ALBUM DER AUSGABE – BROKEN SOCIAL SCENE

BSS_FORGIVENESS ROCK RECORD_smallWenn das Arts and Crafts Movement im ausgehenden 19. Jahrhundert der Nährboden war, aus dem sich Jugendstil, Werkbund und das Bauhaus entwickeln sollten, so könnte man in schiefem Analogieschluss sagen, dass das in Montreal ansässige Arts&Crafts-Label im frühen 21. Jahrhundert die Bedingungen schuf, unter denen eine Band, ein Künstlerkollektiv, ach was, eine Großfamilie wie Broken Social Scene erst entstehen konnte. Und ähnlich, wie jenes historische Arts and Crafts Movement das Ornamentale, das Florale ersann (oder sich zumindest darauf zurückbesann), um schließlich in so etwas Ungeheurem wie der klassischen Moderne zu gipfeln, verhält es sich auch mit Broken Social Scene, die sich nie im bloß Dekorativen bescheiden. Auch wenn das Bild des Organischen, des Wildwuchses, des Mäandernden ihrem Songwriting bereits in die DNS eingeschrieben scheint – Broken Social Scene sind eine moderne Band auf der Höhe der Produktionsmittel. Verlassen wir an dieser Stelle die Kunstgeschichte.

Fünf Jahre ist es her, dass Broken Social Scene als Broken Social Scene ihre letzte Platte veröffentlicht haben; eine lange Zeit. Und wenn ich hier schreibe, dass „Forgiveness Rock Record” klingt wie ein alter Freund, so trifft das zwar zu, tut dem neuen Album aber auch Unrecht. Sind die meisten alten Freunde doch vor allem eins: Teil einer Vergangenheit, die sich allzu selten in die Gegenwart überführen lässt. Und damit sind wir bereits mittendrin in den Themenstellungen des Albums, von der wiederholten Zeile „Friends You Used To Call” bis zum zentralen Stück des Albums „Romance To The Grave”, das zu einem daher shufflenden Intro eine Robert-Smith-Gitarre erklingen lässt, um über sirenenhaften Chören in Erhabenheit und hoffnungsloser Romantik zu vergehen, während ein Song wie „All To All” eine verlorene Beziehung beweint und im Vorbeigehen den schönsten tremolobasierten Rhythmus seit The Smiths’ „How Soon Is Now” hervorbringt (und gleichzeitig Donna-Summer mit Ambient versöhnt).

Klassischer Indierock, Brass-Arrangements, Geigen stehen gleichberechtigt neben dieser dunkel schimmernden, von mir aus auch außerweltlich klingenden BSS-Erhabenheit und doch ist der Band bei aller Disparatheit der Stimmen und Instrumente ihr bislang kohärentestes Album gelungen. Um den Kreis zu schließen: BSS sind anders als der erstbeste alte Freund. Ein Glücksfall. Jemand, der anschlussfähig ist, weil man nicht nur eine Geschichte teilt, sondern auch ein Jetzt. So klingt der Eröffnungssong „World Sick” mit seinen überbordenden, ineinanderstürzenden Gitarrenlinien (die sich aus einem hawaiianisch anmutenden Intro herauswinden) zwar auch nach ihrer ersten Single „Stars And Sons” vom Europa-Debüt „You Forgot It In People”, aber gleichermaßen wahnsinnig gegenwärtig. Und vor allem ganz nach ihnen
selbst. Selten sind die Bands, die so sehr ihre eigene Referenz sind wie BSS.

Aufgenommen und produziert wurde „Forgiveness Rock Record” – ein wahrlich klingender Titel – übrigens von John McEntire Und neben der aktuellen Bandbesetzung – die im Wesentlichen die gleiche ist, die wir bereits von Tourneen der BSS-„Solo”-Künstler Kevin Drew und Brendan Canning, den Gründern der Band, kennen –, spielen sich naturgemäß auch hier Künstler wie Feist, Stars, Metric, The Sea And Cake und The Weakerthans die Guestingcredits zu.
Eines noch: Vergeben Sie mir den krummen Vergleich vom Beginn. Ich bin kein Kunsthistoriker. Diese Platte euphorisiert eben sehr.

TEXT: Markus Göres | RESSORT: OPAK #05, Reviews
28. Mai 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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