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HOMMAGE AN JULES VALLÈS

die untüchtigen

„Meine […] Abtrünnigen treiben sich herum auf den Misthaufen der großen Städte. […] Abtrünnige sind Leute, die alles angefangen haben und nichts geworden sind. Sie haben alle Fakultäten besucht […] – sie bekamen keinen Grad, kein Patent und kein Diplom […]
Der ist ein Abtrünniger, der mit den Füßen nicht im Leben steht, weil er keinen Beruf, keinen Stand, kein Handwerk übt und der sich nicht betiteln kann, sei es als Möbeltischler, Notar, Doktor oder Schuster, und dessen einziges Gepäck seine Manie ist – blöd oder gewaltig, fad oder berühmt und einerlei, ob er Kunst, Literatur, Astronomie, Magnetismus oder Handleserei betreibt, oder ob er per Zufall eine Bank, eine Schule oder eine Religion zu gründen trachtet…“.

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TEXT: Lasse Koch | RESSORT: Präsentationskorb, Unterwegs
31. Januar 2010 | 1 Kommentar




FEUER GEGEN DEN GLANZ-VERFALL

In OPAK #02 schreibt Politikressortleiter Lasse Koch im Literaturteil über „Lefeu oder Der Abbruch“ in: Werke Bd.1 von Jean Améry.

„Sie kommen schon, sie rücken näher: die Staffelei und das halbfertige Bild mit der Häuserfassade, das Lavabo, darin millimeterdick Ölfarben kleben, das schmutzige Geschirr, das sich anhäuft, die rissigen, abblätternden Wände, schmutzfarben wie das Bild, dem sie Obdach geben, wie das graue, unrasierte Antlitz, das aus dem Spiegel blickt, der von einer Zigarette angekohlte Brief des Anwalts auf dem durch queren Sprung ornamentalisierten Tisch.“

tanja-krokos-1Der Maler Lefeu lebt den Verfall. Er wohnt und arbeitet in einem heruntergekommenen Mietshaus, das früher einmal eine Fabrikhalle war und das jetzt einer modernen Stadtplanung zum Opfer fallen soll. Lefeus Abbruchhaus ist zum Abriss freigegeben. Das Paris der 70er Jahre soll sauberer werden. Der Abbruch des Hauses Cinq in der Rue de Roquentin hat bereits begonnen, längst arbeiten Bauarbeiter im Treppenhaus und in den Fluren, erstickt der Lärm der vorrückenden Bagger und Bulldozer fast jegliche Unterhaltung. Die Toilette ohne fließendes Wasser, die Heizung funktioniert nicht mehr, der Strom wurde abgestellt – aber Lefeu geht nicht, obwohl ihm eine Abfindung und ein modernes Appartement in Aussicht gestellt wurden.

In Gedanken formuliert Lefeu Protestschreiben, die er in Pariser Zeitungen veröffentlichen will, mittels eines Anwalts prozessiert er gegen die Baubehörde. Sich dem Verfall hinzugeben bedeutet für ihn den Rückzug aus der das Leben immer stärker nach Funktionalitätskriterien strukturierenden Moderne, gleichzeitig ist es Ausdruck einer Rebellion, die Lefeu durch eine „Verfallsphilosophie“ theoretisch zu begründen versucht.

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TEXT: Lasse Koch | RESSORT: Heft, OPAK #02
16. August 2009 | 146 Kommentare