MEIN ALTERNATIVES LEBEN #02
Man weiß es ja nicht sicher, aber manchmal kann man es sich wünschen oder ausdenken. Auf jeden Fall sollte man immer eine Alternative haben. Hier erklären uns ausgesuchte Menschen, wer wie und was sie geworden wären, wenn sie nicht geworden wären, wer wie und was sie sind.
Dieses Mal Ronnie Vuine.
Mein alternatives Leben begann mit der Geburt von Zwillingen. Der andere war eins dieser Kinder mit von vornherein sinistrem Blick. Wir wuchsen nicht zusammen auf, aber unsere Wege kreuzten sich mehrfach: Immer wieder nahm er Posten an, für die ich vorgesehen war — er kam, um mich zu verhöhnen, mit demselben Nachtzug, und einmal glaubte ich, ihn am Ende eines Ganges gesehen zu haben. Wenn ich bei meinem Termin erschien, konnte ich schon am empört-verwirrten Blick der Damen am Empfang sehen, daß es wieder geschehen war. Ich pflegte kein Aufsehen zu erregen und das Feld zu räumen in diesen Fällen. Einmal gelang es ihm sogar, mir eine Frau zu stehlen: Während ich auf einer Reise, über die ich nicht sprechen durfte, gebunden war, übernahm er Wohnung und Korrespondenz, und als ich zurückkam fand ich nichts als einen Scherbenhaufen und einen zerbrochenen Sektkelch. An einem kalten Frühlingsmorgen auf der Promenade am Ufer eines norditalienischen Sees saßen wir uns unerwarteterweise gegenüber, an einem wackligen gußeisernen Tischchen. Er las die FAZ, wir schwiegen aggressiv, dann bezahlte er seinen Kaffee (denn er trank Kaffee, der widerliche Kerl), verschwand und ließ mich, schockgelähmt, zurück.
7. August 2009 | Keine Kommentare




