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GESCHICHTE UND GEGENWART – FOTOGRAFIE IN SÜADFRIKA

00002718Jeden Abend flattern die Bilder aus Südafrika über die Bildschirme nach Deutschland. Bilder des großen Fußball-Spektakels, farbige Bilder, bunt bemalte Fans, Bilder phantasievoller Kostüme, denen andere gegenüberstehen, die weniger bekannt sind. So scheint auch genau der richtige Zeitpunkt gekommen, die künstlerische Fotografie Südafrikas mit einer Ausstellung und einem Buch in den Fokus zu rücken. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Der Qualität des Bandes indes tut das keine Abbruch.

Etwa 180 Arbeiten umfasst eine Schau, die jetzt im Museum Goch und auch im Stadthaus Ulm zu sehen ist. Vertreten sind beinahe alle wichtigen Namen der Fotografie Südafrikas. Das Werk der Fotografen umfasst die Zeitspanne von 1950 bis heute – sechzig Jahre des Landes. Sehr genau lassen sich die politischen Entwicklungslinien anhand der Bilder nachvollziehen: Das Leben in der Apartheid, der Widerstand, der Befreiungskampf bis hin in die Gegenwart – entlang der sozialen Entwicklungen wird auch die Fotografie des Landes präsentiert.

Ein hervorragendes, frühes Beispiel einer engagierten Fotoreportage sind etwa jene Bilder, die Bob Gosani für das Magazin „Drum“ gemacht hat. „Drum“ war ein wichtiges Sprachrohr der Anti-Apartheidbewegung in Südafrika. Stets ist es der Alltag, den der Fotograf fokussiert, etwa das Leben in Sophiatown, jenem multikulturell-lebensfrohen Vorort von Johannesburg, der in den 50er Jahren geräumt und abgerissen wurde. Von Gosani stammt das Bild des Buchcovers des Bandes: Nelson Mandela boxt auf dem Dach eines Zeitungsgebäudes in Johannesburg – im Jahr 1957. Ein anderer – hierzulande weitgehend unbekannter – Fotograf ist Cedric Nunn: Auch er ist ein engagierter, politischer Fotograf, ein struggle photographer: Seine Bilder sind eng mit dem Befreiungskampf der siebziger und achtziger Jahre verbunden.

Faszinierend auch das Werk von David Goldblatt: Er ist einer der wichtigsten Dokumentaristen des Landes. 1930 in der Bergwerkstadt Randfontein in der Nähe von Johannesburg geboren, beobachtet er seine Heimat seit Jahrzehnten mit der Kamera: die Zechen der Goldbergwerke, die nach den Apartheidsbestimmungen zwangsweise umgesiedelten Menschen, das Leben der Afrikaaner und immer wieder seine Heimat Johannesburg.

Wie Goldblatt ist auch Pierre Crocquet de Rosemond, geboren 1971 in Kapstadt, am gesellschaftlichen Nährboden mit all seinen Spannungen interessiert: Die Fotografie ist auch ihm ein Instrument, soziale Strukturen zu befragen. Seine Bilder sind Dokumente einer Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte seiner Heimat, die durch die Spuren der Kolonialzeit ebenso geprägt ist wie durch die Apartheid. Was Crocquet de Rosemond in seinen Schwarzweißfotografien zeigt, ist der Alltag einer kleinen Gemeinde. Dieser Alltag ist karg, ärmlich und er hat – da erinnert der junge Fotograf ein wenig an einen weiteren Landsmann, nämlich Roger Ballen – viele surreale Momente. Es ist ein radikaler Dokumentarismus, der sein Vorbild etwa in der amerikanischen Fotografie von Walker Evans findet.

Crocquet de Rosemonds südafrikanische Porträts haben nichts Optimistisches. Desillusioniert wirken die Menschen in ihrer alltäglichen, ereignislosen Armut, vor ihren einfachen Behausungen. Menschen, die am Rande des neuen Südafrika leben und vor einer reichlich trostlosen Kulisse für den Fotografen posieren. Sie sind Vergessene, sozial Ausgegrenzte der Post-Apartheid-Gesellschaft.

Auch die Bilder Roger Ballens bleiben im Gedächtnis. Über seinen südafrikanischen Interieurs liegt eine dicke Schmutzschicht. Das einfache Mobiliar der Häuser ist ramponiert, Polster zerschlissen, Betten haben sich im Laufe der Jahre in Müllhalden verwandelt. Auch die Menschen sind starr geworden vor Schmutz: Er sitzt unter den Fingernägeln, auf ihrer Kleidung, an ihren Füßen und offenbar auch auf ihrem Herzen. Zwar hat die Fotografie es immer wieder vermocht, aus der ärmstem Hütte einen Ort romantischer Utopie zu zaubern, doch nichts liegt dem südafrikanischen Fotografen Roger Ballen ferner. Er stellt die abstruse Armut des Herzens ganz ohne Mitleid aus.

