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OSCAR HEYM – DIE RESERVEN

Cover_dieReserven(Siebenhundertzwanzig Grad) In „Die Reserven” wird der junge Geologe Wenzel Hoffmann während der späten siebziger Jahre in ein Intrigenspiel um Ölfunde an der deutsch-deutschen Grenze verwickelt. Der Roman erscheint im neuen Themenbuchverlag Siebenhundertzwanzig Grad, dessen erste Themenreihe „Energie und Strategie” hiermit ihren Auftakt erfährt.

Ein obskures Buch von einem obskuren Autor in einem obskuren Verlag. Das Buch ist außerdem erstaunlich schlecht.
Erstaunlich vor allem, weil das zu Bemängelnde von den sonst meist kritiksuffizienten Kategorien „Ästhetische Schwächen” und „Inhaltliche Schwächen” nicht ausreichend umfasst wird. Man muss schon die Kategorie „Handwerkliche Totalausfälle” bemühen und sich zur weiteren Umschreibung des Problems ernsthaft überlegen, den passendsten Begriff aus der Reihe „Lektorat unter Opiumeinfluss” , „Demenz als Lektorat” und „Wo war der Lektor?” auszusuchen. Ein Beispiel muss hier genügen: „Seit dem Tod ihres Mannes … führe sie den Haushalt allein”, wird Wenzel Hoffmann von einer ach-so-bösen Baulandspekulantin mit dem ach-so-symbolischen Namen Frau Krieger aufgeklärt, und drei Zeilen später fragt Hoffmann die Dame, ob ihr Mann verstorben sei.
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TEXT: Johannes von Weizsäcker | RESSORT: Literatur, Reviews
26. Februar 2010 | 1 Kommentar




MICHAEL BUTOR – DER ZEITPLAN

Cover_Butor(Matthes & Seitz Berlin) Wie in einem Labyrinth irrt der Franzose Jacques Revel, der für ein Jahr als Korrespondent bei der Handelsfirma Matthews & Sons tätig sein wird, durch die nordenglische Stadt Bleston, die ihm so feindlich, monoton und erstickend scheint, dass er bereits bei seiner Ankunft spürt, wie sie seinen Geist durchdringen und Stück für Stück zersetzen wird. Es scheint als läge ein Bann über Bleston, ein grausames Verbrechen, dessen Auflösung Revel in der richtigen Entzifferung der Stadt und ihrer Geschichte sieht. Er beginnt damit, Bleston Stück für Stück zu erkunden und seine eigenen vergangenen und gegenwärtigen Erlebnisse aufzuzeichnen. Die komplexe Struktur der Stadt spiegelt sich in den immer wirrer werdenden, teils rückläufigen, teils Monate auseinanderliegenden Aufzeichnungen Revels wider, die sich langsam zu einem wuchernden, jegliche Rationalität verschlingenden Gebilde formieren. Michel Butors erstmalig 1957 erschienener Roman schafft durch seine mythologischen, literarischen und historischen Spiegelungen eine Erforschung des Phänomens Stadt. Für seine Erzählung nutzt er die grundlegenden Strukturen der Polyphonie. In Anlehnung an die literarische Moderne werden die Aufzeichnungen Revels zu einzelnen Stimmen, rückläufig und in gleicher Bewegung nach einander einsetzend. Die wirklich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr langen Sätze und unnötig blumigen Ausschmückungen Butors lassen einen leider oft verzweifeln, so dass man sich alle vier Seiten einen Kamillentee kochen muss, um nicht ins Buch zu beißen.

TEXT: Stephanie Piehl | RESSORT: Literatur, Reviews
25. Februar 2010 | Keine Kommentare




MARTIN BÜSSER – DER JUNGE VON NEBENAN

(Verbrecher Verlag) „Scheidungskind. Homo. Satan. Liebesentzug. Jeder beknackte Psychiater könnte darin lesen wie im offensten aller offenen Bücher.“
Deutschland in den 1970er Jahren, ein Junge entdeckt seine Homosexualität. Seine Eltern tragen dunkle Brillen und hochgeschlossene Mäntel: Terroristen. Nachdem sie über den Haufen geschossen werden, wächst der Junge bei seinen Großeltern auf. Opa Hermann erzählt. Das Drama von Dresden, die Zeit bei der Waffen-SS, Kameradschaft, Abenteuer usw.: ein ehemaliger Nazi. Auf der Suche nach Identität stellt der Junge fest, dass auch das schwule Berlin der 1980er Jahre keine Option bietet, er zieht sich zurück und sucht in Büchern Antworten auf seine Situation.

Und täglich...

Martin Büsser, bekannt als Kulturkritiker, Verlagsbetreiber und Herausgeber der „testcard“-Reihe, wechselt hier die Seiten: von faktual zu fiktional. Seine Coming of Age-Geschichte dockt nicht nur an queeren Diskurs an und thematisiert Identitätsfragen und –brüche. Sie ist sprachlich mitunter explizit und v.a. so entwaffnend naiv gezeichnet, dass man diese Graphic Novel gleich mehrere Male hintereinander lesen muss. Danach dann vielleicht wirklich Jean Genet…

TEXT: Lucia Newski | RESSORT: Literatur, Reviews
22. Februar 2010 | 1 Kommentar