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VERGESSENE STILE XXXVII

fahrstuhlpinguin-stilFANNY VESPER: FAHRSTUHLVERGÄNGNIS

Ab und zu
fahren die Fahrstühle
und auch du
nach oben oder unten,
je nachdem,
wohin du willst.

Gleich den Blättern im Winde
drehen und verschnaufen sie
manchmal und allerorten, doch
ihre Bestimmung finden sie:

Die kalte, tote Erde.

(Aber keine Angst:)
Bevor wir sterben,
werden wir leben,
wohl oder übel,
hier wie dort.

Wir werden wandern auf Erden,
Freunde werden
mit der Verzweiflung und Angst,
die wir fühlen,
wenn wir über dem Orkus unserer
Vergängnis
spazieren und fliehen
in Lüfte und Wolken.

Fahrstühle werden uns verfolgen,
uns umarmen und, so geht es allen,
mit uns steigen, leiden, fallen
in kalte, tote Erde.

Schön, dass der ehrgeizige Geist der Wirtschaft endlich den torkelnden Sinn der Hochkultur vereinnahmt hat. Und es stimmt: Wer will nicht, dass Produktion, Konsum und Sein besser, schöner und effizienter werden und er irgendwann (bald!) am besten und optimalsten machen, kaufen und sein kann.

Optimierungsprozesse wollen nur das Beste und sind überall. Endlich haben hochrangige Consulting Manager – Kohorten das Potential von Lyrik erkannt und hochangesehene Lyriker mit der verbalen Beschallung von Alltagsarbeits- und -warteplätzen betreut. (Und außerdem: Keiner mag Ambient.) In Anlehnung an den Vorreiter dieser Entwicklung, die Vestner Aufzüge GmbH, gilt solche Lyrik in Fachkreisen bereits als Fahrstuhllyrik. Nur leider scheint es so, als müsse dieser Stil einer schönen, neuen Welt noch seine Form finden und so werden wir Zeuge der Gestaltsuche und -findung eines Stils, zu dem auch eine gehörige Portion Scheitern gehört, wie das vorliegende Gedicht eindrucksvoll darlegt. Ob die Dichterin Fanny Vesper wirklich so geeignet ist zur Motivierung und Verschönerung unserer Talente und Leben, mag unklar erscheinen, auch wenn ihr sprachlicher Fluss galant und charmant fällt. Customer Researches säen Zweifel an ihrer Eignung. Und man beachte: „Fahrstuhlvergängnis“ ist noch eines ihrer sittsamsten Werke. Andere, auch sprachlich experimentellere Gedichte wie „Explosion!“ („Ratterrattratt/ Zschschschsch/ Kawumm!/ (Bummbumm)/Bummmmmm.“) lösten bereits so manche Lebensqualitätsbeschneidende Phobie aus. Vielleicht lernt die Lyrikergilde noch, mit ihrer promethischen Aufgabe der Verschönerung und Optimierung der Menschheit verantwortungsvoll und pflichtbewusst umzugehen. Vielleicht lernt die Kunst ja noch ihre Lektion und macht endlich mit.

TEXT: Sebastian Schreck | RESSORT: Vergessene Stile
25. Oktober 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


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