LA CHIVA GENTIVA – “PELAO”
Ich habe mich gerade gefragt, ob Argumente ganz allgemein aus der Mode gekommen sind. Oder ob das nur bestimmte Bereiche des Lebens betrifft. Wie Plattenkritiken zum Beispiel.
Die zwar ihrerseite nicht wirklich aus der Mode gekommen sind, aber dafür wegen der Krise ihres Objekts schon auch selbst in eine geraten sind, wofür man nicht nur Diederichsen lesen muss. Der zumindest sinngemäß gesagt hat, man könne über aufregende Musik nur noch im Feuilleton schreiben. Und schließlich: Was ist aufregende Musik? Was einen aufregt, hängt schließlich immer stark von dem ab, wo man herkommt. Zum Beispiel das hier:
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2. November 2011 | Keine Kommentare







(Discorporate Records/Cargo) Geil! Die überfallartige Intensität (naja, ich hab noch keine erlebt oder veranstaltet, aber man kann sich das ja mal vorstellen), mit der Don Vito aus dem Wilden Osten Deutschlands hier ihre zehn instrumentalen Math-Noise-Rock-Attacken abfackeln, ist bemerkenswert. Das längste Stück dauert 2:09 Minuten, das kürzeste gerade mal 42 Sekunden. Ist also schnell vorbei der Spaß. Aber – wie eine Minutmen-Platte – macht das nichts, weil man die auf „IV“ enthaltenen Informationsmengen ohnehin erst nach mehreren Durchläufen für sich halbwegs sortiert hat und danach erst recht immer mehr will.
(Riot Season/Cargo) Deep. Dafür nehmen sie sich Zeit: Etwas über fünfzig Minuten dauert dieses Album, das gar nicht erst in mehrere Tracks zerlegt ist, obwohl es aus drei Teilen besteht. Verdun, das war eine der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs. Fast ein Jahr lang lagen sich deutsche und französische Armee gegenüber, am Ende waren auf beiden Seiten so um die 100.000 Mann „gefallen“, die Gegend in eine Kraterlandschaft verwandelt und nachhaltig verwüstet – und am Frontverlauf hatte sich unterm Strich kaum etwas verändert. Dieser Schlacht widmen sich die Neuseeländer Black Boned Angel mit zermürbender Düsternis und gnadenloser Konsequenz. Wobei zum Schlagzeug (das oft über lange Strecken schweigt) und elektrisch verstärkten Saiteninstrumenten noch Samples kommen, die das Nervenkostüm weiter zerrütten. Neulich schrieb ich über eine Doom-Band, Winter seien dagegen Fun Punk gewesen. Hier passte das auch, allerdings noch ein ganzes, tödliches Stückchen besser…
(Denovali/Cargo) Das Album hält locker, was die EP von vor ein paar Monaten versprach: eine kraftvolle, dichte Musik, die mit den Mitteln (vor allem den Instrumenten) des Jazz Rock-Intensität erreicht, aber auch in fragilen Kompositionen kristallinen Glanz verbreitet. Mouse On The Keys eröffnen furios mit „Completed Nihilism“, das an große Prog-Rock-Momente erinnert, die eine Seite dessen, was sie auf diesem Album veranstalten. Dies kontrastieren sie mit leisen Interludes, die sie virtuos zu steigern wissen. Jazz ist hier eher eine Soundfrage. Ansonsten beziehen sich Mouse On The Keys auf viele andere Musik (Steve Reich, Post Hardcore, Detroit Techno), die wiederum eher in den Kompositionen wirkt, die im übrigen stets klar strukturiert sind, also nicht zur Grundlage von Improvisationen dienen.
(Southern Records/Soulfood) Schon eine eigenwillige Bande: Ohne viel Federlesens fusionieren sie Prog-Rock, orchestrale Einwürfe, elektronische Tanzmusik, Heavy Metal und noch ein weiteres halbes Dutzend disparater Stile zu einer Musik, die zugleich so homogen und zumindest in meinen Ohren unanstrengend unterhaltsam wirkt, als wären all diese Einflüsse nicht dem Fan gar Anlass zu erbitterter Abgrenzung dem jeweils anderen gegenüber. Von den vielen Beschreibungen, die die Kollegen so von sich geben im Versuch, das Unaussprechliche begrifflich zu machen, finde ich am hilfreichsten jene vom Hinterland, wo sich Zappa, Funkadelic und Magma treffen (Q), aber das klammert vielleicht auch noch zu viel aus. Man muss es ja auch heute niemandem mehr erzählen, wo er und sie sich das mal kurz unverbindlich anhören können. Was im übrigen das Genre der Plattenkritik noch nicht ganz erledigt, aber das wissen Sie, liebe Leser, natürlich, sonst könnten wir an dieser Stelle nicht so nett plaudern.
(Conspiracy/Cargo) Schon recht bedenklich wurde mit dem Begriff Post Rock in den letzten Jahren Schindluder getrieben. Was vielleicht auch daran liegt, das von Anfang an kaum jemand wusste, was das eigentlich sein sollte, außer einer zeitlichen Einordnung, die obendrein von einem Treppenwitz der Musikgeschichte (i.e.: The Strokes) vor zehn Jahren elegant ausgehebelt worden war – beziehungsweise: wie der im Terminus enthaltene Avantgardegedanke eigentlich inhaltlich zu füllen wäre, theoretisch wie praktisch. Interessant in diesem Zusammenhang: Die Begriffsbildungsmethode, ja schon damals nicht neu, fand neue Anhänger in einer metalaffinen Szene, die sich durchaus auch auf das bezog, was von Chicago kommend als Post Rock eine gewisse Popularität erlangt hatte: Vorwiegend instrumentale Musik, die sich nicht in klassischen Liedformen erschöpfte, sich auch nicht auf die stilistischen Wege des Rock festlegen lassen wollte.



