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DAS OBSZÖNE SCHREIBEN

9783701715688Unlängst erschien ein Text von Michaela Falkner mit dem allzu vielsagenden Titel „Du blutest, du blutest“. Die Autorin und Performerin aus Österreich holt aus, schlägt zu, und lässt das Blut auf 118 Seiten buchstäblich strömen. Bereits das Titelbild kündet vom morbiden Inhalt, ebenso wie vom Streben nach dem Gesamtkunstwerk, Performance als Lebensform: Zu sehen ist Falkner hervorscheinend aus oder verschwindend in dem schwarzen Hintergrund, weiß gepudert (wie Schnee), rote Lippen (wie Blut), dunkler Lidschatten und mit kleinen Reisigzweigen im hochgesteckten schwarzen Haar (wie Ebenholz), während sie den Untertitel ihres vorherigen Buches „Requiem für/ for Euphorie aufgeschlagene Knie“ (der Schilderung einer sado-masochistischen Liebesbeziehung) auf die blasse Haut ihres Armes schreibt. Das Foto zeigt den Moment, in dem der Stift die Innenseite des Handgelenks berührt – die Andeutung des Stifts als Messer, den Puls durchtrennend. Weiß überschrieben in Falkners Handschrift ist das Bild mit Angaben zum neuen Buch, das als Roman ausgegeben wird.

Darin findet sich folgendes düsteres Szenario: Es ist Krieg, vielleicht ein Bürgerkrieg, jeder gegen jeden. Willkür herrscht in der namenlosen Stadt am Hafen, die im Ausnahmezustand zugrunde geht. Menschen verlieren erst ihre Namen, ihre Würde und Menschlichkeit, dann ihr Leben. Ivan, ein Elfjähriger, dessen Familie ebenfalls ermordet wurde, wird wie die Erwachsenen und andere Kinder gezwungen, Gräueltaten zu verüben. Überwachung, Folter, Massaker, Schändungen an Lebenden und Toten bestimmen sein Leben. Das gepeinigte Kind wird unvermeidlich selbst zum Folterer und Schlächter. Die Flucht in den Wald wird ihn nicht mehr retten. Aus Menschenmaterial und Bastelutensilien will er sich dort einen „Kameraden“ bauen, gegen die Einsamkeit, welche ihm die noch verbliebenen Gleichaltrigen, die sich um ihn scharen, nicht zu nehmen vermögen. Ivan tötet sich schließlich selbst. Das Ende, in erwartungsfrohen oder zynischen Versalien mit „FINALE“ eingeleitet, erzählt vom „Angriff“ der Kinder, der sich als ihr kollektiver Selbstmord erweist.

Falkner ruft Bilder von Kriegsschauplätzen und -handlungen aus dem kollektiven medialen Gedächtnis auf. Maßlosigkeit und Tabuüberschreitungen sind die bevorzugten Mittel ihres Schreibens, sowie ein mal betont unschuldig-kindlicher Gestus, mal der gesucht hohe, poetisch-pathetische Verkündungston von Manifesten. Sie scheint ergriffen von der Sprache, im Rausch, und es ist eben dies, was den Text so abstoßend macht: Er liest sich wie der Ausdruck eines Sichgehenlassens in der genussvollen literarisch-ästhetischen Wiederholung einer Gewalt, die darin zu wenig analysiert und reflektiert wird. Der „Angriff“ der Kinder als „eine absolute das Leben überschreitende Tat“, als Allegorie einer Revolte gar, die von der Freiheit zeugt, sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufzulehnen, sei es mit der Entscheidung für den eigenen Tod? Das Ereignis, das den vollständigen Bruch und den Beginn eines Neuen, Unbekannten (was Utopie zu nennen wäre) erst herbeiführt? Vielmehr entsteht der Eindruck einer Obszönität: die grausamen Details um ihrer selbst willen unbedingt auf die Szene, die Bühne, das heißt hier ins Licht der Sprache zu zerren. Die Verletzung des Tabus allein aber bedeutet noch lange keinen Wert an sich und auch keine differenzierte Kritik. Falkners Texten wurde wiederholt eine Nähe zu den griechischen Tragödien nachgesagt, doch entbehren sie deren Tiefe, was die Erforschung siecher Gesellschaftssysteme betrifft. So gerinnt all das sprachlich verschleuderte Blut zur bloßen Pose; die Figuren beißen, wühlen, schneiden sich vergeblich durch die Leiber. Es bleibt lediglich der seltsam sehnsüchtige Entwurf einer Dystopie.

TEXT: Frauke Pahlke | RESSORT: Literatur, Reviews
30. Juni 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


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