MILHAVEN – s/t
(Valeot/Cargo) Bei Bochum denken wir ja eher an einen Herrn G., der immerhin die Neu!auflagen (haha!) von Neu! verantwortete und als Label-Macher durchaus sympathische Züge bekam. Wir können aber ab jetzt bei Bochum auch an Milhaven denken, die – nicht nur das unterscheidet sie von G. – zwar von dort kommen mögen, aber irgendwie zumindest musikalisch eher an Chicago oder Montreal hängen: Post Rock, allerdings in der aktuellen Variante, die dann doch etwas schwerer ist als das, was Tortoise sich damals so ausgedacht haben. Aber auch wenn Milhaven gelegentlich in die Nähe von Post-Metal-Revieren geraten, halten sie zu dem dann doch gelegentlich recht heroisch-hymnischen Stil stets ausreichend Abstand. Das ist schön. So schön wie die Verpackung, die sie dieser Musik gegeben haben: Ein dezentes Hardcover in Weiß mit aufgeprägtem Wal in Schwarz, drinnen steckt die CD (links) und ein paar Kärtchen in Ruhr-Tristesse (rechts). Auch ein haptischer Genuss.
10. März 2010 | Keine Kommentare
Selbstbewusst aufgeklärt
(XL Recordings/Beggars/Indigo)
Ein schleichendes Gift…
(Rock Action/Pias/Rough Trade) Die fand ich zwar auf ihrem immerhin ein bisschen witzig benamsten Debüt „Chart Pimp“ okay, aber auch nicht sehr viel mehr. Nun muss ich feststellen, dass entweder mein Geschmack sich gewandelt hat (hat er, aber nicht so sehr in Bezug auf schweren Rock), oder Part Chimp einfach ordentlich zugelegt haben. Ein derart geil dröhnender wie bedröhnter Heavy Rock (kannst auch Stoner dazu sagen) stand damals meiner Erinnerung nach nicht auf dem Programm. Jedenfalls nicht sooo bedröhnt. Zwar kommen sie gar nicht aus der Wüste, können es aber locker mit dem ganzen Zeug aufnehmen, haben ihre Geschichtsstunden zu Black Sabbath, Hawkwind, MC5 und dem, was danach so kam, cum laude absolviert und darauf aufgebaut. Sehr erfreulich!
(Wichita/Cooperative) Sieben Mädchen und Jungs finden sich an der Universität Cardiff, gründen eine Band, geben sich einen spanischen Namen und setzen ein Ausrufezeichen dahinter. Soviel zur Geschichte. Für ihr neues Album „Romance Is Boring“ wählen Los Campesinos! nur die ganz großen Themen. Sie möchten vom Tod, dem Zerfall des menschlichen Körpers und von verlorener Liebe erzählen und davon, dass wahrscheinlich am Ende des Tunnels doch kein Licht scheint. Im übersättigten Krach der Klänge von Geige bis Glockenspiel gehen diese Motivation – und leider auch der hübsche britische Akzent von Sänger und Sängerin -, schier unter. Man möchte der Band das so gewollt Disharmonische mitsamt Satzzeichen im Namen entfernen und ihnen mit auf den Weg geben, dass weniger wie immer und überall mehr ist. 16 Songs lang findet man nur zwanghaft Melodien, die den Lärm durchbrechen, die die Schwere der Themen tragen und durch das Ohr dann doch noch ins Herz führen. Überzeugend bleiben am Ende wenige Titel, die wie: „The Sea Is A Good Place To Think Of The Future“ ihre Wahrheit schon im Namen tragen. Dahinter gehört das Ausrufezeichen!
