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VERGESSENE STILE XXXVIII

GOTTHOLD PFEIFENKRAUT: DAS OPERNHAUS LEBEN LÄDT EIN

Mit_Gott_per_Du_CDWohl wissen wir, wenn die Götter
schlaftrunken ihre Oper
ausgesungen haben,
immer noch von keinem Heiligen-
schein, dem es entgegen-
zulaufen gilt.
Es wäre auch zu früh, um hoffen
zu können und zu vermessen,
um zu glauben.
Daher sperren wir unsre Ohren
im Konzertsaal nur
verzweifelt auf
und nehmen geduldig und brav
die Strenge der Askesen-
fibel in Kauf.
Es wäre auch zu früh, um
zu hoffen.

Dem gemeinen Volksmund galt die Sinnes- und Wahrheits- bzw. Glaubens- und Gottessuche schon immer als Dorn im Auge.

Allzu sehr blieb der erdige Pöbel auf einem Vulgärpantheismus aus Trägheit sitzen, als dass er für solche, die Gott – zumal öffentlich – suchen, mehr als nur Hohn und Spott übrig hatte. Lass mal die Pfaffen spinnen, sagt der gesunde Menschengeist. Daran änderte auch alle Moderne nichts, ja sie erklärte den guten alten Mann Gott provokant für tot und geiferte noch dazu schrecklich debil. Daher bedarf es großer Manneskraft und großen Mutes, um die Fackel des Ausdrucks der Gottessuche ins Ziel der Anerkennung zu balancieren, und schön soll es auch sein! Die lange Tradition der Gottessuche und -preisung umfasst dabei so illustre Namen wie Gottlieb Klopstock, Gottfried Leibniz und Gottlob Frege. Ihr wird Gotthold Pfeifenkraut mehr als gerecht, wenn er die eingangs beschriebene Sysiphos-Arbeit der ästhetisierten Sinnsuche mit erhobenem Haupte bravourös meistert. Weit mehr als bloße Lobgesänge veranschaulichen die Gedichte seiner Sammlung „Mahn! Mähler!“ sein stolzes und doch schuldiges Bewusstsein, einer der wenigen Sucher nach Gott zu sein, die Weisheit des Volkes, der Vernunft und der Folklorevernunft weit hinter sich zu lassen und nur die Gewissheit der größtmöglichen Schönheit seines Weges zu Gott zu haben. Ein Gedanke, der allegorisch durch Pfeifenkrauts gesamtes Werk spukt, sich aber in keinem Gedicht besser ausdrückt als in „Das Opernhaus Leben lädt ein“, wo er in kulturbeflissener und naseweitindenhimmelhebender Minderheit in der Oper baff und beschwipst den Gesängen der Götter lauscht, eingezwängt in die enganliegenden Stühle bürgerlicher Konvention und auf Sinnsuche. Zur Stunde hat er das Gefiepe der Herrschaften Götter noch nicht dechiffriert und fast ertappen wir uns heimlich beim Wunsche: Wir wollen Pfeifenkraut in Verzweiflung weiter hören. Möge er noch lange suchen!

TEXT: Sebastian Schreck | RESSORT: Vergessene Stile
10. November 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





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