Wir freuen uns, Euch eine exklusive Preview von Gaspar Noés
(Irreversibel) neuem Film ENTER THE VOID präsentieren zu können!
Der Film wird voraussichtlich keinen regulären Start in Hamburg bekommen! Deswegen ist dies eine der ganz wenigen Möglichkeiten für die Hamburger, den Film im Kino auf der großen Leinwand sehen zu können. Es lohnt sich sehr!
Film der Ausgabe im neuen Heft!
Dort gibt es auch ein Interview mit Herrn Noé. Den Soundtrack hat übrigens Daft Punk-Hälfte Thomas Bangalter beigesteuert.
Montag, 23.8. um 22:30 im Zeise 1. Wir zeigen die englische Originalfassung.
Bis dann!
Dream a little dream with Leo. Oder auch vier. Oder fünf.
2. Darum geht‘s:
Ein so verworrenes Story-Labyrinth hat Christopher Nolan für „Inception“ erdacht, dass eine Inhaltsangabe entweder sehr lang oder sehr kurz wird. Entscheiden wir uns für letzteres: Leonardo DiCaprio besitzt die Fähigkeit, Traumwelten zu entwerfen, in Träume anderer Menschen einzusteigen und benutzt dieses Können, um ihnen im Traum Geheimnisse zu entlocken.
„Inception“ ist ohne Zweifel die größte Kinosensation des Jahres. Nach gut drei Wochen Laufzeit steht die imdb-Uhr auf 9.2 von 10 Punkten und der Film auf Platz 3 der besten Filme aller Zeiten. Man muss auch unbedingt der originellen Grundidee im Zeitalter des ewigen Recyclens, dem Wagemut, sie auch umzusetzen und der Brillanz in ihrer visuellen Ausführung applaudieren. So etwas wie „Inception“ hatte man noch nicht gesehen – und so hatte man einen Film auch noch nicht gesehen. (weiterlesen…)
Dellamorte Dellamore – besser als Romeros Zombiefilme?
Da ich für den nächsten Teil der grandiosen Comicserie The Walking Dead das Nachwort schreibe – einen filmhistorischen Abriss über Zombiefilme – musste ich mir jüngst eine ganze Reihe von Achtziger Jahre-Zombiekomödien anschauen. So unterhaltsam die manchmal auch waren, ich freue mich auf den nächsten Band, weil die Neunziger mit Dellamorte Dellamore ein ganz anderes Kaliber zu bieten haben. Dietmar Dath schrieb darüber einmal, dass es ein Ingmar Bergman-Film mit Zombies sei. Damit liegt er gar nicht mal so falsch. Michele Soavi gelingt es in Dellamorte Dellamore einen Erzählton anzuschlagen, in dem sich Zombiemeuchelslapstick mit symbolträchtigen Bildern und existentiellen Sinnsprüchen vereinigen, ohne dass sich jemals eine Disharmonie ergeben würde.
Bereits am Anfang klingt an, dass er dabei an eine Idee in Romeros Dawn of the Dead anknüpft. Dort bevölkern noch ganz konsumkritisch Zombies während der Apokalypse ein Einkaufszentrum, weil es ihr Lieblingsort gewesen ist, als sie noch tote Lebende waren. (weiterlesen…)
Eine Welt, in der die Lüge nicht existiert. Der Traum aller Hippies, Unverbesserlichen und Zynikfeinde. Aber durchexerziert ins letzte Detail auch eine Art Dystopie wie „The Invention Of Lying“ (so der treffendere Originaltitel; USA 2009, R: Ricky Gervais, 99 Min.) zeigt. Keine Notlüge, keine charmante Verkleidung misslicher Umstände, sondern immer geradewegs die brutalstmöglichste Aufklärung, Wahrheit um der Wahrheit willen. Die erste halbe Stunde nimmt sich „The Invention Of Lying“ genüsslich Zeit, um unser Idealbild einer lügenfreien Welt zu demaskieren, in dem er den katastrophalen Ablauf von Dates ohne beschönigendes Freundlichsein oder die Brutalität im Arbeitsleben, wenn jeder wirklich sagen würde, was er denkt, zeigt – bis XXX entdeckt, dass er in dieser Welt der Wahrheit als einziger die Fähigkeit besitzt, zu lügen, was ihm Erfolg, Reichtum und Macht beschert.
Ricky Gervais, der große Komiker Englands, ist für seinen ersten selbstgeschriebenen Hollywood-Film ein großes Wagnis eingegangen. Im Genre der RomCom ist sein aus britischen TV-Serien wie „The Office“ und „Extras“ erprobter Humor natürlich viel zu brutal, so dass er seine Pointen auf den ersten Blick merklich dateverträglicher gestaltet, was ihm auf der Insel heftige Kritik eingebracht hatte. Für den klassischen amerikanischen Multiplexgänger ist aber Gervais Subversion weit entfernt von der gewohnten Adam-Sandler- oder Jim-Carrey-Komödie. Gerade im Vergleich zu „Der Dummschwätzer“ („Liar Liar“) von Carrey wird das deutlich, da beide Filme durchaus ähnliche Grundkonstellationen wählen: wo Gervais als Einziger des Lügens fähig ist, spielte Carrey eine Figur, die nicht lügen konnte. Während der leidlich unterhaltsame Carrey-Film seine Pointen brav ablieferte, schafft Gervais in der zweiten Hälfte von „The Invention Of Lying“ eine unerwartete, beißende Schärfe in seiner Romantic Comedy unterzubringen, in dem er aufs heftigste auf Religionskritik schwenkt. So muss man letzten Endes doch den Hut ziehen wie Ricky Gervais es geschafft hat, die komplette Hälfte eines Hollywood-Film mit der Pointe zu bestreiten, dass es Gott nicht gibt und Religion die größte Lüge von allen ist. Dass er dazu noch die 10 Gebote von Pizzaschachteln abliest, ist nur eine Respektlosigkeit unter vielen, die ihm „the man in the sky“ womöglich nicht verzeihen wird.
3. Der beste Moment:
Das erste, gnadenlos durchexerzierte Date in der Welt der Wahrheit – mit allen denkbaren Peinlichkeiten, die sich aus dem ewigen
Wahrheitsstreben ergeben.
4. Diese Menschen mögen diesen Film:
Atheisten, denen Ricky Gervais ein Gott der Comedy ist.
Als ich mich gestern unversehens vor dem Regal mit Filmen von Andreas Dresen wiederfand, schüttelte mich beim Anblick der Cover von „Wolke 9“ und „Sommer vorm Balkon“ direkt ein Anfall schlechter Laune. Dresen gehört ja zu den Leuten, von denen jeder Schrott im Feuilleton beklatscht wird. Zu meinen schlimmsten Kinoerlebnissen gehört, wie ich im Abaton saß und mich fragte, ob Wolke 9 schon ein Aufruf zum Abtreten mit achtzig ist, als plötzlich etliche Zuschauer zu klatschen anfingen. Offenbar gefiel ihnen die Message, dass im Alter eh alles schon auf Zerfall gepolt ist und jede Anwandlung von Lust von daher direkt ins absolute Desaster führen muss. Die dunkeln Wolken über meinem Kopf lichteten sich erst, als ich im Regal mit japanischen Obskuritäten „Tasogare – Liebestoll im Abendrot“ (Japan, 2008, 64 Min., R: Shinji Imaoka) fand, einen kleinen japanischen Pinkfilm, der zeitgleich von der Liebe im Alter erzählte und ganz ohne katastrophalistischen Firlefanz auskommt.
Der 65-jährige Funakichi lässt keinen Zweifel daran, dass er ein hinkender, geiler Bock ist: Gleich zu Beginn erregt er im Supermarkt Aufsehen, weil er einer jungen Frau unter den Rock lugt. Während seine Frau mit Krebs im Krankenhaus liegt, treibt er es mit einer Bardame. Als geifernd herzloser Alter hat er gleich eine ordentliche Hypothek abzutragen. (weiterlesen…)
Der junge Liverpudlian Paul Carty sieht im Fußballstadion eine Schlägerei und ist fasziniert. Nun gilt für ihn, Artschool-Gänger und Mittelklassekid, nur noch eines: Mitglied der Gang zu werden.
Zugang verschafft ihm nach einigem Zögern Elvis, der sowohl Working Class als auch bei den Hools akzeptiert ist, aber dank seiner Post-Punk- und Literatur-Vorlieben mit Existenzialismus sozialisiert wurde – und so eigentlich nur aus dem ewigen Kreislauf Pub, Bier & Fäuste ausbrechen will.
