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MELANCHOLIE UND PROTEST

In dieser Woche beginnt das Kampnagel-Sommerfestival in Hamburg. Ein Highlight, auf das wir uns freuen, ist das Doku-Theaterstück „Melancholie und Protest“ von Lola Arias. Nach der Geburt von Lola erkrankte ihre Mutter an einer postnatalen Depression. Die Frage nach dem „Warum?“ führt die Theatermacherin in die Geschichte Argentiniens zurück: Ihr Geburtsjahr 1976 trifft mit dem Militärputsch zusammen. Lola zeigt, wie unscharf die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Politischen verlaufen. Wir hatten Gelegenheit, mit ihr über das „poetische Dokumentartheater“, die Inszenierung von Erinnerung, Protestbewegung und Diebstahl zu sprechen.
 
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Dein dokumentarisches Theater ist immer sehr direkt: es steht nicht das recherchierte Material im Vordergrund, sondern die darstellenden Personen erzählen ihre authentischen Geschichten innerhalb des Kunstrahmens Theater. In deinem Theaterstück „Melancholie und Protest“ gehst du einen Schritt weiter. Zum ersten Mal stehst du selbst auf der Bühne und erzählst von deiner Mutter. Was war das für ein Erlebnis für dich?
 
Die Art des dokumentarischen Theaters, das ich mache, verfolgt nicht das „Experten des Alltags“-Konzept, wie das zum Beispiel das Rimini-Protokoll macht. Was mich interessiert, ist reenactment. In diesem Fall zur Militärdiktatur in Argentinien. Unterschiedliche Protagonisten erzählen unterschiedliche Geschichten, es ist aber auch kein klassisches Dokumentartheater, sondern poetisch-dokumentarisch. In dem reenactment gibt es nämlich auch viel Absurdes und es geht ausschließlich um Sachen, die in der Erinnerung stattfinden.
Es ist auf alle Fälle schwer mit der eigenen Familiengeschichte zu arbeiten und gleichzeitig Schauspielerin, Regisseurin und Performerin zu sein. Es fehlt die Distanz, die ich sonst in meinen Theaterstücken hatte.
 
Hat diese Erfahrung deinen Verstehensprozess in Bezug auf die Krankheit deiner Mutter verändert?
 
Die Idee des Stücks ist es, so eine Art medical record zu machen. Der Blick der Tochter fällt auf die Mutter als könne sie die Krankheit objektiv analysieren, was aber eigentlich unmöglich ist. Es geht auch darum, wie die zwei Seiten der Krankheit, Manie und Depression, die Beziehung zwischen den beiden konstituieren. Das Stück versucht die Gründe für diese Krankheit zu verstehen und das scheint eine ausweglose Situation zu sein, denn die Gründe sind nicht so leicht greifbar. Es geht nicht nur um einen biologischen oder chemischen Prozess; die Ursachen liegen vielmehr in der Tiefe und hängen zusammen mit der Liebe zu ihrem Ehemann, mit der Geburt der Tochter, aber auch mit der Militärdiktatur. Das ist nicht so einfach lösbar.
 
Für die Inszenierung hast du eine kleine Bühne auf die große Bühne gesetzt. Du selbst stehst vor der kleinen Bühne. Du moderierst und kommentierst das Stück und trittst manchmal auch in die Szene ein. Hat das Bühnenbild dir geholfen, emotional zwischen Nähe und Distanz zu wechseln?
 
Es geht in dem Stück genau um diesen Widerspruch zwischen Nähe und Distanz. Wie viel Distanz brauche ich, um die Krankheit meiner Mutter analysieren zu können? Gleichzeitig ist es unmöglich eine Distanz zur eigenen Mutter herzustellen. Manchmal bin ich außerhalb, manchmal trete ich in das Geschehen ein – immer dann wenn ich gar keine Distanz haben kann. Die Inszenierung ist Ausdruck der Unmöglichkeit totale Distanz oder totale Nähe herstellen zu können. Ich versuche nicht etwas Reales 1:1 zu inszenieren, sondern vielmehr die Erinnerung daran. Es ähnelt den Kinderbüchern, die man aufklappen kann und aus denen die Figuren dann drei-dimensional hervortreten. Die Bilder haben auch etwas Absurdes, Traumhaftes und Delirisches.
 
