OPAK | wir müssen reden » Blog Archive » LÜGEN MACHT ERFINDERISCH / THE INVENTION OF LYING

LÜGEN MACHT ERFINDERISCH / THE INVENTION OF LYING

1. Der Film in einem Satz:

Es gibt ein richtiges Lügen im Falschen.

2. Darum geht‘s:

Eine Welt, in der die Lüge nicht existiert. Der Traum aller Hippies, Unverbesserlichen und Zynikfeinde. Aber durchexerziert ins letzte Detail auch eine Art Dystopie wie „The Invention Of Lying“ (so der treffendere Originaltitel; USA 2009, R: Ricky Gervais, 99 Min.) zeigt. Keine Notlüge, keine charmante Verkleidung misslicher Umstände, sondern immer geradewegs die brutalstmöglichste Aufklärung, Wahrheit um der Wahrheit willen. Die erste halbe Stunde nimmt sich „The Invention Of Lying“ genüsslich Zeit, um unser Idealbild einer lügenfreien Welt zu demaskieren, in dem er den katastrophalen Ablauf von Dates ohne beschönigendes Freundlichsein oder die Brutalität im Arbeitsleben, wenn jeder wirklich sagen würde, was er denkt, zeigt – bis XXX entdeckt, dass er in dieser Welt der Wahrheit als einziger die Fähigkeit besitzt, zu lügen, was ihm Erfolg, Reichtum und Macht beschert.

Ricky Gervais, der große Komiker Englands, ist für seinen ersten selbstgeschriebenen Hollywood-Film ein großes Wagnis eingegangen. Im Genre der RomCom ist sein aus britischen TV-Serien wie „The Office“ und „Extras“ erprobter Humor natürlich viel zu brutal, so dass er seine Pointen auf den ersten Blick merklich dateverträglicher gestaltet, was ihm auf der Insel heftige Kritik eingebracht hatte. Für den klassischen amerikanischen Multiplexgänger ist aber Gervais Subversion weit entfernt von der gewohnten Adam-Sandler- oder Jim-Carrey-Komödie. Gerade im Vergleich zu „Der Dummschwätzer“ („Liar Liar“) von Carrey wird das deutlich, da beide Filme durchaus ähnliche Grundkonstellationen wählen: wo Gervais als Einziger des Lügens fähig ist, spielte Carrey eine Figur, die nicht lügen konnte. Während der leidlich unterhaltsame Carrey-Film seine Pointen brav ablieferte, schafft Gervais in der zweiten Hälfte von „The Invention Of Lying“ eine unerwartete, beißende Schärfe in seiner Romantic Comedy unterzubringen, in dem er aufs heftigste auf Religionskritik schwenkt. So muss man letzten Endes doch den Hut ziehen wie Ricky Gervais es geschafft hat, die komplette Hälfte eines Hollywood-Film mit der Pointe zu bestreiten, dass es Gott nicht gibt und Religion die größte Lüge von allen ist. Dass er dazu noch die 10 Gebote von Pizzaschachteln abliest, ist nur eine Respektlosigkeit unter vielen, die ihm „the man in the sky“ womöglich nicht verzeihen wird.

3. Der beste Moment:

Das erste, gnadenlos durchexerzierte Date in der Welt der Wahrheit – mit allen denkbaren Peinlichkeiten, die sich aus dem ewigen
Wahrheitsstreben ergeben.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Atheisten, denen Ricky Gervais ein Gott der Comedy ist.

TEXT: Christian Ihle | RESSORT: At the Movies mit Ihle
15. Juli 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





KOMMENTIEREN