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JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN

1. Der Film in einem Satz:

Man hat’s nicht leicht als Schauspieler.


2. Darum geht‘s:

Regisseur Oskar Roehler erzählt die Genese von “Jud Süß”, des berüchtigsten antisemitischen Nazipropagandafilms. Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Männer: Jud-Süß-Hauptdarsteller Ferdinand Marian (dargestellt von Tobias Moretti) und NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu). Marian wehrt sich zunächst gegen das Angebot von Goebbels, Jud Süß zu spielen, gibt aber letzten Endes doch klein bei und erliegt dem Selbstbetrug, seinen Jud Süß so anzulegen, dass er nicht für Propagandazwecke missbraucht werden könnte. Das Gegenteil geschieht: der Film wird bei den Festspielen von Venedig aufgeführt, 20 Millionen Menschen gehen ins Kino und Marian begleitet den Film zu seinen Aufführungen an die Ostfront. Vom schlechten Gewissen geplagt wird Marian zum Alkoholiker und zerbricht an seiner Schuld.

Was man Oskar Roehler zu gute halten muss: er hat keine Angst und wagt sich sowohl bei seiner Stoffwahl als auch der Ausgestaltung oft auf dünnes Eis. Wenn Roehler in seinen intimeren, kleinen Filmen den Ton trifft, dann ist er verstörend gut wie kaum jemand sonst hierzulande (“Der alte Affe Angst”, “Agnes und ihre Schwestern”). Wenn er die camp-Sau durchs Dorf treibt, wird es eine Gratwanderung. Bei seiner Nacherzählung des Lynch’schen “Wild At Heart” namens “Lulu & Jimi” beispielsweise gelingt es ihm spielerisch, das Overacting und die Überspitzung gezielt einzusetzen, um erfolgreich ein Neon-Märchen zu erzählen. Doch die gleiche Herangehensweise führt bei einem Stoff wie “Jud Süss” zum unweigerlichen Scheitern. Mit Ausnahme des noch am nuanciertesten spielenden Moretti als Marian gibt das ganze Ensemble den Zirkusaffen, allen voran Martina Gedeck (als Ehefrau von Marian) und Moritz Bleibtreu als Goebbels. Bleibtreu kopiert mit sicherlich viel Eifer den medialen Goebbels, der uns durch seine Reden immer noch präsent ist – aber wo Bruno Ganz beispielsweise “seinem” Hitler noch eine andere Dimension hinzufügen konnte, die für eine gewisse Zeit das immanent clowneske der öffentlichen Hitlerauftritte bändigen konnte (bis sie dank Internet-Meme selbst wieder eine Vorlage zur ewigen Parodie wurde), bleibt Bleibtreus Goebbels ein holzschnitthaftes Portrait des Propagandaministers.

Roehler widersteht zurecht der Versuchung, ein großes, bedrückendes Drama aus “Jud Süss” zu machen, sondern geht gezielt in Richtung des klassischen Melodrams, für das er sich auch künstlerische Freiheiten hinsichtlich der geschichtlichen Genauigkeit nimmt. Doch manche Storyelemente überschreiten mit soviel Verve die Schwelle zum camp, dass man sich nicht mehr in einem überlebensgroßen Melodram wiederfindet, sondern einer Satire – einmal gar einer Parodie auf Naziploitationfilme, wenn die Ehefrau des Obersturmbandführers den Jud Süß Marian auf einer Filmgala abschleppt, um mit ihm während eines Luftangriffs Sex zu haben. Im Dachgeschoß des Hotels. Vor offenem Fenster, illuminiert durch den Bombenhagel. Während sie vor Extase “Mach mir den Juden!” schreit.

3. Der beste Moment:

Jedenfalls mit Sicherheit keine der Szenen, in denen Bleibtreu, Gedeck oder Stadlober sich gegenseitig übertrefen wollen, wer übertriebener grimassierend durch die Kulissen chargieren kann.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer Douglas Sirk – Filme liebt und keine Probleme damit hat, wenn dabei krude Antisemitismus, der zweite Weltkrieg und das Filmbusiness verhandelt werden.

TEXT: Christian Ihle | RESSORT: At the Movies mit Ihle
13. Oktober 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


  1. Psssst: Agnes und seine Brüder. Nicht Schwestern. Das war Hannah.



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