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“EIGENTLICH SIND WIR CHILLER!”

Die Band Frittenbude veröffentlicht am 11.05. ein neues Album. Ein Gespräch mit Strizi, Martin und Jakob über Umbruchsituationen und das, was uns in diesem Jahr erwartet

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Frankfurter Allee, jenseits des S-Bahn-Rings. Da wo Berlin am trostlosesten ist. Wir treffen uns im Proberaum der Band Frittenbude, im Souterrain eines Plattenbaus. Der Raum ist schmucklos, neben jeder Menge blinkendem Equipment und einem Meer leerer Bierflaschen, sitzen Martin, Jakob und Strizi rauchend in der Sofaecke. Hier also ist das neue Frittenbude-Album entstanden, als Gemeinschaftsarbeit von der ersten bis zur letzten Note. In einigen Tagen wird es zum Mastern gegeben. Der Albumtitel? Die Songs? Streng geheim zum Interviewzeitpunkt, selbst der Interviewer wurde nicht in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen. Was, nebenbei bemerkt, eine bodenlose Frechheit aus mindestens zwei Gründen darstellt.
Zum einen hat „Einfach nicht leicht“, die wunderbare Vorabsingle zum Album, die Erwartungshaltung auf wirklich Großes geschürt. Zum anderen müsste vermutlich nur die Leertaste des gerade einmal drei Meter entfernten Computers betätigt werden, um einen Einblick in neue Songs zu gewähren. Aber daran denkt natürlich niemand…
 

 
Jakob: Du kannst einfach in die Flaschen aschen, das machen wir auch.

Okay. Wenn ihr euer bisheriges Schaffen Revue passieren lasst, inwiefern hat sich die Produktion von Delfinarium unterschieden?
Martin: Wir haben in neue Synthesizer, Gitarren, überhaupt in Equipment investiert. Nur um alles so umzusetzen, wie wir es schon immer mal machen wollten, sind wir jetzt beinahe blank.

Jakob: Die beiden ersten Platten waren zwischen Tür und Angel entstanden. Wir haben in unterschiedlichen Proberäumen aufgenommen, fertig produziert wurde dann draußen auf der Wiese oder im Bett mit Laptop und Kopfhörern. Außerdem sind die neuen Songs alle zu dritt entstanden. Während das erste Album auf’s Livespielen angelegt war – ich konnte es mir nicht in Ruhe zuhause anhören –, ist Delfinarium deutlich breiter geworden. Es ist durchproduzierter, aufwendiger in den Arrangements.

Martin: Man findet die ganze Bandbreite unserer Musikgeschmäcker repräsentiert, das ist neu. Allein aus Zeitgründen war es früher kaum möglich, gemeinsam an Songs zu arbeiten. Wir sind in den letzten Jahren fast ununterbrochen auf Tour gewesen, es hat nie genügend Ruhe dazu gegeben.
 
 
Andere komponieren unterwegs. Pflegen solche Bands vielleicht einen anderen Touralltag als ihr?
Strizi: Man kann ja auf sehr unterschiedliche Weisen touren. Wir haben uns immer für die günstigste Variante entschieden. Immer in kleinen Hotels gepennt, abgefuckte Transporter gehabt – man kann es sich wirklich angenehmer machen. Irgendwann mussten auch wir zu der Einsicht gelangen, dass es keinen Spaß macht, wenn nach drei Tagen wieder jemand krank ist und man nicht das geben kann, was man den Leuten eigentlich geben will.

Martin: Außerdem sind wir uns einig, dass gerade die Liveshows auf ein neues Level gehoben werden sollen.
 
 
Das klingt nach einem sportlichen Vorsatz. Was soll anders werden?
Strizi: Im Grunde hat sich die ganze Situation im Laufe der Jahre geändert. Wir spielen nicht mehr in irgendwelchen AJZs mit schlechtem Sound oder abgefuckten besetzten Häusern, in denen wir die Dichtesten im ganzen Raum sind. Die Bühnen sind größer geworden, wir wollen den Leuten etwas bieten.

Jakob: Wir haben auch Konzerte gespielt, die scheiße waren. Teilweise waren wir zu verfeiert und konnten einfach nicht mehr. Wir haben uns auf die Bühne geschleppt, waren krank und was weiß ich. Man bedient ja auch immer die ganzen Klischees, ob man will oder nicht. Weil man es sich auf Tour doch immer ordentlich besorgt. Das hatte natürlich seinen Charme, und diese Direktheit soll erhalten bleiben, trotzdem lässt sich das alles noch fetter machen.
 

 
Partys sind ein essentieller Themenkomplex von Frittenbude. Erweitert ihr das inhaltliche Repertoire auf Delfinarium, wird das Nachtleben aus anderer Perspektive betrachtet?
Jakob: Das mit den Partys ist Schwankungen unterworfen, es gibt Phasen. Ich würde sagen, textlich sind wir nicht mehr so offensichtlich, wir sind vieldeutiger geworden.

