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TRISTAN EGOLF – KORNWOLF

Kornwolf(Suhrkamp) Das lokale Käseblatt von Stepford versetzt seine Leser mit der Veröffentlichung eines Fotos, das ein absonderlich hässliches Wesen im Wald zeigt, in Aufruhr: „Etwas direkt von einer Müllhalde in Jersey. Oder aus den Tiefen eines Dixi-Klos.“ Andere meinen, es sehe eher aus „wie Richard Nixon, über und über mit Schlamm oder Kot bekleckert.“ Klar ist aber: Der Teufel von Blue Ball geht wieder um. Die alte Legende vom Werwolf, der im Landstrich sein Unwesen treibt, erwacht, und die Ereignisse spitzen sich zu, als „besorgte – also bewaffnete“ Bürger beschließen, das Ungeheuer zur Strecke zu bringen.
Noch explosiver wird die Lage dadurch, dass hier eigentlich niemand den anderen leiden kann: Der Bevölkerungsanteil Amischer wird abfällig „Deitschis“ genannt, verachtet selbst wiederum die gottesferne Lebensart der verkommenen „Englischen“, und auch innerhalb der verfeindeten Lager brodelt es ordentlich. Elias, Amisch-Teenager mit geschätzter Körpertemperatur von dreiundneunzig Grad, der tierisch stinkt und gern Slayer hört, wird da jedenfalls schnell verdächtig …
Egolfs „Kornwolf“ verkörpert den geschlagenen Underdog, der die Dummheit und Brutalität des wütenden Mobs provoziert und schließlich in ebenso über- wie ohnmächtiger Rache zurückschlägt. Wie dessen Debüt „Monument für John Kaltenbrunner“ zeichnet sich auch „Kornwolf“ durch Egolfs besonderes Vergnügen aus, skurril-drastische Eskalations-Situationen zu schaffen, in denen sich wenigstens kurz eine anarchische Störung der Verhältnisse Bahn bricht. Dass sich auf Dauer dennoch nichts ändert, ist pessimistischer Tenor in Tristan Egolfs Texten. Und so bleibt das Motto: Lang lebe der Underdog.

TEXT: Niklas Dommaschk | RESSORT: Literatur, Reviews
1. März 2010 | 2 Kommentare