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VERGESSENE STILE XXXIV

SYLVIO NIMMERMÜDE: ALKOHOL- NEBEL- KLARHEIT-GEDICHT

absinthAn Tür und Kamin klopfte ich,
und schon öffneten die Pforten sich.
Ich gab ab Leid und Gleichgewichtssinn
und bekam dafür grünen Absinth

in die Hand und in Massen,
um Elend zu vergessen, mich zu therapieren,
kroch ich später auf allen Vieren
vor all den alkoholreichen Tassen.

Schwummrig schwammig unbestimmt,
wankend wabernd, endlich unverstimmt,
riss selig mein Film gen Morgen
und nahm mir wenig Freude, viele Sorgen.

Und auch der Kater, der mich beschwert,
ist mir edel’ Freund und Gefährt’.
und sinnig vegetieren ist Goldes wert,
Dank der Regierung, bist nicht verkehrt!

Die Regierung hat ihre Ideen wieder entdeckt und nach Jahrhunderten an einfallslosen Einsparungen und rigiden Verboten in Zusammenarbeit mit der Mast-Jägermeister AG, den deutschen Krankenkassen und der Vereinigung ACAB (Alleiniges Cognac- und Alkoholika- Bündnis) ein Programm erschaffen, was gleichzeitig dem Problem der Depressivität Abhilfe zu schaffen sucht (und Millionen an Medikamenten einspart) und die überkommene Kultur der AA um Kreativität und Selbstmedikation erweitert:

Jeder, der von Kummer gezeichnet, Sorge geplagt und/oder alkoholabhängig ist und keinen anderen Ausweg kennt, ist aufgerufen, eines der „Spüls weg!“- Ämter, die großflächig eingerichtet wurden und bereits hinter vorgehaltener Hand als „Partyhöhlen“ verunglimpft werden, aufzusuchen, wo er Spirituosen seines Geschmacks in Unmengen eingeflößt bekommt und die Nacht ganz so verbringen darf, wie er- der Alkohol- das möchte. Am nächsten Morgen, nach unzähligen unkontrollierten Kopulationen, Erbrechungen und anderen Dummheiten, muss der Therapierte ein Gedicht über seine Erfahrungen schreiben, was in Kombination mit dem davor Erlebten und den Fuselstoffen im Körper zumeist zu persönlichen Erkenntnissen, weltgeschichtlichen Einsichten oder Suizid führt. Das Programm unter den Namen „Flasche und Stift retten mich!“ wird refinanziert durch den Verkauf der daraus resultierenden Gedichte. Ein erfolgsversprechendes Modell, wie ich finde.

TEXT: Sebastian Schreck | RESSORT: Vergessene Stile
23. August 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





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