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NOSTALGIE UND BEQUEMLICHKEIT – INTERVIEW MIT CHRISTINA VANTZOU

Christina Vantzous Ambient-Album Nº1, das Ende 2011 veröffentlicht wurde, zeigt eindrucksvoll, wie schwerelos Musik als Klangerlebnis funktionieren kann. Das daran anschließende Remix-Album verbindet nicht nur die ursprünglichen Klangentwürfe Vantzous mit den Neuinterpretationen anderer Künstler, Teil des Album ist ein gut 40 minütiger Kurzfilm, der dem ursprünglichen Album einen visuellen Rahmen bietet und tief in die Ästhetik von 16mm Filmen und Found-Footage eintaucht. Eine Ästhetik, die sich auch durch die Clips zu den Remixen, die mittlerweile erhältlich sind, zieht. Nils Quak hat sich mit Christina Vantzou über das Remix-Projekt, Nostalgie und das Dreieck von Lana del Rey, Instagram und die Vermarktung der daran angeschlossenen Ästhetik unterhalten.
 
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Gab es ein ein besonderes Auswahlkriterium, nach dem du die Künstler für die Remixe ausgewählt hast?
 
Die Arbeit an Nº1 war ziemlich umfangreich und das Album zu mischen, hat recht lange gedauert. Und ich habe mich währenddessen immer mehr gefragt, zu welchen Ergebnissen Andere wohl mit dem Rohmaterial kämen. Künstler zu Remixen einzuladen, schien daher mir eine nahe liegende Idee. Den ersten, den ich gefragt habe war Adam Forkner, der unter anderem als White Rainbow Musik macht. Ihm hat die Idee sehr gut gefallen und nach und nach habe ich weitere Künstler gefragt, ob sie Interesse hätten. Am Ende waren es zehn Remix-Tracks, die zu mir zurückkamen. Was die Arbeit an den Remixen anging, so gab es keine speziellen Anweisungen, sondern lediglich das Angebot, etwas Eigenes mit dem Material zu machen. Jedes Mal, wenn ich einen Track zurück geschickt bekommen habe, war das, als ob man ein Weihnachtsgeschenk öffnen würde.
 
Deine Musik hat einen sehr visuellen Aspekt. Wenn man in Betracht zieht, dass du ja auch noch in anderen Kunstbereichen aktiv bist, gibt es da wechselseitige Einflüsse zwischen deinen Aktivitäten? Hängt das irgendwie miteinander zusammen?
 
Die Musik und meine visuelle Arbeit hängen sehr eng zusammen. Meine Herangehensweise ist bei beiden Medien sehr ähnlich. In beiden Fällen bedeutet es, dass ich viel Material sammele, erstelle, arrangiere und im weiteren Verlauf weiter und neu arrangiere. Etwa bei dem Film zu Nº1; Die Musik und der Film funktionieren für mich unabhängig voneinander – gemeinsam ist das Gefühl der Immersion, der Eindruck in eine neue Umgebung einzutauchen jedoch weitaus höher.
 
Dein Video besteht zu großen Teilen aus altem Filmmaterial und Film-Effekten aus den 60ern. Ist Nostalgie für dich ein wichtiger Referenzpunkt für deine Arbeit.
 
Dieser Anknüpfungspunkt war schon immer da. Alte, vergangene, von der Zeit überholte Dinge üben auf mich eine starke Faszination aus. Der Film zu Nº1 ist eine Kombination aus Filmmaterial, das ich selber auf 16mm gedreht habe und Found Footage und man nicht wirklich sagen, welcher Teil neu und welcher alt ist. Ebenso wie meine Musik hat der Filme keine, in sich geschlossene narrative Struktur. Es gibt kurze Momente, die sehr klar und deutlich sind, während ein Großteil eher verschwommen bleibt. Dieses Verschwommene ist etwas, das sich durch meine gesamten Arbeiten zieht. Und sowohl Erinnerung als auch Nostalgie sind von ihrer Natur her schon sehr stark mit diesem ästhetischen Feld verknüpft.
 
Ich sehe in der Art wie du mit Found Footage, Wiederholung und langsamen Transformationen arbeitest, einige Ähnlichkeiten zu Expanded Cinema und Fluxus in deiner Arbeit. Gibt es für dich da eine Verbindung, eine Referenz?