Strizi: Wobei ich auch zugeben muss, dass es mir mittlerweile schwer fällt, einen typischen Partytrack zu schreiben. Alle schönen Bilder und Metaphern und auch die hässlichen Seiten habe ich schon zerrupft und zerrissen. Grundsätzlich steht das Feiern aber auch weniger im Fokus als noch vor fünf Jahren, als wir wirklich keine Party ausgelassen haben. Es hat sich einiges getan, man geht nicht mehr so häufig weg. Wenn du von Donnerstag morgen bis Sonntag abend auf Tour bist, dann schläfst du den Montag komplett durch, gehst vielleicht am Dienstag mal wieder feiern und machst am Mittwoch etwas ganz Normales, was andere Leute sonntags machen.

Martin: Es ging ja auch nie wirklich darum, ständig auf Partys zu gehen. Das Feierding begleitet einen eher als inspirationsquelle. Eigentlich sind wir voll die Chiller!

Strizi: Außerdem darf man nicht vergessen, dass der Lärm bisweilen zur Belastung werden kann. Manche nehmen das mit Leichtigkeit seit 25 Jahren, andere kriegen nach zwei Jahren auf Tour einen Tinnitus und verrecken daran. Gerade wenn man das Laute und das Leben sucht, weiß man irgendwann Ruhe mal wieder zu schätzen. Man besucht seine Eltern, geht durch den Wald, Bergsteigen, liegt eine Woche am Chiemsee in der Sonne oder fährt mit dem Schlauchboot.
 
 
Frittenbude gehen jetzt spazieren und Paddeln. Klingt, als hättet ihr die wilden Jahre hinter euch gelassen und nun die erwachsene Phase eingeleitet.
Jakob: Ich habe mich teilweise schon nach etwas Normalem gesehnt. Nach einer richtigen Arbeit. Und dann habe ich ein Kind bekommen…

Strizi: Aus dem Grund auch!

Jakob: Haha, ja. Seitdem hat sich vieles komplett geändert.

Strizi: Ich würde sagen, wir gehen inzwischen reflektierter vor. Damals waren wir irgendwelche Kids, die Musik gemacht haben, ganz naiv, um Spaß zu haben. Jetzt hat man ein paar Jahre in diesem merkwürdigen Geschäft verbracht und geht nicht mehr ganz so unvoreingenommen und leichtgläubig an die Sache ran.

Jakob: Das ist echt der Untergang. Es ist doch total schön und frisch, etwas Naives zu haben. Wenn man gar nicht genau weiß, was man da macht und es trotzdem cool macht! Aber es stimmt, irgendwann geht es einem verloren.
 
 
Ist das der Moment, in dem man realisiert, dass aus Spaß Arbeit geworden ist?
Strizi: Arbeit ist der falsche Ausdruck. Weil Arbeit mag man in der Regel nicht. Und wir tun hier gerade das, was wir schon immer machen wollten. Natürlich hat man es im Hinterkopf, dass wir endlich von der Musik leben können und dieses Level nicht so schnell wieder aufgeben wollen. Es ist keine Option mehr, wieder vier Tage die Woche zu arbeiten und für die restliche Zeit Urlaub zu nehmen, um auf Tour gehen zu können.

Jakob: Man kann Arbeit in Kunst investieren. Will man etwas Geiles erschaffen, gibt es immer auch Momente, in denen es nicht so einfach von der Hand geht.
 
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Sicherlich durchwandern alle Musiker kreative Durststrecken. Würdet ihr trotzdem behaupten, mit Frittenbude sei ein Traum in Erfüllung gegangen?
Martin: Tatsächlich haben wir vor zehn Jahren alle davon geträumt, mal an diesen Punkt zu kommen und von der Musik leben zu können.

Strizi: All die Stunden, die ich zuhause verbracht habe, um zu freestylen und zu rappen, haben andere damals als verschwendete Zeit angesehen. Ich war tagelang wie Gollum im Zimmer eingesperrt und habe gerappt. Und irgendwann hat es sich dann einfach bezahlt gemacht. Manchmal muss man über Jahre an einer Sache festhalten, bis sich ihr Sinn zeigt.

Jakob: Wir haben ja auch alle viel geopfert und riskiert, um bis hierher zu kommen. Wir sind nicht studieren, sondern auf Tour gegangen.
 
 
Seit wann könnt ihr von der Band leben?
Jakob: Eigentlich erst seit Ende 2010. Man muss dazu sagen, ich habe mich jahrelang durchgeschnorrt. Ich hatte kein Geld und brauchte auch keines, weil ich keine fixen Ausgaben hatte. Ich war nirgendwo gemeldet, habe hier mal ein bisschen aufgelegt, dort mal 100 Euro verdient und bei einer Freundin etwas zu essen bekommen. So konnte ich mir das Leben leisten.

Strizi: Ich habe bis Anfang 2011 noch als Cutter gearbeitet und, wie gesagt, all meine Freizeit in Frittenbude gesteckt. Das hat mich damals fertig gemacht.

Martin: Mir ging es ähnlich mit der Doppelbelastung, ich habe damals bei einem Plattenlabel in München gearbeitet und war trotzdem ständig mit der Band unterwegs.
 
