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INTO THE NIGHT WITH NEON INDIAN

Die Stimmung am zweiten Tag des Berlin Festivals hinterließ mich mit dem Gefühl, Teil der übellaunigsten Musikveranstaltung des Sommers 2010 gewesen zu sein. Den Samstag konnte nur Interviewpartner Neon Indian und ein mittlerer Alkoholexzess retten. Mit Alan Palomo, Kopf der Band, sprach ich über das Konzept der Erinnerung und die 80er. Am Ende landeten wir auf dem letzten Konzert des Abends, Hot Chip.
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Montag: Vage Erinnerungen kommen zurück. Ich höre mir die Aufnahme an, meine Stimme lallt, Scham macht sich breit. Zum Glück befindet sich niemand im Büro. Ich versuche den Festivalsamstag zu rekonstruieren. Das Neon Indian–Konzert ging nur eine Viertelstunde. Es gab technische Probleme. Alan versuchte alles, um das Keyboard in Gang zu bekommen. Scheitern als Chance begreifen. Die Keyboarderin improvisierte, trotzdem ging der psychedelische Sound verloren.

Sein Tour-Manager Brent erzählt mir, das Equipment sei während des Fluges kaputt gegangen. Ich unterhalte mich etwas länger mit ihm, denn Neon Indian muss selbst noch zwei weitere Interviews geben. Draußen fliegt der Bass den Festivalbesuchern um die Ohren. Boys Noize beben. Backstage klingt das öde. Ich bin allein, nüchtern und meine Freunde in der Masse. Scheiße, denke ich und hole mir aus dem Kühlschrank ein Bier. Brent hat schon den Sound für „I Might Be Wrong“ (Sinnbus Records) gemischt und findet, dass es sich bei ihnen um die nettesten Berliner handelt. Ich nicke zustimmend, kenne aber kein Bandmitglied, nur das Album „Circle The Yes“. Ich bin als Letzte dran. Alan hat riesigen Hunger, Brent ist müde und gibt mir seine Getränkemarken. Der Anfang vom Ende, dachte ich mir noch. Der erste Drink ist schnell weg und macht sich in meinem Blut breit, Alans Stimme auf dem Band klingt aufgeweckt. Er erzählt von seinen zwei einschneidenden Musikerlebnissen:

„Ich sah meinen ersten Synthesizer, den Oberheim OB-X, in einem Musikladen in Saint Antonia Texas. Ich hatte noch keinen echten, so einen programmierbaren gesehen. Ich saß nur so da und drückte auf die Tasten, als ich die erste Note getroffen habe, war das die perfekte Summe aus all den seltsamen Tönen, die ich seit meiner Kindheit gehört habe. Den zweiten Moment hatte ich als Erwachsener: Ich sah „Bizarre Love Triangle“ von New Order aus völlig neuer Perspektive und realisierte, dass ich mit der Musik Erlebnisse assoziiere seit meinem vierten Lebensjahr. Es war eine intensive Erfahrung, all die elektronische Musik auf einmal zu inhalieren und sich die frühen Alben von DAF und NEU! anzuhören.“

DAF Platten singen bekanntermaßen nur deutsch, aber Alan hatte diesen Schulfreund…

„Der war so besessen von DAF, der hat die meisten Texte übersetzt und mir erzählt, worum es geht. Ich erinnere mich an ein Video von DAF, da stehen sie vor Sequenzern mit Lederjacken und der Eine schaut mit Unbehagen in die Kamera und der Andere hat wie hysterisch getanzt. Ich saß nur da, hörte zu und dachte, die ganze Attitüde ist so verdammt Punk-Rock. Das war eine ganz andere Herangehensweise an Musik.“

Er wuchs in einem sehr musikalischen Umfeld auf. Alans Vater war Popstar in Mexiko und auch sein Bruder ist Musiker. Den Einfluss seiner Familie hört man auch in seiner Musik.

„Ich habe Songs von meinem Vater in 6669 und 7000 (Reprise) verarbeitet. Beide haben das gleiche Keyboard–Motiv, was ich schon seit meiner Jugend immer wieder hörte.“

Das aktuelle Album „Psychic Chasms“ beschreibt er als perfekten Schnappschuss eines bestimmten Zeitpunkts: „Ich verstehe es als Teil einer Collage. Ein Audiodokument. Austin. Die letzten drei Jahre.“ Alan wirft mir diese Wortfetzen hin. Und dann leuchten die Erinnerungen auf.

