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FLOWERPORNOES – ICH LIEBE MENSCHEN WIE IHR

Flowerpornoes – Ich liebe Menschen wie ihr

(Gim Records)
Vor einigen Wochen saß ich, als gerade von einigen unerfreulichen Ereignissen verbeultes, vom Leben und unergründlichen Seelenregungen geohrfeigtes angehäuftes Elend, nächtens auf dem Sofa einer Freundin. Es waren die kalten Novembertage, und wir saßen drinnen, Holzofen, alter Hof, Dorf, der letzte Zug später, diese Tage waren das, und als der Strom der Worte endete, ging ich, Scheibe für Scheibe, durch ihre Sammlung alter Heft-CDs, All Areas, Sounds Now, New Noises, mit immer wieder hängenbleibendem Blick, da schossen mir Riffs und Refrains durch den Kopf, Momentaufnahmen von früher auch, Songs und Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie oft ich glücklich nickte, auf ihrem Sofa, es war viel Zeit noch, bis raus in die Kälte, der Bahnhof im Nachbardorf, die Straßenlaternen lange schon stumm. Irgendwann jedenfalls hatte ich dieses Bild in der Hand, alten Mannes Hände in Blau, Auge zwischen Falten, Herbst 2004, Rolling Stone, und auf der Rückseite, umkringelt, ausrufbezeichnet, wichtig gemacht, ernst genommen, zwischen Keane und den Dresden Dolls, dem American Music Club und Dogs Die In Hot Cars: Tom Liwa. Wir haben nicht zugehört, an diesem Abend, aber U.A. Chinesischer Zirkus war von nun an da: „Und wenn ich wiederkomm’ / Fang ich genau da an / Wo ich jetzt nicht weiterkomm’ / Im ewigen Rhythmus.“

Das ist schlimmer Kitsch, wie er manchmal Leben rettet. Wenn der dicke einsame Holzwurm seine Pilcher-Verfilmung braucht, um nicht hops zu gehen, dann ist das halt auch einmal OK, solange er sich nicht durch kritisch-theoretische Schreibtischbeine fressen muss, und wenn einer seinen ewigen Rhythmus in ein dauerrepeatfähiges Liedermacherlied stecken kann, das dann sanft die Hand auf die Schulter legt und zaghaft ins Leben schubst, dann kriegt er manchmal dafür von mir ein dankbares Lächeln. Whatever gets us through the night, sagten wir uns an diesem Abend. Im Herbst 2004, als der Song bei mir tatsächlich, wenn auch unumkringelt, meine Tage bemalte, von der gleichen blauen CD gespielt, wie ich sie nun aus der Sammlung meiner Freundin fischte, hatte Liwas persönliche Balance aus Kitsch und Anspruch mich ziemlich ratlos gemacht. Dudajim, sein gerade erschienenes Soloalbum, wanderte im Plattenladen einige Male vom Regal in meine Hand, in Probehörhörer und zurück ins Regal. Ich weiß nicht, was den Ausschlag gab, es dort zu lassen; letzten Endes, glaube ich, war es das Kruzifix auf der Rückseite, zu dem Liwa in Interviews dann seinen Senf gab, Jesus und Buddha und das Allumfassende, Knautschgesicht und untote Bartträger und das Album benannt nach dem hebräischen Wort für Alraune, das war alles etwas zu viel vom Zuviel, und wenn ich mich noch einmal rein denke: So sehr überzeugend war die Musik vielleicht auch nicht.

Nun ist Tom Liwa nicht bloß ein brillant kauziger Songwriter, der Poesie, Rock’n’Roll, den Kraut-Habitus mystischer Mittelgebirge und eine gewisse American Coolness in seiner Duisburg-Dylan-Persona so sehr vereint, das man ihm fast gar nicht anders als mit dem Authentizitäts-Siegel kommen kann, sondern auch der Kopf der großartigen Band Flowerpornoes, große Zwischenstühlensitzer, große Referenzverzichter, große Kunst. Und in genau diesen kalten Tagen, in denen ich auf dem Sofa über das Leben qua Chinesischen Zirkus reflektierte, erschien bei Gim Records die neue Platte dieser Gruppe, die zweite nach dem Neuanfang 2007: Ich liebe Menschen wie ihr. Vorne drauf: Eine Stubenfliege, und im Booklet freilich Menschen aus dem Rainbow-Warrior-Lehrerzimmer, aber hey, ich bin mittlerweile erwachsen genug, damit umgehen zu können. Kurz: Ich freue mich. Und das zurecht.

Ich liebe Menschen wie ihr ist ein großes Album geworden. Kein leichtes, das ist klar. Eines, das sich mit seiner wirren Spiritual-Poesie entlang so einiger gefährlicher Kliffe hangelt, immer kurz vorm Ungenießbaren, immer gerade noch drin also im guilty Gut-Finden. Das Wort Erde, so heißt das erste Lied, es ist eines, zu dem man sich verlieben mag. Andere: Verquere Schüsse ins Kraut. Neun Minuten Papamesaiok, eine Hommage an die Band Gong. Dann singt Liwa wieder als Über-Bob: „Saving Grace, Mama / Während sie spült“. Zwischendurch der Tunnel der Love-Parade und Eso-Country in Country. Und vielleicht auch das schönste Lied gegen dieses Land, gerade, weil so offenkundig essentialistisch-unpolitisch und dann doch wunderbar: Die Flüsse und die Berge werden noch da sein, wenn all die komischen Leute, die Liebenden und die Verkrachten und du, längst Staub sind, verkündet verhalten euphorisch – Land.

Kurz vorm Umkippen, wie gesagt, aber in dieser anarchischen Verweigerung des Einzuordnenden, ohne sich einer Szene des queeren Dazwischens zugehörig fühlen zu müssen, weder für die Alten noch für die Jungen nachvollziehbar zu sein, keine Aussage zu treffen, und das doch die ganze Zeit zu tun in einer Sprache, die niemand versteht außer die Intuition eines Jeden, sind die Flowerpornoes auch nach fast 30 Jahren ihres Bestehens ein singuläres Glück.

TEXT: Steffen Greiner | RESSORT: Musik, Reviews
7. Januar 2013 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


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