MUSIK IST KEINE KUNST, SONDERN DIE LÖSUNG VON PROBLEMEN
Kurz vor Release von „Highlight“, dem neuen Album der Band Bratze, hatten wir Gelegenheit, mit Kevin Hamann und Norman Kolodziej zu sprechen. Beide sprechen Norddeutsch, fast jedes „t“ klingt nach einem doppelten „d“. Norman ist zum Interviewzeitpunkt mit Vorkehrungen für eine US-Tour mit Captain Capa beschäftigt, Kevin kommt zu spät – der Alltag…

Foto: Sophie Krische
Kevin, du scheinst einen anstrengenden Job zu haben.
K: Ich bin als Musiker in der Barner 16 angestellt, einer Hamburger Einrichtung, in der ungefähr 80 Menschen mit und ohne Handicap arbeiten. Station 17 kommen auch daher, sie sind wohl das Aushängeschild. Es gibt aber neben Musik auch Druck, Film, Literatur, Tanz und ein Label. Die Barner 16 ist wie eine Werkstatt, was wir herstellen, ist Kunst.
N: Acht Stunden pro Tag Musikmachen – ich weiß nicht, wie du das aushältst.
Ist es nicht ein Spagat, Musik als Selbstverwirklichung zu betrachten, und sie auf der anderen Seite als Tagwerk zu verrichten?
K: In der Barner 16 funktioniere ich als Musiker anders, tobe mich mit vielen Musikern in Bereichen aus, die mit Bratze nichts zu tun haben. Wenn ich Lust auf eine Saxofon-Session habe, dann hole ich zwei unserer blinden Saxofonisten rein und wir zocken ein J.Lo-Stück raus.
Zur Zeit arbeiten wir in Kooperation mit einer Londoner Einrichtung an Sounds und Filmen für eine Ausstellung zu den Paralympics in London. Nach den Ferien geht es weiter mit dem Album des Barner 16 Kollektiv, einer offenen Gruppe, die ich mitbegründet habe. Außerdem setzen wir uns ab August mit einer Theaterproduktion auseinander, einem Mix aus Hip Hop, Tanz und visueller Überflutung, die auf Kampnagel zur Aufführung gebracht wird.
Ich nehme an, besagte Saxofonisten sind auch auf dem “Highlight” zu hören?
K: Eigentlich hätte es sich angeboten, weil wir zwei Bratze-Songs in der Barner 16 gemacht haben. Außerhalb der Arbeitszeit natürlich.
N: Dieses Vorgehen war neu für uns, in so einem Raum arbeitet man anders zusammen als zuhause. Unsere Stücke entstehen in der Regel so, dass einer mit einer Idee kommt, der andere vielleicht etwas mit dem Keyboard beisteuert – und dann hat jemand wieder Kaffee gemacht oder Bier geholt.
K: An dem Abend haben wir zwei Stücke gemacht. Das eine ist die Single „Zitate“ geworden, das andere ein Instrumentalstück, was auch auf der Platte drauf ist. Nur weil Norman mal einen Bass in die Hand genommen hat: „Oh geil, hier ist ja ein Bass“, hat er gesagt.
In „Woody Allen: A Documentary“, der gerade in den Kinos läuft, sagt Allen etwas Interessantes über künstlerische Entwicklung: „Ich mache immer nur das, was mich gerade interessiert, der Rest ist mir eigentlich egal.“ Ihm liegt also wenig an zielgerichteter Reifung, es scheint ihm nicht darum zu gehen, sich in Teilbereichen zu verbessern. Könnt ihr das nachvollziehen?
K: Je mehr man gemacht hat, desto eher wird man sich bewusst, was man eigentlich herstellt. Woody Allen verfügt, durch die vielen Filme, die er gemacht hat, über eine Grundkenntis, was geht und was nicht. Selbst wenn er vorgibt, dass ihn beispielsweise Publikumsresonanzen nicht interessieren, wird sich ganz weit hinten in seinem Kopf doch etwas anderes abspielen. Erfahrungen mischen sich – oftmals unbewusst – in künstlerische Entscheidungen ein.