„Ich dachte an Lizzy und daran, dass wir gemeinsam Acid nehmen wollten. Die verpasste Chance inspirierte mich mitten in der Nacht ‘I should have taken acid with you’ zu schreiben. Als ich fertig war, rief ich um 4.00 Uhr morgens einen Freund an: ‘Hey, hast du Bock Tacos zu kaufen?’ Er kam, ich zeigte ihm den Track, dann fuhren wir los. Es hat sich total gut angefühlt. Die Songs sprudelten an den folgenden Tagen aus mir heraus, alles hat sich ganz leicht angefühlt. Innerhalb eines Monats entstand ein vollständiger Longplayer. Ich habe ganz selbstverständlich auf all meine Sound-Experimente der letzten Jahre zurückgegriffen. Die Sound-Stücke hatte ich schon länger im Kopf, dachte nur immer: ‘What the fuck should I do with it.’ Und dann kam Neon Indian und endlich fand sich dafür eine Verwendung.“

Alan betrachtet Musik visuell, zuerst erscheinen Bilder, danach erst entstehen Melodie und Text. Erinnerungen spielen dabei eine wesentliche Rolle.

„Mich fasziniert das Konzept von Erfahrungen. Erinnerungen zerfallen genauso wie eine Platte physisch kaputt geht. Je mehr du handelst, spielst, desto mehr häufen sich deine Erinnerungen. Über die Zeit verändert sich aber deine Sichtweise auf die Dinge. Du hörst das Zischen auf der Platte oder findest eine Schramme – nicht nur die Erinnerungen, sondern auch die Musik, verändert sich ganz organisch mit der Zeit. Während der Wiedergabe werden bestimmte Erinnerungen betont, andere ausgespart, plötzlich sehen die Ereignisse völlig anders aus. Psychic Chasms konserviert die Erinnerungen an meine Familie, Freunde und die Zeit in Austin.“

Neon Indian übersetzt intime Momente in Klangbilder. In Alans Vorstellung taucht der Zuhörer in eine Bilderwelt ein und formt einen völlig neuen persönlichen Kontext.
Die beiden Elemente, Film und Bild, spielen auch in seinen anderen beiden Bandprojekten, Vega und Ghosthustler, eine wichtige Rolle. Die Songs für das Neon Album probierte er für Vega umzuschreiben: „Etwas ging verloren. Das hat sich nicht ehrlich angefühlt.“ Seine Bandprojekte bewegen sich zwischen Aufarbeitung, Verarbeitung und Rekontextualisierung. Das Vega Album „Well known Pleasures“ verweist deutlich auf Joy Divisions „Unknown Pleasures“ und setzt einen klaren Kontrast zum Original mit heftigen Diskosounds. Ghosthustler z.B. parodiert den 80er Film Flashdance im Song „Someone elses Ride“ ohne dabei an musikalischer Ernsthaftigkeit einzubüßen.

Neon Indian wirkt im Vergleich erwachsener, Songs wie „Should have taken acid with you“ sind ernst gemeint. Der schnelle Erfolg stellte ihn aber vor neuen Herausforderungen. Er musste sich eine Band suchen, Stücke proben sowie die Musik für sich und die Band lebendig halten.

Alan ist immer noch nicht betrunken. Hot Chip dröhnt im Hintergrund. Ich verstehe kein Wort mehr. Auf dem Melt vor drei Jahren haben Hot Chip abgebrochen. Verdammt. Alan schlägt vor, sich mit mir das Konzert anzuschauen. Wir verbraten die restlichen Getränkemarken. Auf geht’s. Er erzählt von Amerika, Rassismus, amerikanischer Migrationspolitik, bittet mich aber seine Musik in den Vordergrund zu stellen. Er ist nicht genervt von der Presse, obwohl…

„Natürlich ist es richtig, Musik zu hinterfragen, aber viel zu oft führt das von der Musik weg. Wirklich wichtig ist mir das aber nicht. Ich beschäftige mich mit meinen Erinnerungen und versuche herauszufinden, was für mich im Leben Wert besitzt, woran ich festhalten möchte. Das alles ist für mich wie eine Suppe. Eine riesen große emotionale Suppe.“

Alan stellt mir viele Fragen, scheint generell sehr interessiert. Anscheinend möchte er so viele Erfahrungen, Berichte, Meinungen wie möglich aus Europa nach Amerika mitnehmen. Kurz nach 23.00 Uhr ist Schluss. Alan und ich stehen am Ende etwas bedröppelt in der Gegend rum, eigentlich sollte es doch weitergehen, aber das Berlin–Festival hat sich für die Sicherheit der Besucher entschieden. Enttäuscht ziehe ich weiter durch die Nacht, wache irgendwann im Weekend auf. Wie ich da hingekommen bin, weiß ich nicht mehr. Alan musste zu seiner Band, er bleibt nur kurz in Berlin. Meine Erinnerungen an die Nacht und das Interview sind verschwommen und nur durch die Aufnahme konserviert. Das Berlin Festival bleibt Teil meines Deadbeat Summers.

TEXT: Nadine Schildhauer | RESSORT: Feature
24. September 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



5 KOMMENTARE


  1. schöner Artikel!


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