Das Subgenre des Hooliganfilms hat seine Heimat – wenig überraschend – in England, erfreut sich aber auch in Deutschland in gewissen Kreisen großer Beliebtheit. Hoch anzurechnen ist “Awaydays” (GB 2009, 104 Min, R: Pat Holden), dass er im Gegensatz zum sehr betulichen “Cass” (einem ebenfalls kürzlich auf DVD erschienenen Portrait über die 80er-Jahre-Hooligan-Legende Cass Pennant) versucht, die Hools-Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen und sie im Grunde nur als Rahmen für den ewigen Klassenkonflikt der britischen Gesellschaft nutzt: den Versuch zweier Jugendlichen, aus ihrem jeweils vorgezeichneten Mittelklasse- bzw. Working-Class-Leben zu entfliehen, was ihnen zwar über ihre Liebe zu Camus und Ian Curtis gelingen mag, aber scheitert, sobald beide nicht mehr alleine sind, sondern der soziale Druck der jeweiligen peers die mühsam via Punk & Kunst aufgebrochenen Klassenschranken wieder zementiert. (weiterlesen…)
Niemand hat so ein Gespür für Freaks wie Werner Herzog. Obwohl er Timothy Treadwell nicht so wie Bruno S. oder Kinski selbst in Szene gesetzt hat, gebührt Grizzly Man (USA 2005, L: 103 Min., R: Werner Herzog) ein Platz zwischen Stroszek und Fitzcarraldo. Natürlich kann man sich den Tenor denken, den Herzog („The jungle is full of obscenity“, „The birds are in misery, they don‘ t sing, they just squeak in pain“) anstimmt, wenn er sich der Geschichte eines vom Bären gefressenen Öko-Aktivisten annimmt. Trotz der Angriffsfläche, die der verirrte Grizzly Man Timothy Treadwell bietet, macht sich Herzog in seiner Doku nie über ihn lustig. Nach einem Blick auf sein Zivilisationshorrorkabinett darf sich jeder sicher sein, dass jedwede Anwandlung von Natursentimentalität weggeblasen ist und fortan einem selbst der Teddybär neben dem Bett unheimlich sein wird.
Timothy Treadwell in Mission ist ein leicht tuckiger Prinz Eisenherz, der in der Einsamkeit Alaskas die Gemeinschaft von Riesenbären sucht. Auf den 100 Stunden Videomaterial, das er hinterlassen hat, ruft er ihnen unaufhörlich zu, wie sehr er sie liebt, und fängt selbst beim Anblick einer toten Hummel zu flennen an. Mit einer grell geschminkten Bühnenpräsenz sehnt sich da jemand nach dem harmonischen Leben in einem verlorenen Paradies zurück. Für Herzog kommt es darauf an, dass es kein Paradies gibt, das wir hätten verlieren können. Damit Treadwell als exemplarischer Fall taugt, darf er nicht als die Witzfigur wirken, die er ganz ohne Zweifel ist. Also solidarisiert er sich als Filmemacher mit ihm und salbadert in dem geliebten Werner Herzog-Duktus über die Poesie, die der Grizzly Man aus seinen Bildern intuitiv herausgekitzelt hätte, obwohl gerade bloß ein windgeschüttelter Busch zu sehen ist. (weiterlesen…)
1. Der Film in einem Satz
It’s life, and life only.
2. Darum geht’s
Al und Ivy sind schon seit frühen Schultagen miteinander befreundet und verbringen die Sommerferien miteinander. Nach und nach wird deutlich, dass Al mehr als freundschaftliche Gefühle für Ivy entwickelt. Ivy ist aber noch mit Greg zusammen, zumindest glaubt sie das.
Als Greg per Telefon Schluß macht, versucht Al zaghafte, etwas linkische Annäherungsversuche, die Ivy zunächst blockt. (weiterlesen…)
1. Der Film in einem Satz:
Ein mexikanisches Roadmovie, das aus den Slums straight ins Verderben führt.
2. Darum geht‘s:
Die Gang des jungen Verbrechers Casper ist seine Familie, sein Zufluchtsort. Dafür akzeptiert er all die Aufgaben (Gegner umbringen, arme Menschen berauben), die ihm gestellt werden. Nur als er sich in ein Mädchen aus einem anderen Stadtteil verliebt, der für ihn aufgrund seiner Gangzugehörigkeit tabu ist, schweigt er seine Führer an. Die Bockigkeit seiner Freundin löst eine Kettenreaktion aus, an deren Ende Casper das Wichtigste, was er hat, verlieren wird. Zweimal.
Parallel dazu erzählt Regisseur Fukunaga die Geschichte der jungen Sayra, die mit ihrem Onkel und Vater illegal in die Vereinigten Staaten emigrieren möchte. Sayra als auch Casper landen auf ihrem Weg in die Freiheit auf einem Zug, auf dessen Dach sie mit hunderten anderer Getriebener gen Amerika reisen. (weiterlesen…)
Das im Juni erscheinende „visual album“ von Animal Collective, „ODDSAC“ USA 2010, 53 min, R: Danny Perez), war zuerst in New York zu sehen. Derick Rhodes war dort und sprach mit Danny Perez, dem Regisseur. Lesen Sie hier die englischsprachige Originalversion des redaktionell bearbeiteten und gekürzten Textes aus OPAK #5.
Weiterführende links inklusive.
Allow me to generalize, and then to be specific, and then to generalize again.
There are times at which a work of art may move you deeply, or cause great consternation, or take you somewhere you never imagined going, and there are also times when a work of art may frighten you, or make you more secure, or give you reason to believe that you, alone, have a been allowed into a secret-but-completely-imaginary club.
