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BRATZE IN RUSSLAND

Vor kurzem war die Band Bratze in Russland unterwegs. Unser Autor Rasmus Engler (unten im Bild) durfte sie begleiten und erzählt in einem Mehrteiler, wie es wirklich war.

Personen_Drehtür
 

Der erste Eindruck, den dieses Land aus tausenden von Höhenmetern auf mich macht, ist das einer gänzlich vernarbten, unübersichtlichen und endlosen Gegend. Schon durchs Flugzeugfenster also falle ich auf die eigene Klischeeseligkeit hinein: Rußland, der verletzte, im leisen Niedergang begriffene Riese, ein trostloses Reich ohne Horizont und ohne Trost. Es mag nur an einem Mißverständnis die Größe der Reisegruppe betreffend gelegen haben, doch Anfang Dezember finde ich mich, ansonsten weitestgehend funktionslos, als Chronist des Musikduos Bratze in einem Flieger gen Moskau wieder. Dort soll die Kurztour beginnen, die uns – ohne jedwede Beteiligung eines Goethe-Institutes – einen Einblick in jenes Land ermöglichen soll, das uns trotz oder wegen aller Bilder und Erzählungen in den Augen und Ohren völlig unvertraut ist.

Nach der Verabschiedung durch unseren Piloten Kapitän Schampus betreten also wir alle das erste Mal russischen Boden und sehen all den diplomatischen Mißhelligkeiten, Sprachbarrieren und Sicherheitskontrollen leicht besorgt entgegen. Selbstredend aber passieren wir alle Schranken ohne Probleme und dürfen – immerhin in der Nähe der Gepäckausgabe – nach kurzem Suchen das gänzliche unbewachte Equipment aufsammeln.

Gefrorener_Kanal
 
Vor dem Flughafen erwartet uns Ilja, Inbegriff des Schweigsamen und Abgesandter des Tourbookers Alex. Ilja hat eine sehr genaue Vorstellung von dem Taxi, das uns in die entfernte City befördern soll, doch lässt er uns an seinen Überlegungen nicht teilhaben. Nach einer halben Stunde in der Eiseskälte dürfen wir zu einem Riesen in einen Lada klettern. Der Riese redet noch weniger, doch befördert er uns in aller Ruhe durch die endlose Satellitenstadt, die Moskaus Kern umgibt: in beide Richtungen von der Straße in endloser Aufreihung die riesenhaften, gespenstischen Wohnquader, eine reglementierte Landschaft aus Stahlbeton, ein Friedhof der Schicksale. Die Ausmaße wirken befremdlich, und so wirken hier auch die grellen Wälder aus Reklametafeln, die für die aktuellsten Überflüssigkeiten von Media-Markt werben, und wir beginnen uns zu fragen, ob es Ilja gelingen wird, diese Strecke noch am selben Tag mit Bus und Bahn zurückzulegen. Nach zweieinhalb Stunden, deren letzten Hälfte wir gefühlt im ewigen Stau der Moskauer Innenstadt zugebracht haben, erreichen wir das „Sixteen Tons“, Austragungsort des ersten Konzertes. Hier begrüßt uns neben Alex, der uns in den nächsten Tagen begleiten wird, selbstverständlich bereits: Ilja. „Sixteen Tons“, benannt nach dem Gospel-Klassiker und im Stile eines über-edlen Pubs eingerichtet, liegt im ersten Stock eines Hauses in düstere wirkendem Viertel. Der Jungspund am Bierausschank versucht umgehend, mich in ein Gespräch über Ian Stuart und die ihm wohl einzig bekannte deutsche Rock-Gruppe zu verwickeln: Landser.

Als Vorgruppe trudeln die sich bewußt schluffig gebenden Moskauer von One Gin Please ein.
One Gin Please versuchen sich offenbar an einer möglichst originalgetreuen Version von Jet o.s.ä., die Band spielt perfekt und der Sänger, der sicherlich nicht zufällig gekleidet und frisiert ist wie Kurt Cobain, singt in völlig akzentfreiem Englisch überaus belanglose Dinge. Als ich ihn wenig später darauf und auf ihre Einflüsse anspreche, dreht er sich wortlos weg, und man klärt mich darüber auf, dass er tatsächlich kein einziges Wort Englisch beherrscht.

Snack_bratze
 
Dass wir uns in der nach dem Soundcheck verbleibenden Zeit nicht im Backstage-Würfel vergnügen, sondern Moskaus Strassen begutachten möchten, führt zu kurzer Ratlosigkeit, doch gewährt man uns den offenbar seltsamen Wunsch. Selbst die Exkursion hinab in die Unterwelt Moskaus gewährt man uns, und so eiern wir auf einer Rolltreppe hinab zur U-Bahn. Eine Rolltreppe, deren Fahrzeit ungefähr jener von einer Station zur nächsten entspricht. Die Metro kommt im Minutentakt, zu Stoßzeiten gar alle dreißig Sekunden, und wie ein grüner, brüllender Lindwurm lässt sie die verschluckten Menschenmassen im Dunkel der Tunnels verschwinden. Seltsamerweise aber führt diese beachtliche Taktung eben nicht zum erwartbaren Gedrängel. Die Passagiere funktionieren auf dem Bahnsteig ohne Kollisionen, im Gegensatz zum hiesigen Nahverkehrsvolk sind sie jedoch nicht rücksichtslos, sondern schlicht ignorant.

