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GESCHICHTEN VOM SEX, GESCHICHTEN DER GESCHLECHTER

Gibt es anspruchsvolle Pornos? Dieser Frage widmet die französische Pornostartheoretikerin Ovidie sich ihr ganzes Leben. Bereits als sie mit 18 ins Porno-Geschäft einstieg, mag Ovidie ihren Schritt als Beginn einer Mission aufgefasst haben. Ihr Künstlername klingt wie die weibliche Form von »Ovide«, der französische Name des römischen Dichters, der in seiner Ars amatoria die Kunst des Liebens lehrte.

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TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
22. September 2010 | 1 Kommentar




LEBEN UND TOD IN DER SCHNEEKUGEL

Dellamorte Dellamore – besser als Romeros Zombiefilme?

Da ich für den nächsten Teil der grandiosen Comicserie The Walking Dead das Nachwort schreibe – einen filmhistorischen Abriss über Zombiefilme – musste ich mir jüngst eine ganze Reihe von Achtziger Jahre-Zombiekomödien anschauen. So unterhaltsam die manchmal auch waren, ich freue mich auf den nächsten Band, weil die Neunziger mit Dellamorte Dellamore ein ganz anderes Kaliber zu bieten haben. Dietmar Dath schrieb darüber einmal, dass es ein Ingmar Bergman-Film mit Zombies sei. Damit liegt er gar nicht mal so falsch. Michele Soavi gelingt es in Dellamorte Dellamore einen Erzählton anzuschlagen, in dem sich Zombiemeuchelslapstick mit symbolträchtigen Bildern und existentiellen Sinnsprüchen vereinigen, ohne dass sich jemals eine Disharmonie ergeben würde.

Bereits am Anfang klingt an, dass er dabei an eine Idee in Romeros Dawn of the Dead anknüpft. Dort bevölkern noch ganz konsumkritisch Zombies während der Apokalypse ein Einkaufszentrum, weil es ihr Lieblingsort gewesen ist, als sie noch tote Lebende waren.
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TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
6. August 2010 | Keine Kommentare




SEX IM LICHT DER UNTERGEHENDEN SONNE

Als ich mich gestern unversehens vor dem Regal mit Filmen von Andreas Dresen wiederfand, schüttelte mich beim Anblick der Cover von „Wolke 9“ und „Sommer vorm Balkon“ direkt ein Anfall schlechter Laune. Dresen gehört ja zu den Leuten, von denen jeder Schrott im Feuilleton beklatscht wird. Zu meinen schlimmsten Kinoerlebnissen gehört, wie ich im Abaton saß und mich fragte, ob Wolke 9 schon ein Aufruf zum Abtreten mit achtzig ist, als plötzlich etliche Zuschauer zu klatschen anfingen. Offenbar gefiel ihnen die Message, dass im Alter eh alles schon auf Zerfall gepolt ist und jede Anwandlung von Lust von daher direkt ins absolute Desaster führen muss. Die dunkeln Wolken über meinem Kopf lichteten sich erst, als ich im Regal mit japanischen Obskuritäten „Tasogare – Liebestoll im Abendrot“ (Japan, 2008, 64 Min., R: Shinji Imaoka) fand, einen kleinen japanischen Pinkfilm, der zeitgleich von der Liebe im Alter erzählte und ganz ohne katastrophalistischen Firlefanz auskommt.

Der 65-jährige Funakichi lässt keinen Zweifel daran, dass er ein hinkender, geiler Bock ist: Gleich zu Beginn erregt er im Supermarkt Aufsehen, weil er einer jungen Frau unter den Rock lugt. Während seine Frau mit Krebs im Krankenhaus liegt, treibt er es mit einer Bardame. Als geifernd herzloser Alter hat er gleich eine ordentliche Hypothek abzutragen.
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TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
7. Juli 2010 | Keine Kommentare




