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SEHNSUCHT NACH RHYTHMUS – MARC FISCHER AUF DER SPURENSUCHE NACH JOAO GILBERTO

hobalala_rognerundbernhard_gDer frühe Tod des Berliner Journalisten und Autors Marc Fischer vor wenigen Monaten machte traurig – so viele seiner Reisereportagen hatte man gelesen, seine Feuilleton-Texte, so viel, seit seiner Zeit bei „Tempo“, später in der „Frankfurter Rundschau“ oder im „Spiegel“.

Jetzt, kurz nach seinem Tod, über dessen Ursachen Stillschweigen herrscht, erscheint Marc Fischers literarisches Vermächtnis. „Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto“ heißt sein soeben erschienenes Werk – und zu sagen, es wäre ein Buch über den Erfinder des Bossa Nova, würde zu kurz greifen. Doch Gilberto, der Musiker, der Klassiker wie „The Girl from Ipanema“, „Chega de Saudade“, „Bim Bom“ oder „Corcovado“ in die Welt pustete, steht im Mittelpunkt des Romans.

So feinfühlig, so leichtfüßig wie Gilbertos Lieder, schreibt auch Marc Fischer. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der seit vielen Jahren zum Mysterium, zum Phantom geworden ist: Gilberto, 80 Jahre alt, lebt bis heute in einem Apartment in Rio de Janeiro, verlässt sein Zimmer kaum, gibt keine Interviews, doch spielt er Nacht für Nacht Gitarre, wie die Nachbarn tuscheln: auf der Suche nach dem perfekten Bossa Nova. Für sich alleine. Fernab der Welt.

Der Roman liest sich wie eine Detektiv-Geschichte: Fischer sprach in Brasilien mit Musikern, ehemaligen Freunden, stets auf der Suche nach dem Herz des Bossa Nova, nach dem Mann von Ipanema, nach seiner magischen Gitarre. Auf der Suche sein, das heißt: der Sehnsucht folgen. Es ist geschrieben worden, die Sehnsucht sei der Rhythmus des Bossa Nova – und es ist auch der Rhythmus dieses Buchs.

„Im Grunde bin ich wegen ‘Hô-bá-lá-lá’ nach Rio gekommen. João soll es für mich spielen.“ Hô-bá-lá-lá. Das Stück von der ersten Paltte „Chega de Saudade“ aus dem Jahr 1959. Auf der Suche nach Gilberto, wie sollte es auch anders sein, begegnet der Autor vor allem sich selbst, erzählt von der Liebe, der Liebe zu einer Frau in Berlin. „Hegel sagt, die Sehnsucht sei unglückliches, entzweites Bewusstsein. Und immer, immer tut sie weh. Meine Sehnsucht ist ein Mensch in Berlin. Und João natürlich.“

Die Gespräche mit den ehemaligen Weggefähren Gilbertos, mit Managern, Freunden und Musikern, mit Ex-Frauen und Freundinnen, sie alle führen nicht zum Ziel – das in der Ferne, das reine Sehnsucht bleibt. In der Nichterfüllung – Gilberto wird nie für Marc Fischer spielen – liegt der Reiz.

Melancholisch ist dieses Buch, Fiktives wechselt mit wirklich Erlebtem, zwischen Realität und Fiktion schwebt es, schwebt wie die Musik João Gilbertos, der 1931 in Bahia geboren wurde. Heute sitzt er, der Geheimnisvolle, in seinem Apartment und spielt Nachts traurig Gitarre. Der 1970 in Hamburg geborene Autor Marc Fischer, der das Geheimnis lüften wollte, ist tot. Eine todtraurige, faszinierende Geschichte.

Marc Fischer: Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto. Rogner & Bernhard. 220 Seiten. Berlin 2011. ISBN-13: 978-3807710723. 17,90 €

TEXT: Redaktion | RESSORT: Reviews
9. Juni 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





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