem Rücken seiner neuen schwarzen Collegejacke stand in roten Lettern „The Dance Inc.“ geschrieben. Was soll das denn jetzt wieder, dachte ich mir, ließ mir aber nichts anmerken. Jan, vollkommen euphorisch: „Geil, oder?! Das ist das neue Ding!“ Welches Ding auch immer, es war wunderbar, dass Jan mit einer Idee zurück gekommen war.
Der Weg zur Verwirklichung seines Vorhabens aber war steinig. Für Jan, weil er noch nie anders konnte, als seine Pläne mit einer Konsequenz zu verfolgen, die ihm jede Ruhe versagte. Und für mich? Eigentlich aus demselben Grund, denn ich wohnte damals mit ihm zusammen. Zu Gesicht bekam ich ihn zwar kaum mehr – er hatte vor kurzem das alte Klavier unserer Nachbarn gekauft und den Gitarrenverstärker aus dem Proberaum nach Hause geholt. Dafür hörte ich ihn. Das Geklimper riss nicht mehr ab, tagelang spielte er Gitarre und sang dazu.
Ich erinnere mich daran, dass seine Sätze damals alle mit „Ich muss…“ anfingen und grundsätzlich nicht zuende gebracht wurden. Eines Tages saßen wir zusammen in der Küche. Ich durchblätterte die Zeitung, während Jan die letzten Seiten eines Buches von Rimbaud las. Plötzlich schlug er den schmalen Band zu, sah mich an und sagte: „Do it to me, demon!“
Wir lachten. Das Zitat war natürlich nicht schlecht! In Wirklichkeit aber machten wir uns langsam Sorgen. Um „den Kleinen“, wie Jochen und Lars Jan damals immer nannten. „Das ist eine Metamorphose“, sagte Jochen. „Ja, wenn wir nicht aufpassen, wird er Mick Jagger und Jim Morrison in Personalunion!“, sagte Lars und fügte hinzu: „Das wird kein gutes Ende nehmen. Aber wir lassen ihn machen.“
Um ehrlich zu sein, wir hatten nicht daran geglaubt, dass The Dance Inc. lange bestehen würde. Es dauerte acht Jahre bis Stefan Goetsch von der Bühne kam und seufzte: „I’m over!“ Jan antwortete nicht, es war klar, The Dance Inc. waren am Ende angekommen.
Zum Abschied gibt es nun „This Fighting“ zum gratis Download. Ob es nun Hamburgs verspätete Antwort auf Soft Cell, Human League und Stevie Wonder ist oder einfach der letzte Baustein einer Idee, die viele Jahre zuvor aus Kalifornien mitgebracht wurde, sei dahin gestellt. Gerüchten zufolge gibt es eh schon wieder eine neue Idee. Für’s erste aber gilt: Bitte laden sie runter!

TEXT: Ulf Ayes | RESSORT: Reviews
4. Juni 2010 | 4 Kommentare