SEX IM LICHT DER UNTERGEHENDEN SONNE
Als ich mich gestern unversehens vor dem Regal mit Filmen von Andreas Dresen wiederfand, schüttelte mich beim Anblick der Cover von „Wolke 9“ und „Sommer vorm Balkon“ direkt ein Anfall schlechter Laune. Dresen gehört ja zu den Leuten, von denen jeder Schrott im Feuilleton beklatscht wird. Zu meinen schlimmsten Kinoerlebnissen gehört, wie ich im Abaton saß und mich fragte, ob Wolke 9 schon ein Aufruf zum Abtreten mit achtzig ist, als plötzlich etliche Zuschauer zu klatschen anfingen. Offenbar gefiel ihnen die Message, dass im Alter eh alles schon auf Zerfall gepolt ist und jede Anwandlung von Lust von daher direkt ins absolute Desaster führen muss. Die dunkeln Wolken über meinem Kopf lichteten sich erst, als ich im Regal mit japanischen Obskuritäten „Tasogare – Liebestoll im Abendrot“ (Japan, 2008, 64 Min., R: Shinji Imaoka) fand, einen kleinen japanischen Pinkfilm, der zeitgleich von der Liebe im Alter erzählte und ganz ohne katastrophalistischen Firlefanz auskommt.
Der 65-jährige Funakichi lässt keinen Zweifel daran, dass er ein hinkender, geiler Bock ist: Gleich zu Beginn erregt er im Supermarkt Aufsehen, weil er einer jungen Frau unter den Rock lugt. Während seine Frau mit Krebs im Krankenhaus liegt, treibt er es mit einer Bardame. Als geifernd herzloser Alter hat er gleich eine ordentliche Hypothek abzutragen.
Die Tragödie ist aber nicht, dass Funakichis Frau noch auf dem Totenbett hintergangen wird. Die Tragödie ist, dass sie während all der gemeinsamen Jahre ihre Sexualität nicht mit ihrem Mann ausleben konnte, weil ihr Schicklichkeitskrampf dabei im Wege stand. Wenn ihr kleiner Enkel ihr im Krankenhaus berichtet, was für ein Schürzenjäger der Opa doch ist, erweckt Funakichis Tabubruch bei ihr einen letzten Frühlingsbeginn: Nur seine offensiv zur Schau getragene Geilheit erlaubt es seiner Frau, ihrer eigenen freien Lauf zu lassen.
Wem es schon einmal sauer aufgestoßen ist, dass im sogenannten Autorenfilm hinter jeder Sexszene das existentielle Elend lauert, findet in den besseren „pinku eiga” das probate Bullrichsalz. Indem die bejahrten Jungs hier auch mal ihre Riesengummischwänze schwingen, überwinden sie den allgegenwärtigen Komplex mit dem Sex: Warum können Menschen nicht bei einer so einfachen Angelegenheit mal ganz albern kichern? Die burlesken Figuren überwinden das gesellschaftliche Drama einfach mit ihrer Vitalität.
Funakichi und seine nicht minder aktiven Kumpels verkleiden sich wie Schuljungen, um beim Spannen nicht erkannt zu werden. Die Travestie ist Programm: Man billigt nur kleinen Jungen noch den erotischen Kick zu. Auch Funakichi kann nicht wirklich glücklich werden, weil er immer die Grenzen des Erlaubten übertreten muss, um sich selbst treu zu bleiben. Als er bei einem Klassentreffen seine Jugendliebe Kazuko wieder trifft, entflammen die zwei erneut füreinander. In einer einzigen Nacht holen sie ihre verhinderte Liebe nach, bei der Funakichi ganz so kann, wie er wirklich will. Zu seiner deutlich jüngeren Affäre hat er aber letzten Endes doch nur ein parasitäres Verhältnis: Seine Lust ist es, noch Lust wachrufen zu können. Auch bei Kazuko findet der Sex im Schatten früherer Erotik statt; es sind die Erinnerungen an die Körper vergangener Tage, die das Begehren wecken. Funakichi bricht ihren Widerstand mit dem Satz: „Die Kazuko meines Herzens sieht aus wie die in der Schule.“
Der Tod umgibt die Figuren so allgegenwärtig, dass er allen Bemühungen Hohn spricht, irgendetwas im Leben noch Dauer zu verleihen. Tasogare ist so heiter melancholisch, weil seine Figuren quasi auf dem Totenbett entdecken, dass ihr Kindsein wahres Leben war und noch nicht ständige Rücksichten alle Regungen erstickten. Als Funakichi und Kazuko ein einziges Mal ungehemmt ihre Liebe ausleben, verliert die Darstellung plötzlich auch den Ruch des Tabubruchs, den die Liebesszene mit der Bardame noch hatte. Es sind dann einfach zwei, die eingesehen haben, dass man ein ungelebtes Leben am besten bewältigt, indem man es nachholt. Unabhängig vom Alter ist Sex ein Mittel, dem Tod zu trotzen.
TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf7. Juli 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





