KRUMME JUBILÄEN: PLATTE DES JAHRES 2007
Von Füchsen und Wölfen.
Kommando Sonne-Nmilch – Jamaica (Buback/Indigo)
Jens Rachut ist so etwas wie die graue Eminenz des Deutsch-Punk. Die Zahl der Bands mit seiner Beteiligung, Bands, die heutzutage furchtbar altmodisch klingende Begriffe wie Relevanz, Haltung, Underground auf sich vereinten, ist Legion: Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, und, allen voran: Oma Hans. Seit dem Ende der Oma im Frühjahr 2006 rückt naturgemäß eine weitere der „Jensen-Bands“ in den Fokus: Kommando Sonne-nmilch.
1998 von Rachut und Bretzel Göring (Stereo Total) als reines Studioding ins Leben gerufen, hat es sich schnell von seinen elektro-akustischen Anfängen, dem Kabarett oft näher als dem Punk, entfernt. Göring ist auch nicht mehr dabei. Dafür Stephan Mahler (Slime), Andreas Ness, (Dackelblut, Oma Hans) und Ronny, der auch schon zuletzt bei Kommando Sonne-nmilch spielte.
Damit wir uns Recht verstehen: Wenn hier Deutsch-Punk steht, ist damit keinesfalls das formatierte Eins-Zwo-Drei-Vier-Los gemeint, das derlei Musik allzuoft auszeichnet. Was vor uns liegt, ist die neben Tocotronic womöglich wichtigste deutschsprachige Platte des Jahres. Bei allen Unterschieden im Ansatz sind sie inhaltlich nicht so weit voneinander entfernt. Kein Zufall, dass Buback nicht nur Kommando Sonne-nmilch, sondern auch die Vinylversion von Tocotronics „Kapitulation“ herausbringt. Wo bei diesen Rückzug und Verweigerung herrschen, thematisiert „Jamaica“ vor allem Zerissenheit, und die eigene Machtlosigkeit angesichts betonharter Verhältnisse. Der Sound, von Tobias Levin kongenial aufgenommen, unterstreicht jenes Moment. Schneidende Gitarren treffen auf Momente des Atemholens treffen auf diese besondere Moll-Affinität Rachuts.
Die Jagdszene, die das Cover zeigt, ist eine Variation des alten Hobbes’schen Diktums. Der Mensch, der des Menschen Wolf sei, wird hier zum Fuchs: Ein Fuchs, im Schneetarnanzug vor einer Winterkulisse, ein Jagdgewehr haltend, posiert vor einer Reihe fein säuberlich aufgehängter – Sie ahnen es – Füchse. Wo Hobbes freilich über die Geschichtlichkeit der Verhältnisse, ihre Gewordenheit irrte, in dem er das Wesen des Menschen, von einem vorgesellschaftlichen Naturzustand ausgehend, als wölfisches fixierte, das erst innerhalb der Gesellschaft zu bändigen sei, wissen Kommando Sonne-nmilch darum, dass das Gegenteil der Fall ist: Erst innerhalb der Gesellschaft – die man hier gerne kapitalistisch nennen darf – erscheint das Wölfische als wesenhaft. Alle sind gleich, zu Wölfen respektive Füchsen gemacht, Jäger wie Gejagte, gleich unterm Rad des Marktes und des Konkurrenzprinzips.
Was eingedenk der eigenen Ohnmacht vor den Verhältnissen bleibt, sind die Fragen, die Rachut zu stellen nicht müde wird: “Ihre Gesten und ihre Sprache + die Ziele, für die sie stehen / Erklären Sie’s mir – sonst verlier ich den Verstand / Sei ehrlich Doc – zwei Wege gibt’s / Mit viel Hoffnung vielleicht 3 / Und rein in die Soße will ich nicht / Nicken, Knicken, Arschrasur / Karriere Anfang – Klick – Hochzeitsbilder – Kinderhort – was soll das Doc / Was soll der ganze Mist?”
Die Antwort bleibt aus. Es ist die Frage, die zählt. Das Nicht-Einverstanden sein. Was sonst bleibt, ist die Möglichkeit, Krapfen zu backen – im Digipack gibt es ein herrliches Rezept dafür.
Wem das alles zu politisch ist, nun, Jamaica ist natürlich auch eine schlicht geile Punk-Platte. Was sie aber besonders macht, ist, was noch alle Rachut-Platten ausmachte: Sie vereinen furchtbar altmodische Begriffe wie Relevanz, Haltung, Underground auf sich. Wem das nichts bedeutet, ist selber schuld.
1. Mai 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed




