“FUCK CIVILIZATION!”, SAGTE PRINZ EISENHERZ

Niemand hat so ein Gespür für Freaks wie Werner Herzog. Obwohl er Timothy Treadwell nicht so wie Bruno S. oder Kinski selbst in Szene gesetzt hat, gebührt Grizzly Man (USA 2005, L: 103 Min., R: Werner Herzog) ein Platz zwischen Stroszek und Fitzcarraldo. Natürlich kann man sich den Tenor denken, den Herzog („The jungle is full of obscenity“, „The birds are in misery, they don‘ t sing, they just squeak in pain“) anstimmt, wenn er sich der Geschichte eines vom Bären gefressenen Öko-Aktivisten annimmt. Trotz der Angriffsfläche, die der verirrte Grizzly Man Timothy Treadwell bietet, macht sich Herzog in seiner Doku nie über ihn lustig. Nach einem Blick auf sein Zivilisationshorrorkabinett darf sich jeder sicher sein, dass jedwede Anwandlung von Natursentimentalität weggeblasen ist und fortan einem selbst der Teddybär neben dem Bett unheimlich sein wird.

Timothy Treadwell in Mission ist ein leicht tuckiger Prinz Eisenherz, der in der Einsamkeit Alaskas die Gemeinschaft von Riesenbären sucht. Auf den 100 Stunden Videomaterial, das er hinterlassen hat, ruft er ihnen unaufhörlich zu, wie sehr er sie liebt, und fängt selbst beim Anblick einer toten Hummel zu flennen an. Mit einer grell geschminkten Bühnenpräsenz sehnt sich da jemand nach dem harmonischen Leben in einem verlorenen Paradies zurück. Für Herzog kommt es darauf an, dass es kein Paradies gibt, das wir hätten verlieren können. Damit Treadwell als exemplarischer Fall taugt, darf er nicht als die Witzfigur wirken, die er ganz ohne Zweifel ist. Also solidarisiert er sich als Filmemacher mit ihm und salbadert in dem geliebten Werner Herzog-Duktus über die Poesie, die der Grizzly Man aus seinen Bildern intuitiv herausgekitzelt hätte, obwohl gerade bloß ein windgeschüttelter Busch zu sehen ist.

Dreizehn Jahre lang verbrachte Treadwell den Sommer in Alaska. Das Wild Life wurde zu seiner Religion: Er wollte die Grenze zwischen Mensch und Tier überschreiten und quasi selbst zu einem Bären werden. Selbst seinen möglichen Tod hieß er vorweg willkommen, solange er nur unter „seinesgleichen“ sterben würde. Letztendlich assimilierte er sich nicht völlig: Als eine Bärin ihm mit aggressiver Haltung zu nahe kommt, verscheucht er sie mit den Worten: „Excuse me!“, ruft ihr dann aber versöhnlich sein obligatorisches „I love you!“ hinterher. Vermutlich wunderte sich der Grizzly Man selbst darüber, wie lange die Natur ihn ungeschoren ließ. Es kam ihm aber wohl auch gar nicht darauf an, weil er einfach von den Menschen weg wollte. Noch als er völlig verlassen war, stellte er seine Kamera auf und ließ sich in kinskihafter Rage über all diejenigen aus, die ihn aus seinem Paradies vertreiben wollten. Dabei fühlte er sich schon bei harmlosen Inselbesuchern von Eindringlingen bedroht und fand einen Smiley-Gruß von ihnen auf einem Holzstammrest „Freddy Krueger-creepy“.

Während Treadwell selbst bei einem Scheißhaufen begeistert fühlend ausruft: „Everything about them is perfect!“, trauert seine Mutter im Interview mit seinem Teddybären im Arm, den sie in Großaufnahme krampfhaft streichelt. Die Verbindung über die Bären ist für sie das Einzige, was ihr übriggeblieben ist. Zwei Arme decken das Gemeinschaftsgefühl mit den Bären als Zivilisationsmacke auf. Der Finder des Treadwell-Kadavers berichtet, wie an seinem abgenagten Unterarm noch die Armbanduhr hing. Ein Gerichtsmediziner überreicht diese Armbanduhr einer früheren Freundin und erzählt dabei, dass die Uhr kontinuierlich weitergelaufen wäre, seitdem der Bär den Grizzly Man zerfetzte. Wir stellen uns genau diesen unsichtbaren Unterarm vor, solange die Armbanduhr im Bild ist. Sobald derselbe Gerichtsmediziner vor einer plastiktuchüberhangenen Bahre und in hellblauem Kittel wie eine Fünfziger Jahre-Gruselfigur mit aufgerissenen Augen und einem hängendem Lid alle Details des Bärenmassakers schildert, erscheint der unsichtbare Kadaver des Grizzly Man vor unserem inneren Auge: Mit jedem weiteren Detail entsteht ein neuer Blutfleck auf dem aseptischen Abdeckkunststoff. Wenn Treadwell den abgetrennten Arm eines Grizzlyjungen sieht, bewirken das flauschige Fell und die Kissenpolster auf der Pfote, das der Arm trotzdem irgendwie streichelnswert aussieht, während der Horror des unsichtbaren Treadwell-Arms bleibt. Je weiter wir uns von unserem Leben entfernen, desto unnatürlicher unsere Reaktion.
Eigentlich war Woody Harrelson schuld. Wenn der Timothy nicht die Rolle in Cheers abgeknöpft hätte, wäre Treadwell vielleicht nicht den Drogen und später den Grizzlys verfallen. So aber irrlichterte er in deren Lebensraum herum, der im Gegensatz zu dem so vieler anderer Tierarten noch nicht einmal jemals gefährdet war, und überschritt nicht nur die Schwelle von der Witzfigur zum tragischen Naturromantiker, sondern eine naturgegebene Grenze. Kein Wunder, dass Werner Herzog am liebsten auf den Mars oder Saturn möchte, um noch „klare und durchsichtige Bilder“ zu finden.

TEXT: Waldemar Kesler | RESSORT: Flowers on the Video Shelf
23. Mai 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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3 KOMMENTARE


  1. der film ist wirklich heftig, finde ich. danke für die erinnerung, bei nächster gelegenheit wird er mal wieder geguckt!


  2. apropos herzog: hier ist er als tüte! http://www.utne.com/Arts/Werner-Herzog-Is-a-Very-Convincing-Sad-Plastic-Bag.aspx


  3. Hervorragend meditativ – Das erinnert doch an diese poetisch gedachte Szene aus American Beauty



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