THIS IS JUST A MODERN ROCK SONG #5
LENNART THIEM, Jahrgang 1984, lebt in Hamburg, mag das Internet sehr gerne und noch viel lieber Musik. Beides kommt zusammen, wenn es darum geht, KünstlerInnen, die aus unterschiedlichsten Gründen wenig Aufmerksamkeit bekommen, vorzustellen. Was hier unternommen werden soll.
Ich möchte keinen Smalltalk mehr halten, ich mag nicht über die Kälte reden, der Schnee soll hübsch auf meinen Kopf fallen, nicht in ihn hinein, dann kann er nämlich rigoros in den Gegend geschüttelt werden, ganz anders als die Floskeln, mit denen man auf Bemerkungen meteorologische Erscheinung betreffend zu antworten hat. „Ja, das ist wirklich schlimm“, so etwas will höflich und nichtssagend geäußert werden, damit man als Erwiderung schreckliche Geschichten über verspätete Busse und rutschige Gehwege zu hören bekommen darf und anschließend durch diesen tiefgründigen Austausch erfrischt an einen vor dreisten Flocken geschützten Arbeitsplatz trottet, wo es niemals Wetter gibt.
Vor dem Fenster aber wirbelt’s lustig und die Gedanken schweifen ab, schließlich wissen wir, dass Schnee etwas Gutes ist, warum sollten ihn sonst die folgenden wunderbaren Bands und Songs im Namen führen?
Hier also eine kleine Auswahl gegen die olle Mittelmäßigkeit, die es keinem Winter gönnt, kalt und verschneit zu sein.
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10. März 2010 | Keine Kommentare
(Valeot/Cargo) Bei Bochum denken wir ja eher an einen Herrn G., der immerhin die Neu!auflagen (haha!) von Neu! verantwortete und als Label-Macher durchaus sympathische Züge bekam. Wir können aber ab jetzt bei Bochum auch an Milhaven denken, die – nicht nur das unterscheidet sie von G. – zwar von dort kommen mögen, aber irgendwie zumindest musikalisch eher an Chicago oder Montreal hängen: Post Rock, allerdings in der aktuellen Variante, die dann doch etwas schwerer ist als das, was Tortoise sich damals so ausgedacht haben. Aber auch wenn Milhaven gelegentlich in die Nähe von Post-Metal-Revieren geraten, halten sie zu dem dann doch gelegentlich recht heroisch-hymnischen Stil stets ausreichend Abstand. Das ist schön. So schön wie die Verpackung, die sie dieser Musik gegeben haben: Ein dezentes Hardcover in Weiß mit aufgeprägtem Wal in Schwarz, drinnen steckt die CD (links) und ein paar Kärtchen in Ruhr-Tristesse (rechts). Auch ein haptischer Genuss.
Selbstbewusst aufgeklärt
(XL Recordings/Beggars/Indigo)
Ein schleichendes Gift…
(Rock Action/Pias/Rough Trade) Die fand ich zwar auf ihrem immerhin ein bisschen witzig benamsten Debüt „Chart Pimp“ okay, aber auch nicht sehr viel mehr. Nun muss ich feststellen, dass entweder mein Geschmack sich gewandelt hat (hat er, aber nicht so sehr in Bezug auf schweren Rock), oder Part Chimp einfach ordentlich zugelegt haben. Ein derart geil dröhnender wie bedröhnter Heavy Rock (kannst auch Stoner dazu sagen) stand damals meiner Erinnerung nach nicht auf dem Programm. Jedenfalls nicht sooo bedröhnt. Zwar kommen sie gar nicht aus der Wüste, können es aber locker mit dem ganzen Zeug aufnehmen, haben ihre Geschichtsstunden zu Black Sabbath, Hawkwind, MC5 und dem, was danach so kam, cum laude absolviert und darauf aufgebaut. Sehr erfreulich!
(Wichita/Cooperative) Sieben Mädchen und Jungs finden sich an der Universität Cardiff, gründen eine Band, geben sich einen spanischen Namen und setzen ein Ausrufezeichen dahinter. Soviel zur Geschichte. Für ihr neues Album „Romance Is Boring“ wählen Los Campesinos! nur die ganz großen Themen. Sie möchten vom Tod, dem Zerfall des menschlichen Körpers und von verlorener Liebe erzählen und davon, dass wahrscheinlich am Ende des Tunnels doch kein Licht scheint. Im übersättigten Krach der Klänge von Geige bis Glockenspiel gehen diese Motivation – und leider auch der hübsche britische Akzent von Sänger und Sängerin -, schier unter. Man möchte der Band das so gewollt Disharmonische mitsamt Satzzeichen im Namen entfernen und ihnen mit auf den Weg geben, dass weniger wie immer und überall mehr ist. 16 Songs lang findet man nur zwanghaft Melodien, die den Lärm durchbrechen, die die Schwere der Themen tragen und durch das Ohr dann doch noch ins Herz führen. Überzeugend bleiben am Ende wenige Titel, die wie: „The Sea Is A Good Place To Think Of The Future“ ihre Wahrheit schon im Namen tragen. Dahinter gehört das Ausrufezeichen!
(Indie Recordings/Soulfood) Oh Mann! Die hatten mich mit ihrem letzten Album „Grindstone“ wirklich umgehauen. Ultrakomplexer Grind/Metal/Core-Jazz mit Saxophon, wie ihn sonst wohl niemand macht: Dillinger Escape Plan? Nun ja, immer ein wenig auf der Harte-Männer-Seite, ein bisschen prollig. Alboth oder Naked City auf der anderen Seite sind da zwar ähnlich vertrackt und ganz gewiss in ihrem Landstrich Könige, wenn nicht Kaiser. Aber Shining verbanden mit der Rasanz eine Brachialität, die sie zu etwas Einzigartigem macht. Verbanden – und verbinden. Zwar sind sie hier nicht ganz gefeit gegen Tendenzen zur Bedeutungshuberei, was auf „Grindstone“ zumindest nicht so hörbar war.