 
Kinderlos fällt es einem meistens nicht schwer, den Job an den Nagel zu hängen. Jakob, du hast Familie. Kriegst du manchmal Angst, weil du dich allein für die Musik entschieden hast?
Jakob: Ja, volle Kanne. Wie sieht es denn in fünf Jahren aus? Aber irgendwie wird es natürlich schon funktionieren. Geld verdient man durch’s Livespielen. Mit den neuen Synthesizern, Gitarren und dem ganzen Equipment haben wir uns darauf konzentriert, wir wollen abliefern und hoffen, dass es alles aufgeht.

Martin: Ganz unten schwingt natürlich immer ein beunruhigendes Gefühl mit.

Jakob: Die Deutsche Angst! (Gelächter) Definitiv wird irgendwann der Moment kommen, in dem niemand mehr zu unseren Konzerten kommt und wir kein Geld mehr mit der Musik verdienen. Und dann stehst du da: Scheiße, was mach ich denn jetzt?!
 
 
Ist mit dieser Angst auch der Druck verbunden, den Fans ein Album vor die Füße zu schreiben, ihnen gewissermaßen ein typisches Frittenbude-Album zu liefern?
Jakob: Nein, man hat es eh nicht in der Hand. Wer weiß schon, was die Kids von morgen hören wollen. Wobei man natürlich schon etwas gefangen ist in dem Monster Frittenbude. Immer wieder gilt es, die gleichen Prozesse zu durchlaufen: Das Album muss fertig werden, dann kommt das Cover, dann geht es auf Tour – aus diesen Abläufen muss man sich erst einmal wieder etwas befreien.

Strizi: Was unseren Sound angeht, haben wir es noch vergleichsweise gut, weil wir uns alles offenhalten und nicht seit Jahren mit dem gleichen Instrumentarium Musik machen, wie es andere Bands tun: Gitarre, Bass, Schlagzeug usw. Deshalb ist es nicht tragisch, in Frittenbude gefangen zu sein. Stilistisch werden wir eh sehr unterschiedlich wahrgenommen und eingeordnet. Die einen nennen es Electropunk, für die anderen ist es HipHop. Als wir in Zürich gespielt haben, kam der Veranstalter zu uns und sagte: „Torch steht draußen, er würde gern ein bisschen mit euch abhängen.“ Ich meine, Torch! Held meiner Kindheit! Advanced Chemistry! Er kommt rein, setzt sich zu uns und es ergibt sich gleich eine Art Vater-Sohn-Situation in der ich einfach nur mit großen Augen und Ohren zugehört habe. Zu allem Übel haben wir dann auch noch ein richtig schlechtes Konzert gespielt.
 
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Ihr fragt euch also nie wirklich, ob die Fans euren Weg mitgehen?
Martin: Ich gehe einfach davon aus, dass unsere Fans genauso offen sind für neue Stile, wie wir es sind.

Strizi: Wobei man auch sagen muss, dass wir schon immer sehr junge Fans gehabt haben. Es ist schon problematisch, wenn man die Leute, die einen hören, nicht für sich halten kann. Schließlich kommen immer nur junge Menschen nach, und irgendwann ist der Sound alt und dann werden keine jungen Menschen mehr nachkommen. Wenn man die Leute nicht an sich bindet, dann ist es irgendwann vorbei.
 
 
In der Münchener Muffathalle gibt es ein Zusatzkonzert, auch das Hamburger Uebel & Gefährlich war binnen kürzester Zeit ausverkauft. Der Erfolg zeichnet sich im Vorfeld ab, und dass, obwohl nicht einmal der Albumtitel bisher publik gemacht wurde. Und hinter allem steht wieder nur dieses kleine Label…
Jakob: Manchmal erschreckt mich diese Größenordnung selbst. Bei Audiolith veröffentlichen wir nun zum dritten Mal, weil Lars ein Dach geschaffen hat, unter dem man sich wohlfühlt und verwirklichen kann. Wir sind zusammen gewachsen: Audiolith mit uns und wir mit Audiolith. Es passt einfach.

Strizi: Außerdem ist es bei Major-Labels doch so: Jeder der Musik macht, könnte auch verschiedene Arten von Wurst produzieren. Solange sich die Wurst verkauft, landet sie beim Major-Label. Zu uns würde es nicht passen, plötzlich zu einem Act zu werden, der einen an der Straßenecke vom Plakat angrinst und in jede Fernsehshow rennt. Die beste Phase ist die, in der man steigt. Man sollte sie soweit verlängern, wie es möglich ist.

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Fotos: Paul Aidan Perry

TEXT: Redaktion | RESSORT: Feature, Musik
5. März 2012 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



5 KOMMENTARE


  1. [...] Haben wir Olli vom OPAK Magazin in einem INTERVIEW Zeug aus unserem Leben [...]


  2. [...] zitier‘ einfach ein wenig aus ihrem Interview in der OPAK: Die beiden ersten Platten waren zwischen Tür und Angel entstanden. Wir haben in unterschiedlichen [...]


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  5. [...] übrigens hier das erste Interview 2012 von Frittenbude im Opak Magazin Bildunterschrift: Striezie Streuner (Frittenbude), Jah, Lars Lewerenz (Audiolith) bei einem [...]



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