Unsere unversehrte Rückkehr aus der Kälte wird umgehend mit Wodka begossen – zum Geburtstag bekommt Alex heute ausschließlich Hart-Alk geschenkt. Mit zunehmender Schlagzahl lösen sich auch den Fremdlingen gegenüber die Zungen, und man erlaubt uns Teilhabe beispielsweise am Identitätsproblem russischer rockinteressierter Jugend – ist der in der UdSSR als einzig „moderne“ Musikform anerkannte Staatsrock mittlerweile genauso musealisiert wie der eingelegte Lenin, so gibt man sich in Rußland mehr denn anderswo recht hemmungslos irgendwelchen Strömungen hin, die möglichst überhaupt nichts mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Als ich erwähne, welchen Status im Westen für eine bestimmte Klientel die sibirische Punkband Grazhdanskaya Oborona besitzt, reagiert man mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen.
Angesagt ist momentan nahezu ausschließlich Post-Rock, was auch die nur etwa anderthalb Dutzend Anwesenden vor der Bühne erklärt. Zum Vergleich: noch vor wenigen Jahren spielten Egotronic im Rahmen ähnlicher Veranstaltungen vor bis zu 800 Menschen. Der Auftritt von Bratze wird von den Anwesenden wohlwollend, doch insgesamt ohne spürbare Begeisterung aufgenommen und bedarf letztlich keiner speziellen Erwähnung.

Wahrzeichen_leute
 
Wir werden ins Hostel verbracht, eine umfunktionierte Wohnung im dritten Stock in einem Hinterhaus nahe des Roten Platzes. Sind auch sämtliche Informations- und Warnhinweise auf den bunten Aushängen in englisch abgefasst, beherrscht die Dame an der Rezeption jedoch nicht ein einziges Wort in jener Sprache, weswegen wir uns nach kurzem Versuch des Radebrechens lärmend und auf eigene Faust in Richtung Bier und Roter Platz aufmachen. Supermärkte sucht man in den Innenstädten übrigens vergebens, sämtliche Bedürfnisse lassen sich in den vollgestopften Buden und meist winzigen Läden befriedigen, die oftmals bis spät in die Nacht geöffnet haben. Hier machen wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit den allgegenwärtigen Milchbrötchen mit Hackfleisch, die pappig und knittrig in den Auslagen harren und deren regelmäßiger Verzehr fraglos zur Einschränkung aller Bewegungsfähigkeit führen dürfte. Ungeahnt der Temperaturen von mittlerweile minus 22 Grad, unserer Orientierungslosigkeit und der völlig menschenleeren Straßen eiert die Reisegruppe Bratze in Richtung Roter Platz, wobei uns das Bier in den Flaschen gefriert. Und siehe: kurz, nachdem wir eine Gruppe Bemitleidenswerter passiert haben, die mitten in der Nacht die gefrorene Straße mit schwerem Gerät aufknüppeln müssen, stehen wir auf jenem geschichtsträchtigen Ort. Trotz aller Ehrwürdigkeit der Stätte jedoch werden uns nur einige verwackelte Bilder respektloser Hirnis bleiben, die vor der Kasaner Kathedrale herumhampeln. Dergestalt dokumentiert, macht sich der Troß zufrieden auf den Weg zurück, um in einer dämlichen Rockerkneipe unter Einsatz von Händen und Füßen ein letztes Bier zum Westkurs zu erstehen.

Tags darauf erfahren wir, dass Alex noch nächtens von der besorgten Rezeptionistin telefonisch über das Ausschwärmen der offenbar dem Wahn anheim gefallenen Deutschen berichtet wurde. Eine skurrile Form von Verantwortungsbewusstsein, die uns nicht zum letzten Mal verwundern wird.

Da ein für den heutigen Abend geplantes Konzert in einer vergessenen Stadt leider ausfallen mußte, nutzen wir den freien Tag zunächst für einen etwas weniger getrübten Blick auf den Roten Platz und zumindest ich muß mir eingestehen, daß mir die historische Bedeutung des Platzes und der ihn umgebenden Gebäude, das leider geschlossene Kühlhaus mitsamt konserviertem Revolutionsführer und vor allem die Ausmaße des noch immer geheimnisvoll wirkenden Kreml einen gewissen Respekt einflößen. Und im selben Moment ertappt man sich bei einer unangenehmen Form westlicher Arroganz in der man sich über die recht direkt angrenzende Shopping Mall samt darin untergebrachtem McDonald’s ärgert. Als habe diese Nation nicht das selbe Anrecht auf diese ganze Scheiße. Zum Aufwärmen begeben wir uns in ebenjene Welt von Glitzer, Glanz und Gloria, ein edles Einkaufsparadies in all seiner Erbärmlichkeit, ein elendes Vorgaukeln von Versprechen, deren Verfügbarkeit den meisten jedoch ewig vorenthalten bleibt. Was aber bringt es, an diese Lüge auch nur einen Gedanken mehr zu verschwenden als daheim?

TEXT: Rasmus Engler | RESSORT: Musik, Und sonst, Unterwegs
19. Januar 2011 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



7 KOMMENTARE


  1. Real Russian Tour.
    ich muss schmunzeln wir waren mit unserer Kapelle RHYTM POLICE auch schon zwei mal mit Alex auf Tour.


  2. Egor letov und egotronic in einem Artikel

    Und das auch noch ohne Kontroverse.


  3. Wie wäre die Kontroverse denn??


  4. mitglied der nationalbolschewistischen partei, kurz vor seinem tot selbstbezichtigter christ – um die bekanntesten punkte zu nennen – würden kontroversen bringen..


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  7. A band director at a rural Cleveland high school haas
    been charged with having sexual contact with a student at a park.



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