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DER LIEDSCHATTEN XXIII

Von Italien nach Malaysia. Ein Weg in die Irre.

Erst Mexiko, dann Italien, dann noch einmal Italien: 1962 schien man recht viel für Staatsgefüge in anderen Klimazonen und Vorstellungen, die man sich von ihren BewohnerInnen machte, übrig gehabt zu haben. Nach den sich fernab ihrer Herzensdamen nach Napoli und seinen Stränden sehnenden „Zwei kleinen Italienern“ wurde die Aufmerksamkeit der Schlager konsumierenden Bevölkerung der BRD auf das Geschehen vor Ort gelenkt. Lauschen wir heute nun einer leicht fluffigen, unbedarften und nicht ganz sinnige Moritat.

Mina “Heißer Sand”, April – Juni 1962

minaAnna Maria Mazzini alias Mina, eine Schlagersängerin aus Italien, trug 1962 die recht erkleckliche Geschichte des vermeintlichen Mörders Tino, geheißen „Schwarzer Tino“, mit dem Titel „Heißer Sand“ vor. Opfer des Mordes schien ein gewisser Rocko gewesen zu sein, mit dem Nina, eine mit beiden Herren amourös verbundene Dame, „schon im Wort“, also verlobt, gewesen war. Da Tino nun „ein Leben in Gefahr“ führt und zur Flucht gezwungen zu sein scheint, bleibt ihm nicht mehr als „die Erinnerung daran / daß es einmal schöner war“. Nina aber tanzt im Hafen mit den „Boys“, und „nur die Wellen singen leise / was von Tino jeder weiß.“
Fassen wir also zusammen: Rocko und Nina waren einander versprochen, dann aber verhalf sie dem „Schwarzen Tino“ zu einer schönen Erinnerung und Rocko starb, allem Anschein nach durch Tino.

Das aber ist nicht so schlimm, Nina tanzt nun im Hafen. Sollte sich dahinter ein tragisches Schicksal verbergen, so findet dieses keinesfalls musikalischen Ausdruck.