N: Vielleicht ist Woody Allen wirklich alles egal, weil er keine Notwendigkeit sieht, einen Film zu machen, der dem Publikum gefallen muss. Das ist natürlich ein guter Ansatz, wobei man auch sagen muss, dass Resonanzen grundsätzlich schwer steuerbar sind. Bei mir war es immer so: Wenn ich gesagt habe, dass ein Lied gut ankommt, dann ist es garantiert nicht gut angekommen. Ich habe schon häufig gesagt: „Das wird live der totale Knaller!“ – beim Konzert standen die Leute da, mit verschränkten Armen und alle am Gähnen. Mit T-Shirts ist es das gleiche: Wenn ich dachte, ein Design zu haben, das die Leute kaufen, dann lagen die Shirts jahrelang bei mir rum.
Apropos Publikumsreaktionen: Jörg Fauser hat mal gesagt, ein Schriftsteller, der nicht gelesen werden will, sei eine pathetische Figur. Teilt ihr diese Ansicht in Bezug auf euer Verhältnis zum Publikum?
N: Im Scherz sagen wir manchmal: „Ich mache jetzt die Hihat lauter, weil der Kunde es so wünscht“. Aber wahrscheinlich gibt es unbewusste Übereinkünfte, nach denen wir uns richten. Die sorgen dann dafür, dass die Musik ihre Hörer findet.
K: Vieles legt man sich so hin, dass es einem Publikum entspricht, einem Geschmack, den man selber auf eine Weise hat. Außerdem, und das ist kein Geheimnis, sind wir zu einem gewissen Grad abhängig vom Publikum. Wir wollen Geld generieren, um unsere Mieten zu bezahlen. Und es ist nichts Schlechtes daran, dass Leute uns geil finden und das auch so bleiben soll.
N: Zu den unbewusst wirkenden Konventionen kommen auch Dinge wie Mischungs- und Lautstärkeverhältnisse. Wir alle haben doch eine Vorstellung davon, wie ein Musikstück klingen soll.
Natürlich, es gibt Hörgewohnheiten…
N: Ein Blick auf den Spektrum-Analyser zeigt schnell, dass es wenig Musik gibt, die völlig aus dem Ruder schlägt; die Fletcher-Munson-Kurve erklärt, wie frequenzabhängiges Hören funktioniert; körperlich bedingte Reaktionen mögen eine Rolle dabei spielen, ob Klänge als angenehm wahrgenommen werden. Mir erzählte jemand, er mische grundsätzlich so ab, dass die Filtereinstellungen ein Rosa Rauschen ergeben, also ein Rauschen, das an die Fletcher-Munson-Kurve angepasst ist.
Alben werden vor allem dann von der Kritik gelobt, wenn der Künstler sich mal wieder neu erfunden hat. Spürt ihr ein Drücken, euch weiterentwickeln zu müssen?
K: Zwang erstickt Kreativität sehr schnell. Mir sind fließende Übergänge lieber: zufällig stößt man auf neue Musikprogramme, auf Produktionen oder Stücke und wundert sich: „Alter, wie haben die das denn gemacht?“ Es ist auch vollkommen legitim, wenn Künstler mal sieben Jahre lang nichts machen, weil sie keine Lust haben oder ihnen gerade nichts einfällt. Außerdem steckt in dem Wort Weiterentwicklung auch, dass man besser wird. Dazu kann ich nur sagen: Ich spiele in einer verdammt schlechten Punkband – eher eine Rückentwicklung, die aber Spaß macht.
Also bleibt doch alles beim Alten?
N: Wenn ich dazu direkt etwas zu Protokoll geben dürfte: Die Lieder auf Highlight hören sich vollständig anders an als die auf der Platte davor. Und noch etwas: Keins von der alten Platte ist auch auf der neuen drauf. Verrückt, oder? Außerdem sind wir bei dieser Produktion experimentierfreudiger gewesen. Wir haben mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten gearbeitet, haben eine Art Seil auf einen Bass gespannt. Und danach haben wir mit Ästen aufeinandergehauen und mit einem Drahtgeflecht ein Keyboard zerschmettert und das dann aufgenommen.