 
Da sind sicherlich einige Verbindungen. Aber auch wenn mir diese Kunstbewegungen sehr gefallen, so bin ich doch keine Expertin oder stecke besonders tief in der daran anschließenden Theorie. Was etwaige Ähnlichkeiten angeht, so habe ich keine Absicht irgendwas zu kopieren, ich muss aber sagen, dass mir die Spontanität und den DIY-Aspekt dieser Bewegungen sehr gefällt.
 
Mit Smartphone-Programmen wie Instagram oder Musikern wie Lana del Rey scheint eine bestimmte „Retro“-Ästhetik innerhalb des Mainstreams zu einem Synonym für cool und stylish geworden zu sein. Du scheinst bis zu einem bestimmten Grad eine ähnliche Ästhetik zu verfolgen. Wie sieht deine Position dazu aus. Gibt es noch einen ästhetischen Ausdruck, selbst wenn der ästhetische Diskurs zu einer Ware geworden ist?
 
Auch ich habe auf meinem Telefon ein Polaroid-Programm und es macht mir Spaß, es zu benutzen. Aber es hat nicht die Faszination und die „Magie“ eines echt Polaroids – bei Weitem nicht. Das Problem ist, dass das Programm die ganze Arbeit für den Nutzer übernimmt. Der Unterschied ist so ähnlich wie der zwischen einer geschmacksneutralen, abgepackten Tomate aus dem Supermarkt und einer frisch gepflückten Tomate, die irgendwo in der Gegend gezüchtet worden ist. Klar kaufe auch ich im Supermarkt ein und genau aus dem gleichen Grund benutze ich auch Instagram – einfach aus dem Grund, dass es bequem ist. Aber da hört für mich auch schon der Nutzen und der Sinn dieses Programms auf. Es gibt mir nichts Neues. Es ist für einen kurzen Moment unterhaltsam. Es macht es einen aber auch sehr bequem, da es einen zwar beschäftigt, es aber keiner Auseinandersetzung bedarf.
 

ISAN Remix von “Homemade Mountains”
 
Was Lana del Rey angeht, so habe ich weder sie noch ihr Musik bislang nicht bewusst wahr genommen. Ich habe daher gerade den Clip zu „Video Games“ zum ersten Mal angeschaut, um eine Idee davon zu bekommen, wie sie sich und ihre Musik präsentiert. Und klar gibt es da eine gewisse Ähnlichkeiten, was den old-school 8mm-Look angeht. Aber für mich wirft das zwei Fragen auf. 1) Bei Musik scheint es mehr und mehr auf Marketing und Produktion als um Kreativität zu gehen. 2) Wird eine bestimmte Ästhetik durch Übersättigung und Warenförmigkeit ihrer Aura beraubt?
 
Der erste Punkt wirft für mich die Frage von Authentizität auf. Ist Lana del Rey der Second Hand, Thrift Store-Addict mit einem Keller randvoll mit sorgsam archivierten Filmen und Schallplatten oder ist sie lediglich eine Produkt eines Teams von Leuten, die sich entschieden haben, sie entsprechend zu vermarkten? Ich denke, dass das Letztere der Fall ist. Und ich wage zu behaupten, dass man, wenn amn als Musikhörer und Beobachter von Popkultur mehr investiert als sich nur oberflächlich damit zu beschäftigen, diesen Unterschied zwischen Authentizität und Marketing ziemlich schnell und deutlich erkennt.
Zur zweiten Frage, möchte ich vorher einwerfen, dass ich nichts gegen Lana del Rey habe. Mir gefiel das Video während ich es ich es mir angeschaut habe. Jedoch hat es mir – ebenso wie etwa Instagramm – keine Auseinandersetzung abgefordert und mich daher auch nicht ernsthaft berührt. Auf einer oberflächlichen Ebene gefällt mir das Video oder auch das Telefon-Programm und ich denke nicht, dass sie dazu beitragen, dass die ursprüngliche Idee verwässert oder sogar dazu beitragen, dass die Ästhetik, der ich mich verbunden fühle, in eine Mittelmäßigkeit überführt wird. Ich denke, dass das eine natürliche Entwicklung ist, sobald etwas zu einer Ware für den Massenmarkt wird.
 
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Christian Vantzou – Nº1 (Remixes + Film / DVD+CD) ist auf ihrem eigenen Label The Numbered Series erschienen und über ihre Website erhältlich. Die Videos zu den Nº1 Remixes kann man sich ebenfalls auf der Seite zu sehen.

TEXT: Nils Quak | RESSORT: Allgemein, Musik
10. April 2012 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





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