Was aber hat all das mit einem „verlorenen Land“ zu tun? Wo liegt der „Heiße Sand“, wo kommt er her, wo weht’s ihn hin? Hier ist viel Raum für Spekulationen, aber wollen wir denn rätseln, wenn wir ergriffen sind?
Ja, tatsächlich. Ergriffen, denn das Arrangement ist gar nicht mal so ungelenk, geradezu catchy, und der Text ist nicht abstoßend. Es ist keine Rede von „Liebe“, „Küssen“ und „Sehnsucht“, auch nicht von „Herz“ oder „Heimat“. Warum aber ist denn nun das Land verloren?
Hier ist Scharfsinn gefragt, es muss um die Ecke gedacht werden, wir wollen Fakten, denn der Tathergang sollte allein schein um der armen Nina willen rekonstruiert werden, die dem Irrsinn verfallen oder aber durch Verlust jeglicher Hoffnung auf eine ehrbare Zukunft in einen gottlosen Taumel verfiel. Doch halt!, die „arme“ Nina? Könnte sie nicht ebenso eine ruchlose Verführerin sein, eine Femme Fatale oder wahnsinnige Opiumesserin?
Weiten wir unsere Forschungen einmal aus, indem wir der vorliegenden Quelle eine genauere Untersuchung angedeihen lassen. Die Interpretin ist hierbei zu vernachlässigen, bei ihr handelt es sich um das übliche Schlagersternchen, deren Gesichtsausdruck und Blicke im oben aufgeführten Filmmaterial jeglichen Verdacht, sie würde genaueres über das, was sie da singt, wissen, zu einem Hirngespinst machen.
Die Musik stammt von einem gewissen Werner Scharfenberg, einem Menschen, der seine Melodien ohne jeglichen Skrupel Menschen wie Ted Herold („Moonlight“) oder Peter Kraus zum Vortrag überließ und außerdem für die Untermalung von Filmen wie „Eva und der Frauenarzt“ zuständig war, einem als „Erotik Drama“ ausgewiesen Werk von 1951, über das sich nichts weiter in Erfahrung bringen ließ… hat dieser Mann etwas zu verbergen? Mit Sicherheit. Wer sich für die musikalische Ausgestaltung von Machwerken wie die Filmchen „Wenn die Conny mit dem Peter”, „Das haben die Mädchen gern“ und „Schön ist die Liebe am Königssee” hergibt, wird seine Geheimnisse haben. Werden wir sie ihm entlocken können? Nein, wir haben nur seine Musik, und die scheint ebenfalls nichts von dem, was uns der Text nur erahnen lässt, zu wissen.
Und so müssen wir uns also an Kurt Feltz halten, den Librettisten, der dem im Krieg befindlichen Nazideutschand 1942 nicht nur den Durchalteschlager „Es geht alles vorüber“, sondern auch den Lehrfilm „Männer gegen Panzer“ schenkte. Es ist also kein Wunder, wenn uns der Tathergang nicht ganz klar ist, Verschleierung dürften ihm ein ernsthaftes Anliegen gewesen sein. Auch schien er in den 50er Jahren einiges dafür getan zu haben, seinen Stücken zu Erfolg zu verhelfen. So nutzte er seine Anstellung beim öffentlich-rechtlichen Sender NWDR, um seine Stücke bei eben diesem ausgiebig spielen zu lassen. 1950 wurden pro Tag durchschnittlich 5 Feltz-Lieder gesendet, was für einigen Unmut sorgte und Feltz seinen Posten kostete. Auch er wird uns also nicht freiwillig Klarheit verschaffen… aber freiwillig? Muss es denn freiwillig geschehen? Mitnichten.
Immerhin existieren noch andere Versionen des Stückes, wir werden lauschen und kombinieren, so machen wir’s. Da wäre zum Beispiel das spanischsprachige, „Un desierto“. Der Protagonist verlässt hier seine Freundin in Richtung Norden, all da spielt sich in Mexiko ab… mhm. Eine Freundin? Mexiko? Wüste, klar, heißer Sand. Doch werden wir daraus nun klug? Nein. Also, rasch die nächste Version zu Rate gezogen, die für den französischen Markt bestimmte, „Notre étoile“. Das hat irgend etwas mit Sternen zu tun, der genaue Text ließ sich aber nicht ermitteln… ist es Absicht? Sollen hier unbequeme Ermittlung von Anfang an der Lächerlichkeit preisgegeben werden? Französischer Text mit italienischem Akzent, das ist höchst unverständlich, geradezu infam! Ah, Italien, „Sì, lo so“ heißt es da, und es geht, so weit ich da beurteilen kann, um die Liebe und die Bereitschaft, sich für sie zu ändern, geäußert werden die Worte von der Dame. Nun, geändert hat sie sich, sie tanzt mit den Boys im Hafen, wie sah ihr Leben dann vorher aus? Und wer ging nach Mexiko, weg von seiner Freundin? Der Verlobte nicht, er ist ja tot… dann der Fliehende, der Mörder, ja. Und die Dame hat sich geändert, sie tanzt am Hafen… jetzt aber kommt’s: Anneke Grönloh coverte das Lied ebenfalls, und zwar in Niederländisch. Dort landet Nina letztendlich in Marseille… okay. Gut. Auf Englisch aber sang sie’s auch… und dort lautet der Text dann wie? Na? Aufgemerkt:

„On the shore, beyond the tropical sea
You will stand to welcome me
On the shore, beneath the sky so blue
All my dreams at last will come true
Oh, Malaysia, land of glory
Where I found my heart’s true love
In a night so warm and tender
With the moon and stars above“.

Nach all dem Leid und den Wirren, die wir dem ernst gemeinten Versuch, einen Schlager zu verstehen, zu verdanken haben, gibt es also doch noch ein Happy End. Bloß, für wen denn? Für Malaysia auf jeden Fall, Nina und Tino haben eventuell Glück. Rocko oder die Freundin in Mexiko aber sind verloren, ebenso wie all die Menschen, die glauben, Schlager hätten auch nur im entferntesten etwas mit “einfachen und wahren Gefühlen” zu tun.

TEXT: Lennart Thiem | RESSORT: Allgemein
6. Juni 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



3 KOMMENTARE


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