NOBODY FUCKS WITH THE KING – THE KING DOESN’T FUCK ANYMORE
Manche Plots wirken, als hätte der Drehbuchschreiber den Ernst des Lebens unter einer grellen Decke ersticken wollen. Bei Filmen, in denen ein warum- und wieauchimmer lebender Elvis eine Rolle spielt, denke ich vermutlich nicht nur an billigst produzierte Studenten- oder sonstige Spaßfilme, weil ich in einem dieser Sorte vor Jahren mitgespielt habe. Die Geschichte von Bubba Ho-tep (USA 2002, L: 92 Min., R: Don Coscarelli) klingt wie eine unzeitgemäße South Park-Episode: Elvis tauschte einst mit einem Elvis-Imitator die Identität, weil er des Rock ‘n‘ Rolls müde war, und lebt nun von einer völlig lädierten Hüfte, einer ominösen Geschlechtskrankheit und der Vergangenheit geplagt in einem texanischen Altenheim, wo er mit einem schwarzen Rollstuhlfahrer, der sich für John F. Kennedy hält, gegen eine seelensaugende Mumie zum letzten Gefecht antritt.
Don Coscarelli (Phantasm) und der absolut großartig agierende Bruce Campbell (Evil Dead), der den Elvis(imitator?) spielt, lassen vom straighten Horrorfilm über die Horrorpersiflage bis zum Horrortrash so einiges erwarten, bloß keine launige Reflexion über das Alter in der letzten Warteschleife. Die vakuumträchtigen Linoleumflure, die Schwester, die mit den Heimbewohnern aus abgestumpfter Gewohnheit spricht wie mit zurückgebliebenen Kindern, die desorientierte Bettlägerigkeit oder die demütigenden Gesundheitsmaßnahmen: Hier fehlt nichts, was ein Zivi im Altenheim als Zuschauer des täglichen Lebenshorrors erlebt. Coscarelli inszeniert den Kampf gegen die Mumie als letztes Aufbäumen gegen das Siechtum, als Entwicklungsgeschichte eines lebenden Toten.
Ob Elvis wirklich Elvis ist oder der Imitator Sebastian Haff, der genauso verrückt geworden ist wie der schwarze Rollstuhl-Kennedy, weiß „Elvis“ selbst nicht so genau. Für ihn bedeutet dieser Umstand aber auch nichts mehr: Auch wenn sie wahnsinnig sein sollten, ihre Altersidentität ist doch das Einzige, was ihnen noch geblieben ist. In Altenheimdimensionen bleibt „Elvis the pelvis“ auch noch derselbe, seitdem er vor Jahren von der Bühne fiel: bloß schwingt dieses Becken nicht mehr, sondern ruckelt mit dem Gehgestell vorwärts. In einer grandiosen Szene durchmisst er damit quälend langsam die Breite seines Zimmers, so dass jeder Zuschauer spüren muss, wie übel ihm Zeit und Raum mitspielen, bevor er sich stöhnend auf seinem Bett niederlässt und mit neuer Unabhängigkeit, aber dem alten Hang zur großen Geste in den Geleetopf greift, um die Beule auf seinem Penis ganz allein zu besalben: „Seht her, ich brauche die Schwester nicht mehr dafür!“
Der geriatrische Humor im Sinne von „Alle Glieder steif, nur das Eine nicht!“ entspricht hier schlicht der Lebenswelt der abgewrackten Helden: zwischen Klo, Bett und Essensaal. Da passt es auch, dass sich The King of Rock ‘n‘ Roll nicht mit dem King of the Dead misst, wie auf dem ems-Cover zu lesen ist, sondern gegen einen verlorengegangenen Museumsrestbestand, der im Altenheim sein ungestörtes Auskommen sucht. Dieser Bösewicht ist wie das Heimessen: Obwohl Elvis dem Fraß nichts abgewinnen kann, erwartet er ihn, weil der Tag nichts Besseres mehr bringt. Die Verdauung wächst zum letzten existentiellen Drama heran, weil Elvis seine eigene Würde und die der anderen Bewohner endgültig dadurch gefährdet sieht, dass der „Soulsucker“ ihre Seelen ins Nichts ausscheißt.
Bubba Ho-tep zeigt uns, dass wir alle Elvis oder Kennedy sein können, wenn wir uns auf den Kampf gefasst machen, der schließlich allen droht: „Frage nicht was dein Altersheim für dich tun kann, sondern was du für dein Altersheim tun kannst!“
30. April 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed




