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ENTER THE VOID

Unser Film der aktuellen Ausgabe – Christian Ihle hat er dennoch nicht nur gut gefallen. Aber lesen Sie selber:


1. Der Film in einem Satz:

“2010 – A Mind Odysee” für die Generation Fucked Up.

2. Darum geht‘s:

Oscar lebt in Tokio und versucht sich die Erinnerungen an den tödlichen Unfall seiner Eltern mit Drogen wegzuschießen. Um sein Leben zu finanzieren und vor allem seine jüngere Schwester ebenfalls nach Japan holen zu können, wird er Gelegenheitsdrogendealer. Verraten von einem Freund, selbst voll auf Drogen, gerät er in einen Hinterhalt und wird erschoßen.

Halt, sagt der liebe Leser, und wundert sich über den Spoiler? Keine Angst, obiger Absatz erzählt nur die ersten 20 Minuten, die restlichen Zweieinhalbstunden führt uns Gaspar Noé in eine Welt außerhalb der unsrigen. Ob halluzinierter Drogentrip im Todesmoment oder tatsächlich Seele auf Abschiedstour – man weiß es nicht und im Grunde ist es auch nicht relevant.

Auch mit seinem dritten Spielfilm sprengt Noé wieder die Konventionen des klassischen Kinos. War “Seul Contre Tous” (“Menschenfeind”, 1998) nur inhaltlich unerträglich, aber noch konventionell erzählt, hatte sein “Irreversible” (2002) schon mit Chronologie jongliert und ist nun “Enter The Void” außerhalb allem, was man üblicherweise von einem Spielfilm erwartet. Plot? Charakterentwicklung? Narration? Nichts.

“Enter The Void” ist ein Anschlag auf die Sinne, akustisch, optisch, an der Grenze zum Unerträglichen, physisch spürbar. Die bereits in “Irreversible” zum Einsatz gekommene fliegende, rotierende, nie stillstehende Kamera beherrscht den ganzen Film. Keine Schnitte, nur Übergänge, Eintauchen, Wegschwimmen, durch Wände dringen, über Häuser fliegen. Noé hat mit “Irreversible” und “Enter The Void” tatsächlich das schwer Denkbare geschafft: auch jetzt, nach einhundert Jahren Filmgeschichte, noch einmal eine neue Bildsprache zu erschaffen.

Sehenswert? Unbedingt!
Ein Vergnügen? Nur eingeschränkt.
Erneut ein Meisterwerk? Leider nicht, weil trotz aller visuellen Brillanz und Noés Einfallsreichtum im Bebildern von Eigentlichnichtzeigbarem diesmal im Gegensatz zu “Irreversible” eine Idee fehlt, die den Film über seine Spielzeit trägt. War in “Irreversible” der “Zeit zerstört alles”-Kern mit einer Wucht heimgehämmert worden, dass Zuschauern die Luft wegblieb, bleibt Enter The Void reiner Körper ohne Seele, Herz. Die Idee des Lebens als ewigen Kreislauf aus Sex, Geburt, Tod (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) ist doch zu wenig um zweieinhalb Stunden Film tragen zu können. Böse formuliert: verlässt man den Kinosaal zwischendurch für eine Stunde, man würde nichts verpassen – andererseits bleibt Noé hoch anzurechnen, dass er im Gegensatz zu Christopher Nolans “Inception” tatsächlich Traumwelten erschafft.

3. Der beste Moment:

Wenn wieder und wieder der Autounfall der Eltern mit den im Fond sitzenden kleinen Kindern gezeigt wird und Noé für diese kurzen Momente eben nicht nur visuell beeindruckt, sondern mit irreversiblesquer Wucht Schmerz, Trauer, Tod und Verzweiflung zeigt.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wer im Kino Grenzerfahrungen sucht und sich im Gegensatz zu Noés Vorgängerfilmen auch mit der Auslotung seiner Grenzen auf visuell-akustischer Ebene zufrieden gibt.

TEXT: Christian Ihle | RESSORT: At the Movies mit Ihle
1. Oktober 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



5 KOMMENTARE


  1. [...] seine visuelle Unruhe und ist physisch anstrengend. Christian Ihle gibt online auf der Seite des Opak-Magazins vorab eine Beschreibung dessen, was er für sehenswert hält – aber nicht zum Vergnügen [...]


  2. wobei das mehr ausdrücken sollte, dass man Enter The Void gar nicht mit den üblichen Spielfilm-Maßstäben messen kann – bzw. wenn doch, eben keine Empfehlung aussprechen kann, weil Plot, Narrativ, Charaktere, die man erwarten würde, einfach fehlen.

    Sieht man ETV dagegen als experimentellen Film, dann ist das natürlich eine klare Empfehlung. Visuell faszinierend wie kaum ein anderer Film!


  3. Absolut!


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