This might be one of the above times for you. Or maybe not. If I could decide for you – on your behalf – I would say to keep an open mind, just in case. (weiterlesen…)
Manche Plots wirken, als hätte der Drehbuchschreiber den Ernst des Lebens unter einer grellen Decke ersticken wollen. Bei Filmen, in denen ein warum- und wieauchimmer lebender Elvis eine Rolle spielt, denke ich vermutlich nicht nur an billigst produzierte Studenten- oder sonstige Spaßfilme, weil ich in einem dieser Sorte vor Jahren mitgespielt habe. Die Geschichte von Bubba Ho-tep (USA 2002, L: 92 Min., R: Don Coscarelli) klingt wie eine unzeitgemäße South Park-Episode: Elvis tauschte einst mit einem Elvis-Imitator die Identität, weil er des Rock ‘n‘ Rolls müde war, und lebt nun von einer völlig lädierten Hüfte, einer ominösen Geschlechtskrankheit und der Vergangenheit geplagt in einem texanischen Altenheim, wo er mit einem schwarzen Rollstuhlfahrer, der sich für John F. Kennedy hält, gegen eine seelensaugende Mumie zum letzten Gefecht antritt.
Don Coscarelli (Phantasm) und der absolut großartig agierende Bruce Campbell (Evil Dead), der den Elvis(imitator?) spielt, lassen vom straighten Horrorfilm über die Horrorpersiflage bis zum Horrortrash so einiges erwarten, bloß keine launige Reflexion über das Alter in der letzten Warteschleife. Die vakuumträchtigen Linoleumflure, die Schwester, die mit den Heimbewohnern aus abgestumpfter Gewohnheit spricht wie mit zurückgebliebenen Kindern, die desorientierte Bettlägerigkeit oder die demütigenden Gesundheitsmaßnahmen: Hier fehlt nichts, was ein Zivi im Altenheim als Zuschauer des täglichen Lebenshorrors erlebt. Coscarelli inszeniert den Kampf gegen die Mumie als letztes Aufbäumen gegen das Siechtum, als Entwicklungsgeschichte eines lebenden Toten. (weiterlesen…)
1. Der Film in einem Satz:
Ein wunderschön anzusehender, letzter Tag im Leben eines gebrochenen Mannes.
2. Darum geht‘s:
Time to say goodbye: der schwule Uniprofessor George (Colin Firth) ist es leid, jeden morgen eine Maske aufzusetzen und ein bürgerliches Leben vorzuspielen seit sein Lebenspartner bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und sein Herz für immer gebrochen wurde. An seinem letzten Tag begegnet er alten Freunden und (womöglich) neuen Lieben – und vielleicht erreicht ihn doch noch eine dieser Begegnungen so klar und tief dass er wieder Zutrauen ins ewig Neue des Leben schöpfen kann?
Man muss Modedesigner Tom Ford ein großes Kompliment machen: dass “A Single Man” (USA 2009, 101 Min., R: Tom Ford) sein Debütfilm ist, sieht man in keiner Sekunde. Neben dem bemerkenswert gelungenen Casting bis in die letzte Nebenrolle (und hat man jemals mehr unfassbar hübsche Menschen – vor allem Männer – in einem Film gesehen?) ist Ford auf bildlicher Ebene sogar einer der schönsten Filme des Jahres gelungen. Zwar mag der eine oder andere Off-Kommentar und das Stilmittel der sich ändernden Filter (blaugrau wenn sich George in seinem normalen Gemütszustand befindet – leuchtende Farben, wenn er für wenige Sekunden dann doch aufbricht und Emotionen zulassen kann) auf Dauer etwas einfach wirken, aber dafür gelingen ihm so schöne Kompositionen wie man sie nicht allzu häufig im Kino zu sehen bekommt.
Kurioserweise erinnert Ford ausgerechnet an Chan-Wook Park, den derzeit wohl kraftvollsten Bildermaler der Regiegarde, auch wenn thematisch Fords Film Meilen von Parks Ausflügen in bizarre Gewaltwelten entfernt sein mag. Dennoch: dieser Tage jemanden auf visueller Ebene mit Chan-Wook Park zu vergleichen kann man als Kompliment gar nicht groß genug verstehen.
3. Der beste Moment:
Weniger die eine Szene als die vielen Sequenzen, in denen wir mit George die Welt wie durch einen Grauschleier und in Zeitlupe an uns vorbeischwinden sehen. Die Nachbarn, die springenden Kinder, die winkenden Passanten.
4. Diese Menschen mögen diesen Film:
Wer glanzvolle Ästhetik wuchtigen Emotionen vorzieht und über die Frage nachdenkt, ob ein Leben allein ein Leben sein kann.