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Warum hast du für dein Theaterstück anstatt des Widerstands gegen die Militärdiktatur in Argentinien eine aktuelle Protestbewegung in Buenos Aires gewählt? Donnerstags versammeln sich vor dem Justizpalast alte Menschen. Sie kommen aus unterschiedlichen politischen Lagern, die das Thema „Alter“ vereint. Die Zeit der Revolution der Alten scheint gekommen.
 
In dem Stück geht es nicht um die Zeit der Militärdiktatur, das habe ich ja bereits in einer anderen Inszenierung thematisiert. Thema des Stückes ist, wie es einer Frau geht, die in einer krassen Situation, nämlich während des Militärputsches, ein Kind bekommt. Das wirkt zunächst wie eine sehr persönliche Geschichte. Die Geschichte hat aber auch eine gesellschaftspolitische Dimension, wenn man überlegt wie viele Menschen in Folge des Militärputsches unter Depressionen litten und sich in eine Art innere Migration zurückgezogen haben. Es gibt eine Tabuisierung von psychischen Erkrankungen, darüber wird in Argentinien überhaupt nicht diskutiert, wir leben sozusagen in einer Psychopharmaka-Epoche.
 
Die auf der Bühne erzählte Geschichte ist eine traurige Geschichte, aber sie hat auch schelmenhafte Momente. Du erzählst, in eurem Haus hätten immer alle einander beklaut. Dein Kommentar dazu ist: „Den Dieb zu bestehlen bedeutet nicht zu stehlen.“ Und man kann Gestohlenes verschenken. Sind das Freiheiten, die sich jeder trotz einer traurigen Geschichte aneignen kann?
 
Im Stück basieren viele Teile auf Interviews mit meiner Mutter. Das sind sehr dichte und schwierige Themen und Humor ist ein sehr wichtiger Teil davon, sonst wäre das alles unerträglich. Die Interviews wären anders kaum auszuhalten, also der Verlust von Lebenssinn, der Wunsch zu sterben, die große Unruhe. Es gibt aber eben nicht nur den Schmerz, sondern auch ganz skurrile Sachen, vor allem in den manischen Phasen der Krankheit. Zum Beispiel, dass man keine Kontrolle mehr über das Geld und die Ausgaben hat. Meine Mutter musste ihre Kreditkarten sperren, weil sie völlig absurde Sachen eingekauft hat. Oder sie hat 32 Frühstücksteller in einem Hotel abgeräumt, um sie anschließend meiner Tante zu schenken. Und wenn man sich vorstellt wie sie diese 32 Teller in ihrem Koffer lädt, hat das auch unbedingt etwas Humoristisches. Die manischen Phasen sind dadurch geprägt, dass du alles besitzen willst und du denkst, dass dich keiner aufhalten kann.
 
In deinem Buch „Liebe ist ein Heckenschütze“ springst du zwischen unterschiedlichen Textgattungen hin und her: Gedichte, Fragmente, Tagebuchaufzeichnungen, Songtexte etc. Du sprichst von einem Erfahrungsarchiv. Auf der Bühne scheint es mir ähnlich zu sein. Wann hast du angefangen in solchen Collagen zu denken?
 
Alles, was ich mache, ist Teil eines Ganzen. Mir wird oft die Frage gestellt, wie eine Person all diese Sachen gleichzeitig machen kann. Ich betrachte mich als eine Künstlerin, die sich einfach in unterschiedlichen Genres ausdrückt, eine andere Arbeitsweise ist für mich gar nicht vorstellbar. Alles ist eine Reflexion über die eigenen Erfahrungen und dafür gibt es einfach unterschiedliche Ausdrucksformen.
 
 
Interview: Ute Meyer
Übersetzung: Irene Hatzidimou

TEXT: Redaktion | RESSORT: Literatur
9. August 2012 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


  1. [...] interessiert. Ich finde nichts, was mich in einer Galerie interessiert, wenn da nichts passiert. Und die Bilder und Figuren, die tun ja nichts. Deshalb wurde ich erst kürzlich für einen Kunstbanausen gehalten, von einem, der sich auskannte, [...]



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