LEBEN UND TOD IN DER SCHNEEKUGEL

Dellamorte Dellamore – besser als Romeros Zombiefilme?

Da ich für den nächsten Teil der grandiosen Comicserie The Walking Dead das Nachwort schreibe – einen filmhistorischen Abriss über Zombiefilme – musste ich mir jüngst eine ganze Reihe von Achtziger Jahre-Zombiekomödien anschauen. So unterhaltsam die manchmal auch waren, ich freue mich auf den nächsten Band, weil die Neunziger mit Dellamorte Dellamore ein ganz anderes Kaliber zu bieten haben. Dietmar Dath schrieb darüber einmal, dass es ein Ingmar Bergman-Film mit Zombies sei. Damit liegt er gar nicht mal so falsch. Michele Soavi gelingt es in Dellamorte Dellamore einen Erzählton anzuschlagen, in dem sich Zombiemeuchelslapstick mit symbolträchtigen Bildern und existentiellen Sinnsprüchen vereinigen, ohne dass sich jemals eine Disharmonie ergeben würde.

Bereits am Anfang klingt an, dass er dabei an eine Idee in Romeros Dawn of the Dead anknüpft. Dort bevölkern noch ganz konsumkritisch Zombies während der Apokalypse ein Einkaufszentrum, weil es ihr Lieblingsort gewesen ist, als sie noch tote Lebende waren.

Auch Francesco Dellamorte (den Rupert Everett als melancholischen Beau spielt), dem friedhofsgärtnernden Protagonisten in Dellamorte Dellamore, geht der Unterschied zwischen Leben und Tod zunehmend flöten. Als er mit seinem einzigen Freund telefoniert, dem er ausschließlich am Telefon etwas zu sagen hat, fällt ihm auf die Frage nach seinem Befinden nichts Besseres ein als „You know, life goes on“. Die Kamera zoomt dann durchs Fenster auf die Gräber hinaus, deren Bewohner Dellamorte zu schaffen machen. Sein Problem ist, dass er mehr Tote als Lebende kennt: Lebende meiden ihn, während er die Toten anzieht. Und wenn das Leben schon deprimierend ist, wie soll es dann erst nach dem Tod werden?

Bei einem Begräbnis verliebt er sich unsterblich in die umwerfende Witwe eines reichen Knackers. Er stellt ihr ziemlich erfolglos nach, bis er sie damit rumkriegt, dass sein Friedhof ein spektakulär schönes Gebeinhaus zu bieten hätte. Dort küssen die beiden sich schleierumflort wie „Die Liebenden“ Magrittes. Als sie es später auf dem Grab ihres verblichenen Mannes treiben, weil er und sie niemals Geheimnisse voreinander hatten, erwacht der Ehemann wieder zu Leben und beißt sie. Daraufhin gibt Dellamorte ihr fatalerweise den Gnadenschuss, obwohl ein einziger Biss keine Infektion zur Folge hat.

Das gibt Francesco den Rest. Der Tod erscheint ihm und rekrutiert ihn als Mitstreiter: Er solle die Finger von den Toten lassen, weil diese ihm gehörten. Wenn er nicht wolle, dass die Toten zurückkehren, müsse er sie als Lebende töten. Die Welt schwindet Dellamorte nun ganz buchstäblich dahin. Als sein angeblicher Freund ihm in der Öffentlichkeit seine Morde abspenstig machen will, besucht er ihn auf der Intensivstation und massakriert dabei die ganze Belegschaft. Während der frühere Freund aus einem Koma erwacht und stammelt „Everything is just shit. The only thing that’s not shitty is sleep“, erscheint die von azurblau durchleuchteten Schirmwänden umgebene Krankenstätte wie eine Insel in einem schwarzen Nichts.

Nachdem Dellamorte völlig durchgedreht ist, will er seinen Gehilfen Gnaghi, der so gefräßig und debil wie auch die Zombies erscheint, ans Ende der Welt führen. Als Gnaghi aber tödlich zu verunglücken scheint, erkennt Dellamorte, dass er in ihm seinen einzigen Freund verloren hat: und das, obwohl der sich nur durch ein verschieden betontes „Gna“ verständigen konnte, einem Lautfetzen, der in The Walking Dead den Zombies in den Mund gelegt ist. Bevor Dellamorte sich verzweifelt erschießen kann, erwacht Gnaghi jedoch wieder und sagt in lupenreinem English, dass er nach Hause will. Dellamorte antwortet darauf seinerseits mit einem Gna: Er hat eingesehen, dass bewusstloses Dahinvegetieren und leidenschaftliches Um-sich-schlagen zwei Perspektiven auf dasselbe existentielle Elend sind. Wie in Bergman-Filmen oft mechanisches Spielzeug die Handlung und die Handelnden versinnbildlicht, finden sich Francesco Dellamorte und Gnaghi als kleine Figuren in derselben Szenerie wieder, nur diesmal in einer Schneekugel gefangen.

Dellamorte Dellamore spielt visuell, dramaturgisch und in den Wortwitzen so virtuos die Gegensätze Leben und Tod gegeneinander aus, dass Martin Scorsese den Film sicherlich nicht nur einen der besten italienischen Filme der Neunziger nannte, um das italienische Kino der Neunziger zu dissen. Es ist ein Jammer, dass Dellamorte Dellamore viel zu einzigartig ist, um Schule machen zu können, da nur die besten Zombiefilme von George Romero an ihn heranreichen.

TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
6. August 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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