“FUCK CIVILIZATION!”, SAGTE PRINZ EISENHERZ

Niemand hat so ein Gespür für Freaks wie Werner Herzog. Obwohl er Timothy Treadwell nicht so wie Bruno S. oder Kinski selbst in Szene gesetzt hat, gebührt Grizzly Man (USA 2005, L: 103 Min., R: Werner Herzog) ein Platz zwischen Stroszek und Fitzcarraldo. Natürlich kann man sich den Tenor denken, den Herzog („The jungle is full of obscenity“, „The birds are in misery, they don‘ t sing, they just squeak in pain“) anstimmt, wenn er sich der Geschichte eines vom Bären gefressenen Öko-Aktivisten annimmt. Trotz der Angriffsfläche, die der verirrte Grizzly Man Timothy Treadwell bietet, macht sich Herzog in seiner Doku nie über ihn lustig. Nach einem Blick auf sein Zivilisationshorrorkabinett darf sich jeder sicher sein, dass jedwede Anwandlung von Natursentimentalität weggeblasen ist und fortan einem selbst der Teddybär neben dem Bett unheimlich sein wird.

Timothy Treadwell in Mission ist ein leicht tuckiger Prinz Eisenherz, der in der Einsamkeit Alaskas die Gemeinschaft von Riesenbären sucht. Auf den 100 Stunden Videomaterial, das er hinterlassen hat, ruft er ihnen unaufhörlich zu, wie sehr er sie liebt, und fängt selbst beim Anblick einer toten Hummel zu flennen an. Mit einer grell geschminkten Bühnenpräsenz sehnt sich da jemand nach dem harmonischen Leben in einem verlorenen Paradies zurück. Für Herzog kommt es darauf an, dass es kein Paradies gibt, das wir hätten verlieren können. Damit Treadwell als exemplarischer Fall taugt, darf er nicht als die Witzfigur wirken, die er ganz ohne Zweifel ist. Also solidarisiert er sich als Filmemacher mit ihm und salbadert in dem geliebten Werner Herzog-Duktus über die Poesie, die der Grizzly Man aus seinen Bildern intuitiv herausgekitzelt hätte, obwohl gerade bloß ein windgeschüttelter Busch zu sehen ist.
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TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
23. Mai 2010 | 3 Kommentare




NOBODY FUCKS WITH THE KING – THE KING DOESN’T FUCK ANYMORE

Manche Plots wirken, als hätte der Drehbuchschreiber den Ernst des Lebens unter einer grellen Decke ersticken wollen. Bei Filmen, in denen ein warum- und wieauchimmer lebender Elvis eine Rolle spielt, denke ich vermutlich nicht nur an billigst produzierte Studenten- oder sonstige Spaßfilme, weil ich in einem dieser Sorte vor Jahren mitgespielt habe. Die Geschichte von Bubba Ho-tep (USA 2002, L: 92 Min., R: Don Coscarelli) klingt wie eine unzeitgemäße South Park-Episode: Elvis tauschte einst mit einem Elvis-Imitator die Identität, weil er des Rock ‘n‘ Rolls müde war, und lebt nun von einer völlig lädierten Hüfte, einer ominösen Geschlechtskrankheit und der Vergangenheit geplagt in einem texanischen Altenheim, wo er mit einem schwarzen Rollstuhlfahrer, der sich für John F. Kennedy hält, gegen eine seelensaugende Mumie zum letzten Gefecht antritt.

Don Coscarelli (Phantasm) und der absolut großartig agierende Bruce Campbell (Evil Dead), der den Elvis(imitator?) spielt, lassen vom straighten Horrorfilm über die Horrorpersiflage bis zum Horrortrash so einiges erwarten, bloß keine launige Reflexion über das Alter in der letzten Warteschleife. Die vakuumträchtigen Linoleumflure, die Schwester, die mit den Heimbewohnern aus abgestumpfter Gewohnheit spricht wie mit zurückgebliebenen Kindern, die desorientierte Bettlägerigkeit oder die demütigenden Gesundheitsmaßnahmen: Hier fehlt nichts, was ein Zivi im Altenheim als Zuschauer des täglichen Lebenshorrors erlebt. Coscarelli inszeniert den Kampf gegen die Mumie als letztes Aufbäumen gegen das Siechtum, als Entwicklungsgeschichte eines lebenden Toten.
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TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
30. April 2010 | Keine Kommentare