In OPAK #01 schreibt Tobert Knopp eine Kolumne. Er beschäftigt sich zunehmend mit dem Auffinden von verloren gegangener Musik und interessanten Zeitdokumenten.
Die Aufnahme ist auf die frühen Siebziger datiert. Bei den teils komponierten Versatzstücken handelt es sich aber um Studioarbeit von 1982. Weitere Informationen lassen sich dem Klappentext der Kassette entnehmen.
Auf der A-Seite “Halfway Full The Moon” begeben sich Udo Slatek und Michael Zister bei einer Spieldauer von 25 Minuten auf eine Reise durch das jeweilige Spektrum ihrer Instrumente, wobei hier hauptsächlich modulare Synthesizer und Bandhall zum Einsatz kommen. Polyrhythmische Sequenzen verdichten sich mit einem klaren, analogen Echo zu einem fast tanzbarem Takt, die Vielschichtigkeit der einzeln Schritte verhindert allerdings jegliche Orientierung und es bleibt ein unbestimmbares Gefühl von räumlicher Irre. Schrittfolgen von Tonhöhenmodulation simulieren weitere treppenhaften Zugänge des Klangbildes, während die minimalen Wechsel in Tempo und Takt leichten Schwindel erzeugen. Slatek und Zister konstruieren beeindruckend homogene Bilder unterschiedlicher Klangquellen zu einem scheinbar einzelnen Instrument. Den einzelnen Musiker zu orten, erschwert die Komplexität des Geflechts, sowie die miserable Klangqualität der Aufnahme. Trotz der wirklich sehr diffusen Passagen im Mittelteil endet das Stück auf den Punkt mit einer erstaunlich konkreten Leere und einem ausuferndem Echo.
Die B-Seite “Das Klatschmohn-Manuskript” kann nur als eine Art klangliche Bestandsaufnahme verstanden werden. Sicher ist nicht, welcher Instrumente und Klangquellen sich bedient wurde, zumal der Tonträger keinerlei Informationen darüber liefert. Der Titel ist mit knapp zehn Minuten nicht nur wesentlich kürzer, sondern auch akustisch konkreter, wenn auch wesentlich wirrer und irritierender in der Wahl der verwendeten Stilmittel. Festzuhalten ist ein starker improvisierter Charakter, sowie ein sehr collagenhaftes Gesamtbild. Stimmen mixen sich mit analoger Synthese, herkömmliche Alltagsgeräusche wiederholen sich endlos zu einem mantraesken, flächig schwebendem Teppich aus einem Ganzen; es erinnert stark an die Music Concrete der späten 50er.
Es begeistert mich die Eigenständigkeit der Aufnahme, sowie die wirklich tiefklingende Form der alten, teils selbstgebauten Instrumente. Slatek und Zisters “Halfway Full The Moon / Das Klatschmohn-Manuskript” ist kein Meilenstein der Musikgeschichte, sondern vielmehr ein interessantes Zeitdokument, dessen selbstproduzierter Kassetten-Charakter dem ganzen eine besonders charmante Note verleiht und meines Erachtens auf eine Stufe zu stellen ist, mit der jetzt stattfinden Herangehensweise experimenteller moderner Musik, die oftmals das eigentliche Machen in den absoluten Vordergrund rückt und somit eine rasant-interessante Bewegung zulässt.