So Einstürzende-Neubauten-mäßig, interessant!
Mal ernsthaft, wer von Entwicklung spricht, meint ja häufig eher Rekombination, ein Neu-Zusammenwürfeln. Weil mich insbesondere technische Aspekte faszinieren, empfinde ich es als Herausforderung, mich auf diesem Gebiet zu verbessern. Ob das zwanghaft geschieht, weiß ich nicht. Der Akustikbereich ist jedenfalls so umfangreich, dass man sich ein ganzen Leben lang daran abarbeiten kann, ohne zu einem Ende zu kommen.
Ich habe mein Leben in 10-Jahresabschnitte eingeteilt. Nach dem Abitur wollte ich von 20 bis 30 studieren, von 30 bis 40, so hatte ich es mir vorgenommen, wollte ich alles über Musik in Erfahrung bringen, was man überhaupt wissen kann. Tja, nach dem ersten halben Jahr habe ich aufgegeben…
Das klingt beinahe tragisch. Was ist passiert?
N: Ich habe festgestellt, dass es absolut nicht möglich ist, Musik umfassend zu begreifen. Trotzdem: Mir macht es Spaß, unsere Musik möglichst gut, spannend und frisch klingen zu lassen. Bei der Produktion des neuen Albums haben wir versucht, fast ausschließlich neue Sounds zu benutzen.
K: Dennoch würde ich nicht von Weiterentwicklung sprechen. Wir haben die Instrumente weiter reduziert, die Produktion stellenweise zurückgefahren. Dass Tracks, die eigentlich nur aus Bass und Schlagzeug bestehen, trotzdem nach einer fetten Produktion klingen, ist nur durch Normans Wissen ermöglicht worden. Wenn es ein technisches Problem gibt, dann muss es gelöst werden. Norman ist wie der Pianist aus der Sesamstraße, der mit dem Kopf auf das Klavier schlägt.
N: Tatsächlich ist „Problemlösen“ als Aspekt massiv vertreten. Wenn in einem Song etwas nicht stimmt, hat man es mit einer Schwierigkeit zu tun, die überwunden werden muss.
K: Vielleicht ist Musikmachen generell ein reines Problemlösen: Du hast leere dreieinhalb Minuten und musst sie füllen. Musik ist keine Kunst, sondern die Lösung von Problemen.
Und welche Probleme löst eure Musik noch?
N: Oftmals kommen Leute zu uns, die Probleme mit einer Matheklausur haben. Denen spielen wir dann unsere Songs vor und auf einmal ist alles ganz einfach.
Genial! Bratze gibt es seit 2007, eure musikalischen Karrieren sind deutlich länger. Habt ihr Vorbilder, gibt es Musiker, die ihr aufgrund ihres Werdegangs bewundert?
N: Wenn Skrillex innerhalb von einem Jahr aus dem Nichts kommt und komplett abräumt, ist das cool. Auf der anderen Seite schätze ich aber auch die Konstanz. Herbert Grönemeyer kommt mir in den Sinn, der ist immer ziemlich entspannt. Aber Moment, ist der ein gutes Beispiel oder hat er sich Zweifelhaftes geleistet wie Heinz Rudolf Kunze?
Wenn, dann nicht in der Größenordnung.
N: Bei Grönemeyer gibt es trotz jahrzehntelanger sehr erfolgreicher Karriere keine Überbewertung der eigenen Fähigkeiten. Dieses Ultraselbstbewusste, das viele Musiker zur Schau stellen, nervt ja immer ziemlich.
K: In „Exit through the Gift Shop“ lässt sich ein Künstler feiern, der allein durch die Empfehlungen anderer Künstler nach oben gekommen ist. Seine Ausstellung schlägt wahnsinnig ein, plötzlich ist er der Star – so etwas finde ich merkwürdig. Ich bin da eher der klassische Typ, mir gefallen Leute, die sich über einen längeren Zeitraum bewiesen haben. Wahrscheinlich ist das auch nur eine Legende, aber sind das nicht diejenigen, die sich am längsten halten?
Ein langer Atem ist bestimmt von Vorteil. Andererseits: Wollt ihr bis zu eurem Lebensende Musik machen, immer wieder abliefern und euch womöglich mit Leuten arrangieren, die man seit Jahren schon nicht mehr leiden kann?
K: Um Himmels Willen!
Es gibt also die Option, die Reißleine zu ziehen?
N: Ja, bevor wir wie Metallica werden… Weil man als Musiker extremen finanziellen Schwankungen unterworfen ist, werde ich mir wohl im nächsten Jahr einen Job suchen. Keine Vollzeitbeschäftigung, dazu bin ich nicht der Typ. Ich möchte schon mein Leben lang Musik machen, wobei ich mich nicht auf eine Band festgelegen würde.
K: Man darf nicht vergessen: Was wir machen, ist sehr anstrengend. Unser Sound wird mit Party und Ausschweifung in Verbindung gebracht, von uns wird erwartet, zu später Uhrzeit zu spielen, es gibt eine Mega-Feierei – das halten wir nicht mehr lange durch, nicht, bis wir 40 sind. Aber bis dahin… Im August spielen wir auf einem Festival direkt vor Madball. Geil, oder?
Was gibt es bezüglich der Platte noch zu tun?
N: In den letzten drei Tagen habe ich ununterbrochen nur ein Lied gehört, mit dem wir Ärger haben. Für das Mastering kriegen wir es nicht in den Griff.
Weil der Typ vom Mastering es einfach nicht drauf hat, nehme ich an.
N: Genau, ein Vollidiot… – Ich bin das!
Okay, dann schmeißt es doch einfach achtkantig von der Platte!
N: Würde ich auch gern, nur steht das Artwork schon. Ansonsten hätte ich es natürlich schon längst gelöscht…
Bratze: “Highlight” erscheint am 14.09.2012.
Tourdaten
08.08. München – Theatron
09.08. Püttlingen – Rocco Del Schlacko
10.08. Oberhausen – Olgas Rock
11.08. Haren/Ems – Rüt’n Rock Festival
25.08. Hannover – BootBooHook Festival
20.09. Gießen – Muk
21.09. Bremen – Tower
22.09. Lübeck – Treibsand
24.09. Bochum – Bhf. Langendreer
25.09. Berlin – Magnet
26.09. Dresden – Beatpol
27.09. Kassel – Schlachthof
28.09. Aachen – Musikbunker
29.09. Heidelberg – Karlstorbahnhof
12.10. Flensburg – Volxbad
13.10. Hamburg – Hafenklang
02.11. Magdeburg – Moritzhof
03.11. Zwickau – Mocca Bar
04.11. Regensburg – Heimat
05.11. Frankfurt – Ivi
06.11. Oberhausen – Druckluft
07.11. Göttingen – Blue Note
08.11. Lüneburg – Salon Hansen
09.11. Rostock – Mau
10.11. Hildesheim – Kufa
21.11. Saarbrücken – Garage + Frittenbude
22.11. Münster – Sputnik + Frittenbude
23.11. Köln – Gebäude 9 + Captain Capa, Fuck Art, Let’s Dance
24.11. Koblenz – Circus Maximus
25.11. Wiesbaden – Schlachthof + Frittenbude
26.11. München – Feierwerk
27.11. Freiburg – Slowclub
28.11. Karlsruhe – Substage
Interview: Lucia Newski
25. Juli 2012 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





Jetzt ist es raus « BRATZE Blog am 25. Juli 2012
[...] Opak Magazin [...]
Jaques am 6. August 2012
Sehr tolles Interview! Ich hatte schon einmal das Glück diese tolle Musik live hören zu können und ich kann es nur absolut weiterempfehlen!
In Köln wird es dann wieder mal soweit sein :-) !
(HO) am 19. September 2012
Schönes Interview und sehr schöne Platte. Bischen anders, als zuvor aber wird immer besser. Da geh ich bestimmt nochmal mit hin. Schönen Tach noch…
tob am 15. November 2012
schönes Interview, vielen Dank!
sachkenntlich, detailreich, keine überbordenen Albereien, viele musiker- und produktionsrelevanten Infos. So soll es sein.