VERGESSENE STILE XLII – STIL DER LIEBE
ELISABETH WÜRFEL: GESPIELEN DES GESCHICKS
Die Liebenden muss niemand feiern,
sie feiern sich selbst-
in dreckigen Hotelzimmern,
in heimlichen Zusammenkünften.
Sie können nicht anders und der Schmutz
an ihren Fingern kleistert das Bündnis
gegen die Welt zu.
Sie sind Gespielen des Geschicks
und schicken sich selbst einander zu
weit jenseits des Schicklichen.
Verbotene, verwünschte Liebesschwüre
an abseitige und dumme Götter.
Das ist die Heiligkeit der Liebenden,
sie feiern sich selbst.
„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“ sagte schon der alte Preußenkönig von Clausewitz und da die Liebe nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, so verbarg der weise Flötenspieler immer eine Kanonenkugel in den Blumen an seine Geliebten.
Das zeigt vor allen Dingen eins: Höflichkeit und Stil trauen sich nicht über die Schwelle der Leidenschaft und ihr Schritt stockte schon vor Äonen. Wahrlich kein neues Thema also, mit dem sich eine Dichterin wie Elisabeth Würfel beschäftigt. Sie beschwört den Geist verruchter und leidenschaftlicher Liebe und wie er so ganz und gar in verschlungenen Umarmungen und heimlichen Küssen geistert, sich gegen die Konventionen weltlichen Treibens stellt und ab ovo Maßstäbe setzt. Die Würfel scheut dabei nicht vor schweren Begriffen wie Intuition und Schicksal zurück, auch wenn sie nichts erklären kann. Das Erstaunliche und wenig Fassbare an dem Mystikum Elisabeth Würfel: Keiner kann sie einschätzen und niemand weiß, ob sie die Dreistigkeiten und Schönheiten der Liebe gut heißt und auf welcher Seite sie steht. Einerseits ist die Liebe „weit jenseits des Schicklichen“ und betet „abseitige und dumme Götter“ an, andererseits sind die Liebenden nichts weniger als ein heiliges Fest. Gedichte, zu ambivalent und komplex für klare Rollenzuschreibungen und Positionierungen gerade der Dichterin. Gedichte, so undurchsichtig wie das Leben: Keiner weiß, wer wen verletzt und wer den Schneeball der Schuld als erster formte. Nicht mal eine an Geschichte geschulte Dichterin wie Elisabeth Würfel weiß das.
27. Januar 2012 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed




