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I KILLED MY MOTHER

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Am 3. Februar startet das Regiedebüt des unverschämt jungen Multitalents Xavier Dolan im Kino. Unsere Autorin Tina Rentzsch hat genauer hingeschaut und sich auf die Spur nach dem Wesen dieses ungewöhnlichen Coming-of-Age-Films begeben.

Alles beginnt mit einer Frühstücksszene, in der der Sohn von den unmanierlichen Essgewohnheiten seiner Mutter genervt ist. – Kann sich nicht jeder von uns noch an dieses fremdschamhafte Gefühl in der Adoleszenz erinnern? Gemeint sind Ablehnungsempfindungen gegenüber den Eltern, dieses tiefe Empfinden von Peinlichkeit durch ihr unnachvollziehbares Verhalten ausgelöst? – Der Ekel vor dem Essgebaren der Mutter und die pubertäre Reaktion des Sohnes darauf, dies wird schnell klar, beruht auf der räumlichen und auch emotionalen Enge, in der die beiden zusammen leben. Denn was als scheinbar harmloser Streit beginnt, setzt sich in der nächsten Szene im Auto, auf dem Weg zur Schule, in einem hässlichen Schlagabtausch über Schminkgewohnheiten am Steuer und das Radioprogramm fort. Es eröffnet den Blick auf ein fieses Machtspiel zwischen Mutter und Sohn über die Durchsetzung der jeweils eigenen Interessen und die Demütigung des Anderen.
 
Ein deutlicher Einstieg in die Geschichte also und dieses kämpferische Motiv in der Mutter-Sohn-Beziehung zieht sich als roter Faden durch den gesamten Film hindurch und hinterlässt bisweilen Fremdscham gegenüber der Mutter und verzweifeltes Mitgefühl für den Sohn beim Zuschauer. Fast, könnte man sagen, haben die beiden ein eheähnliches Verhältnis, wobei Chantal Lemming ihren Sohn als Ersatzpartner zu betrachten scheint, denn Huberts Vater ist überwiegend abwesend im Leben der beiden. Mit dieser Rolle völlig überfordert, lässt sich seine konstante unterschwellige Aggressivität ihr gegenüber erklären. Das Spiel zwischen den beiden endet zunächst in der Verleumdung der Mutter, Hubert erklärt sie kurzerhand vor seiner Lehrerin für tot! – Ein frecher aber durchaus verständlicher Fluchtweg. In I KILLED MY MOTHER wird hauptsächlich dieses Aufbegehren um Anerkennung, Zuwendung und Verständnis des jungen Hubert gegenüber seiner Mutter behandelt und in verschiedensten Alltagssituationen gezeigt. Die Mutter jedoch hat sich in ihre Welt aus Fernsehserien, Plüsch und Plunder zurückgezogen und scheint nur partiell erreichbar für ihren Sohn. Der Sohn ist ihr entwachsen. Früher, da habe er ihr alles erzählt, beschwert sie sich bei einer Freundin, doch heute könne man nichts mehr miteinander anfangen. Das Spannungsverhältnis der beiden wird in intensiven Bildern als eine Art Generationenkonflikt geschildert.
 