(Indie Recordings/Soulfood) Oh Mann! Die hatten mich mit ihrem letzten Album „Grindstone“ wirklich umgehauen. Ultrakomplexer Grind/Metal/Core-Jazz mit Saxophon, wie ihn sonst wohl niemand macht: Dillinger Escape Plan? Nun ja, immer ein wenig auf der Harte-Männer-Seite, ein bisschen prollig. Alboth oder Naked City auf der anderen Seite sind da zwar ähnlich vertrackt und ganz gewiss in ihrem Landstrich Könige, wenn nicht Kaiser. Aber Shining verbanden mit der Rasanz eine Brachialität, die sie zu etwas Einzigartigem macht. Verbanden – und verbinden. Zwar sind sie hier nicht ganz gefeit gegen Tendenzen zur Bedeutungshuberei, was auf „Grindstone“ zumindest nicht so hörbar war.
Es gibt Momente im Leben, in denen Musik auftaucht und hilft. Hoffnungslos und zu Tode betrübt lag ich da, als eine gebrannte CD mich erreichte und plötzlich alles nicht mehr so grau und kaputt erschien. Jemand hatte alles Nötige auf den Punkt gebracht, um mich aus meiner Lebenslethargie zu holen – und es funktionierte besser, als ich es mir jemals erträumt hätte. Musikalisch eine Mischung aus getragener Fülle und dem Gefühl, das tschechische Märchenfilme transportieren. Textfetzen, die sich eilig im Gedankenzentrum festsetzen und eine insgesamt erhabene, aufbauende Gelassenheit. So traten GET WELL SOON 2006 in mein Leben. Als sie ihr fantastisches und zu Recht umjubeltes Debüt im Januar 2008 veröffentlichten, fühlte ich Zufriedenheit, obwohl ich erstaunt war, dass sich hinter dem Namen nur eine Person verbarg. Konstantin Gropper hatte die Platte im Alleingang geschrieben, produziert und aufgenommen und galt sofort als Wunderkind im deutschen Musikzirkus.
(Thrill Jockey/Rough Trade) Das fünfte Album des Duos, das 10. aus dem Kollektiv, das jeweils als Duo, Trio oder Quartett aufspielt, wobei der Kern aus dem Schlagzeuger Chad Taylor und dem Kornettisten Rob Mazurek besteht. Letzterer spielte nicht nur mit der Chicagoer Jazz-Avantgarde, sondern auch mit Post-Rock-Bands wie Isotope 217, die er mitgründete, Tortoise, Gastr del Sol, Stereolab und anderen, ersterer treibt sich in ähnlichen Gefilden herum, ist Mitglied der Band von Tortoise-Gitarrist Jeff Parker, der Band Sticks And Stones, musizierte mit Iron & Wine ebenso wie mit Sam Prekop. Zwar sind sie in ihren jeweiligen Underground-Formationen alles andere als Post Rock, sie sind auf der anderen Seite aber auch keineswegs museale Jazz-Verwalter. Zwar stammt die einzige Fremdkomposition dieses Albums – die erste auf einem Chicago-Underground-Album überhaupt – von Ornette Colemen, also einer unumstrittenen Ikone des Jazz, aber eben einer, die bis heute nicht aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln.
20 Jahre Bandkarriere, 15 Studioalben, 13 EPs, unzähliges Live-Material und Nebenprojekte – Motorpsycho sind unermüdlich. Der erste Blick auf die neue Veröffentlichung der Trondheimer täuscht: Nur sechs Stücke auf „Heavy Metal Fruit“ bedeutet diesmal nicht EP, sondern ein 62-minütiger Epos-Brocken. Der fast anachronistisch erscheint – wären da nicht diese motorpsychoesken Spielereien, die auch diesen Output wieder zu etwas ganz Eigenem erheben. Dabei verschwurbeln sich die Musiker ins gefühlt Unermessliche, um dann doch wieder rechtzeitig auf den Punkt zu kommen. Sandelholz meets Mucker-Schweiß. Dumpfe Bassläufe paaren sich mit den unverkennbar melodisch-sehnsuchtsvollen Anleihen, die sich in orgelhaftem Getöse ereifern. Auf die Live-Umsetzung des 20-Minüters „Gullible’s Travails (pt I – V)“, das wie eine Essenz des Schaffens Motorpsychos anmutet, kann man jetzt schon gespannt sein. Könnte abendfüllend werden.


