DANIEL JOHNSTON IM ASTRA, BERLIN, 05.04.2010
Mit einem „Hi, how are you?“, jener fast schon ikonografischen Zeile auf den Lippen, kommt Johnston auf die Bühne. Kurt Cobain trug sie, schwarze Lettern auf weißem Shirt, bei den MTV Awards 1992 quer über die Brust, den Titel von Daniel Johnstons’ legendärem 1983er Tape. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, was so etwas bedeuten konnte. Bowie droppt ihn, Beck bezieht sich auf ihn, Steve Shelley von Sonic Youth, Jad Fair, viele andere nehmen Platten mit ihm auf, covern seine Songs. Zuvor bereits einige, danach sehr viele. Viel Ruhm und viel Ehr’. Dann der Zusammenbruch, es ist nicht der erste. Manische Depression, Autismus, Schizophrenie, ein Leben zwischen Anstalt und Medikation. Geschenkt. Johnston ist zurück. Spätestens seit dem Sundance Festival prämierten – wirklich sehr empfehlenswerten – Dokumentarfilm „The Devil And Daniel Johnston“ 2006 auch außerhalb eines losen Insider-Zirkels. Aktuell mit seinem neuen Album „Beam me Up“. Demnächst verfilmt Hollywood sein Leben. Mit Johnny Depp und Philip Seymour Hoffman, heißt es. Aber auch das spielt keine Rolle: Auftritt Johnston vor ausverkauftem Astra.
Mit akustischer Gitarre, all alone, spielt er ein paar Songs. So zerissen, so zerbrechlich, so erhaben wie immer. Gut sieht er aus, vergleichsweise gut, seinem fast 50 Jahre alten Leben angemessen. Neben sich 2 Liter Wasser und eine Coke light, keine Spur von den Limonadeneskapaden früherer Jahre. Man spürt die Erleichterung. Hier ist keiner gekommen, um eine Freakshow zu sehen. Doch dann kommt’s. Dicke. Es liegt nicht an ihm.
Erster Vorhang, kurze Pause, Auftritt: Die Band. Das sogenannte Orchester. Das sogenannte “Beam”-Orchestra. Keine Namenswitze an dieser Stelle. Eine Las-Vegas-Show-Off-Big-Band vom Feinsten. 12 Mann und Frau hoch. Was die nicht alles können. Mutig soll es wohl klingen, was sie da abliefern, 2 instrumentale Stücke, eine gefühlte halbe Stunde lang: Grauenerregendes Muckertum jammt sich durch Stile, Epochen und verquickt jede Menge Unerquickliches zu einem schwer erträglichen Amalgam größter Zumutungen. Eine Freundin macht einen Vorschlag zur Güte: Ob die Musik nicht vielleicht so sei, wie Johnstons Zeichnungen? Aber nein, ist sie nicht. Weder Captain America, noch Casper, the friendly ghost, weder Vampire, noch des toten Hundes Augapfel könnten so klingen. Nicht mal der Teufel selber.
Breiten wir also den gnädigen Mantel des Schweigens über das, was da noch kam. Nur soviel: Immer dann, wenn sich die Band zurück nahm, mal einen Refrain in Halftime spielte, Johnstons Stimme im besten Sinne begleitete, entstand eine fast körperlich spürbare Aura, ein Überschuss; wunderschöne, dunkel schimmernde Chiffren bittersüßer Poppsychedelic, wie sie in Momenten etwa auch Flaming Lips, Mercury Rev oder Neil Young evozieren können. Alles andere war Karaoke, ein Sänger, der dem Material hinterherhetzt, von ihm beherrscht wird. Johnston ist kein Crooner und auch kein Mann für Las Vegas. Aber ein herausragender Songwriter. Bitte merken Sie sich das. Obacht vor den Vampiren!
Ob sich der ganze Spaß gelohnt hat? Auf jeden Fall. Denn alleine jene flüchtigen Momente wiegen all das Ungemach auf. Insofern: Bedingt-unbedingte Empfehlung für die kommenden Shows. Zumal es auch „The Devil And Daniel Johnston“ zu sehen gibt und einige seiner besten Zeichnungen ausgestellt sind. Unbedingte Empfehlung auch für das aktuelle Album.
Verbliebene Dates:
06.04. – Frankfurt Am Main – Mousonturm
12.04. – Hamburg – Fabrik
6. April 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed






der buckelige am 7. April 2010
sehe das ähnlich. das johnston-lose “speeding motorcyle” war für sich gesehen eine durchaus gelungene interpretation, aber die gemeinsamen stücke nahmen all die nuancen, abschweifungen und verzierungen (vor)weg, die man bei seinen liedern sonst assoziieren kann.
der buckelige am 7. April 2010
+ die stimmung wäre besser gewesen ohne sitzreihen …