Es liegt offensichtlich auf der Hand, gegensätzlicher könnten ihre Interessen nicht sein: Huberts Welt ist geprägt vom Erkunden der Künste, dem Entwickeln seines Intellekts und seiner Sexualität, während Mutter Chantal zwischen Tigerfell und Chips auf dem Sofa hockt. Huberts Identitätsfiguren sind bildende Künstler wie Henri Matisse, Edward Munch und Jackson Pollock oder der französische Autor Alfred de Musset. Nicht zuletzt die vielen Direktzitate dieser Künstler im Film zeigen, dass der Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan sich bei ihnen Inspiration für die Handlung des Films suchte. Auch die von ihm selbst verkörperte Figur Hubert ist ein romantischer und von Weltschmerz gezeichneter heimlicher Dichter und Künstler. Dieses Gleichnis zwischen Figur im Film und Autor ist nicht der einzige der autobiografischen Züge des Drehbuches. Auch die Vehemenz mit der Hubert seine Wut auslebt ebenso wie die tiefe Liebe zu seinem Freund Antonin, schildern Auszüge aus dem Leben des jungen Regisseurs. Schonungslos offen entwirft er die Identität einer Generation junger Erwachsener, die sich von den verkrusteten Geschlechterklischees der Eltern befreien will und ein neues Selbstbewusstsein schon früh auslebt. Die Aufforderung nach Anerkennung und gleichberechtigter Behandlung der jungen Erwachsenen gegenüber den Älteren steht nahezu hinter jeder Szene des Films. Nicht zuletzt die Beziehung zu Antonin (wunderbar befreiend von Francois Arnaud dargestellt) und dessen Mutter Hélène spielt einen tragenden Kontrast zu Chantal und Hubert, denn während Antonin´s Mutter die Beziehung der beiden unterstütz, ist es nur verständlich, dass Hubert seiner Mutter seine Homosexualität verschweigt und sie dies durch einen unglücklichen Zufall erfährt. Besser wird danach jedoch gar nichts…
 
In klaustrophobisch engen Bildern wird die bedrückende Nähe zwischen Chantal und Hubert gezeigt, dunkel ist Chantal Lemmings Wohnung und voll von Tineff und Kitsch – die Kamerafrau Stephanie Weber-Biron entwickelte in den vielsagenden Interieurs eine überzeugende Bildsprache. Gegensätzlich dazu gestaltet, ist die Atmosphäre von Huberts Traumsequenzen, die uns in poetischen Bildern das Innenleben des Protagonisten näherbringt. In diesen symbolischen Traummetaphern wird die Beziehung der beiden gespiegelt. Das alles kommt jedoch nicht albern daher, denn Xavier Dolan steht mit seinem Debut, das bereits im Jahr 2009 in veröffentlicht wurde, für eine video- und filmaffine Generation von Filmemachern und -konsumenten: Wie selbstverständlich führt die Figur Hubert ein Videotagebuch und eröffnet damit dem Zuschauer, zusätzlich zu den Traumsequenzen, einen tiefen Einblick in die Problem- und Seelenwelt der 16-Jährigen Hauptfigur. Dolan benutzt hier die Mittel des alten Celluloid- und des neuen digitalen Kinos gemeinsam, ohne sich Aussetzer oder Übertreibungen zu erlauben, denn er setzt diese stets pointiert ein. Dies alles macht aus I KILLED MY MOTHER einen ungewöhnlich nahgehenden Coming-of-Age-Film, der dem Zuschauer ungewohnte Perspektiven eröffnet.
 
Doch die Geschichte wäre zu einfach, würde es nur den Kampf des jungen Hubert geben, der gnadenlos überzeugend vom Regisseur selbst verkörpert wird und nicht zuletzt deswegen dem Film viel Einfühlung und Glaubwürdigkeit im Vermitteln der diametral entgegengesetzten Charaktere verdankt. Es gibt auch Momente, in denen man Chantal ihre Sehnsucht nach Anerkennung und ihre Verzweiflung, die durch ihre Unfähigkeit, ein emotionales Band zu Hubert aufzubauen, begründet ist, anmerkt. Dann steht ihr ihre Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben, die sich in einem schon lange nicht mehr so trostlos gesehenen Blick äußert. Phänomenal dargestellt wird diese egomanische und hilflose Mutter von Anne Dorval, der mehrere performative Höhepunkte des Films zu verdanken sind.
 
Das Plädoyer, das die Figur Hubert im Film hält, seine Eltern auch hassen und verabscheuen zu dürfen, kauft der Zuschauer, aber gleichzeitig glaubt man dem Regisseur Dolan, dass er seine Figuren liebt. Auf verschiedenen Ebenen gleichen sich die beiden Hauptfiguren, doch ihr Machtspiel endet ungleich. So fragt der wütende Hubert gegen Ende des Films seine Mutter: Was würdest du machen, wenn ich morgen stürbe? – Die Antwort darauf würde ihn überraschen.

TEXT: Tina Rentzsch | RESSORT: Film, Reviews
3. Februar 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





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