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AWAYDAYS

1. Der Film in einem Satz:

Camus, Curtis und Casuals.

2. Darum geht‘s:

Der junge Liverpudlian Paul Carty sieht im Fußballstadion eine Schlägerei und ist fasziniert. Nun gilt für ihn, Artschool-Gänger und Mittelklassekid, nur noch eines: Mitglied der Gang zu werden.

Zugang verschafft ihm nach einigem Zögern Elvis, der sowohl Working Class als auch bei den Hools akzeptiert ist, aber dank seiner Post-Punk- und Literatur-Vorlieben mit Existenzialismus sozialisiert wurde – und so eigentlich nur aus dem ewigen Kreislauf Pub, Bier & Fäuste ausbrechen will.

Das Subgenre des Hooliganfilms hat seine Heimat – wenig überraschend – in England, erfreut sich aber auch in Deutschland in gewissen Kreisen großer Beliebtheit. Hoch anzurechnen ist “Awaydays” (GB 2009, 104 Min, R: Pat Holden), dass er im Gegensatz zum sehr betulichen “Cass” (einem ebenfalls kürzlich auf DVD erschienenen Portrait über die 80er-Jahre-Hooligan-Legende Cass Pennant) versucht, die Hools-Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen und sie im Grunde nur als Rahmen für den ewigen Klassenkonflikt der britischen Gesellschaft nutzt: den Versuch zweier Jugendlichen, aus ihrem jeweils vorgezeichneten Mittelklasse- bzw. Working-Class-Leben zu entfliehen, was ihnen zwar über ihre Liebe zu Camus und Ian Curtis gelingen mag, aber scheitert, sobald beide nicht mehr alleine sind, sondern der soziale Druck der jeweiligen peers die mühsam via Punk & Kunst aufgebrochenen Klassenschranken wieder zementiert.

Zudem spielt “Awaydays” die immer latent vorhandene homoerotische Komponente des Hooliganism voll aus – lässt dabei eher zuweilen sogar die Subtilität vermissen. Für einen Low-Budget-Film erstklassig ausgestattet, erweckt “Awaydays” täuschend echt die End70er in Liverpool, glänzt mit einem brillanten Postpunksoundtrack (Joy Division, Echo & The Bunnymen, Magazine , Ultravox!) und vermeidet die allermeisten Hooligan-Klischees (weder Milwall und West Ham kommen vor! Pubs und selbst Stadien spielen nur eine untergeordnete Rolle!).

Clever erscheint dabei vor allem der Versuch, die Verzweiflung über das eigene Dasein und die Schwierigkeiten, “irgendetwas zu fühlen”, die ewiger Bestandteil sowohl existentialistischer Literatur als auch des Post-Punk-Musikgenres sind, auf die Idee des Hooliganism zu übertragen. Denn natürlich sind wir hier in der “Fight Club” – Thematik: die Verzweiflung über die Sinnlosigkeit des Seins über physische Schmerzen zu kompensieren.

Dennoch verliert die eigentlich recht klassische Coming-Of-Age-Geschichte zweier Unverstandener im Laufe des Films an jener Wucht, die gerade die erste halbe Stunde noch zuhauf besitzt. Sicherlich kein makelloser Film, aber ein lobenswerter Versuch die Hooligan-Geschichte aus gänzlich anderem – und wohl innerhalb der Hool- & Ultragemeinde als eher unangenehm empfundenem – Blickwinkel aufzuzäumen.

3. Der beste Moment:

Der wilde Beginn als Carty seine erste Auswärtsfahrt (deshalb auch der Titel “Awaydays”) mitmacht und zu den Klängen des dreckigen kleinen Punksongs “Young Savages” von Ultravox! direkt von der Beerdigung seiner Mutter zum Zug gen Schlägerei rennt.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Postpunkliebhaber, Klassenkämpfer (aus der Mittelklasse!) und schicke Möchtegernhools.

TEXT: Christian Ihle | RESSORT: At the Movies mit Ihle
3. Juni 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


  1. your sweetheart had an awfully rather busy your lifetime.



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