Die Aufnahmen des 1950 in New York geborenen und seit 1982 in Johannesburg lebenden Fotografen zeigen die Menschen der „Dorps“, der Kleinstädte Südafrikas und die Menschen des „Platteland“, deren alltägliche Armut sich in der bühnenartigen Inszenierung zum expressiven Trauerspiel steigert. Zwischen Faktum und Fiktion inszeniert Ballen seine Bilder – er arrangiert das Gefundene nach seinen Maßstäben. So agieren die Menschen auch meistens auf ähnlichen Bühnen: vor schmutzigen Wänden, vor Familienbildern, förmlich an die Wand gedrängt im Schlafanzug mit Hundewelpen, starren in die Kamera und werden zum Mittelpunkt einer Groteske mit ungewissem Ausgang.

Häufig ist Ballen der Vorwurf gemacht worden, er nutze die Ausweglosigkeit der Gezeigten für seine Zwecke, führe voyeuristisch jene vor, die am Rande des neuen Südafrika vegetierten. Doch auch wenn Ballen die dunklen Randzonen des Mensch-Seins in der Tradition von Diane Arbus in gleißendes Fotografen-Licht taucht, so können die hoffnungslosen Menschen seiner Bilder doch auf eines hoffen. Auf die leise Sympathie des Fotografen. Ihm zu Ehren posieren sie vor der schmutzigsten Kulisse, vor dem wenigen Hab und Gut, das ihnen geblieben ist. Und so wirft das grausame Blitzlicht der Fotografie bisweilen sogar einen hellen Glanz: den Existenzbeweis jener Vergessenen – am Ende der langen Kolonialgeschichte Südafrikas.

Viele weitere Fotokünstler sind zu entdecken, auch viele jüngere, ganz unbekannte Positionen, doch von einem soll noch ausführlicher die Rede sein: Der 1962 in Johannesburg geborene Guy Tillim fotografierte Kindersoldaten im Kongo, ganz ohne Hoffnung und ungeschönt, aber auch seine Heimat Johannesburg – mit einem positiveren Blick auf die Veränderungen, auf die Transformation der vergangenen Jahre.

Er ist einer der bedeutendsten Fotografen des afrikanischen Kontinents. Engagiert, ernsthaft, sensibel, kritisch, aber auch bisweilen geprägt von einer gewissen Distanz zu seinen Sujets. Oft zeigt er prekäre Lebensumstände in seiner südafrikanischen Heimat. „Eines kann man jedoch immer“, sagt Tillim, „ … etwas Hässliches, Brutales in etwas Erhabenes und Erlösendes verwandeln …“

Mit Mikhael Subotzky, Zanele Muholi, Jodie Bieber oder Andrew Tshabangu stellen Buch und Ausstellung auch jüngere Fotografen vor, welche den aktuellen Wandel des Landes zum Thema machen – die einen tiefen Blick in die komplexe Psyche eines Landes im Umbruch wagen. Andrew Tshabangu ist einer jener Fotografen, der dies auf sehr eigene Weise tut. Bei nahezu allen wichtigen Gruppenausstellungen zur südafrikanischen Kunst der vergangenen Jahre war er vertreten.

Bekannt wurde der 1966 in Soweto geborene, noch heute in Johannesburg lebende Fotograf mit mystischen Schwarzweißfotografien, welche die Messen schwarzer Christen dokumentierten. Es sind die Gegensätze der Millionenmetropole, die Tshabangu interessieren: Oft sind seine Bilder auf der Straße entstanden – er fotografiert sie aus dem Taxi, dem Bus – oder als Flaneur durch den so schnellen, rauen Johannesburger Alltag: Er zeigt Arbeiter in Kleinbussen, die Händler und Friseure auf den Straßen der Innenstadt und der Townships Alexandra und Soweto, die Obdachlosen auf den staubigen Plätzen: intuitive, schnell fotografierte Sozialstudien, die in gleichem Maße eindringlich und unprätentiös wie persönlich und dokumentarisch sind.

Tshabangu fotografiert die Entwicklung, die Transformation einer Stadt voller Energie und Aggression, die zu den am Dichtesten besiedelten der Welt zählt. Auch diese Bilder überzeugen – und lassen ahnen, wie wichtig das Medium der Fotografie in der zeitgenössischen südafrikanischen Kunst ist – aber auch auf dem Weg des südafrikanischen Prozesses der Selbstfindung. Die Ausstellung und das Buch bietet nicht weniger als einen umfassenden Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Fotografie in Südafrika.

Delia Klask, Ralf-P. Seippel (Hrsg.): South African Photography 1950-2010. Südafrikanische Fotografie 1950-2010. Texte von Luli Callinicos, Andries Walter Oliphant und Wiebke Ratzeburg. 160 Seiten. Gebunden. Deutsch, Englisch. Hatje Cantz 2010. ISBN 978-3-7757-2718-1. € 39.80

Ausstellungen:

Museum Goch, bis 5. September, www.museum-goch.de
Stadthaus Ulm, bis 5. September, www.stadthaus.ulm.de

TEXT: Marc Peschke | RESSORT: Reviews
21. Juli 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


  1. das ist interessant



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