EMPIRE ST. PAULI

Empire StPauli1

Von Perlenketten und Platzverweisen

(D 2009, 85 Min, R: Irene Bude und Olaf Sobczak) Einer der ältesten und facettenreichsten – mit Sicherheit der bekannteste – Stadtteil Hamburgs ist Sankt Pauli. Durch die Auswirkungen des Partytourismus auf die Amüsiermeile längst zur „Sonderrechtszone“ erklärt, werden dort seit geraumer Zeit Gentrifizierungs-Maßnahmen ergriffen, um das Viertel städteplanerisch aufzuwerten und investorenkonform umzubauen. Der Dokumentarfilm „Empire St. Pauli“ greift das Thema und dessen Folgen auf und zeigt, wie „Stadt als Ware“ fungieren und das bunte Viertel als Zugpferd des hiesigen Tourismus weiter etabliert werden soll.

Die Autoren überlassen die Reflektion über den Wandel des Viertels dabei gleichermaßen den Anwohnern und Investoren, die strenge Interviewform geht freilich ein wenig auf Kosten des gestalterischen Gehalts. Die Filmemacher beziehen trotz der vordergründigen Darstellung von Meinungspluralität eindeutig Position und zeigen, wie sich in dem identitätsstiftenden Stadtteil große Veränderungen der Lebensumstände und Verdrängungsprozesse vollziehen, wodurch das Stadtteilporträt einen aktivistischen Grundton erhält. So ist es nur konsequent, dass den Film, dank seiner Creative-Commons-Lizenz, praktisch jeder öffentlich vorführen darf. Das macht ihn in einer Stadt, in der das Demonstrationsrecht teilweise eingeschränkt ist, selber zu einem Demonstrationssubjekt. Die Abneigung, die der Film den Investoren und Städteplanern entgegenbringt, liegt begründet in deren Selbstdarstellung. Ihre von außen mitgebrachten Perspektiven, die sie dem Herzen von St. Pauli überstülpen wollen, erweisen sich ein ums andere Mal als fehl am Platze. Das nennt man wohl immanente Kritik. Und auch der Humor geht dem Film – bei aller Ernsthaftigkeit des verhandelten Themas -, nicht verloren, denn die zuweilen deprimierenden Fakten dieses informativen Zeitdokuments werden oft mit hanseatischem Schnack und nordisch trockenem Charme vermittelt.

TEXT: Tina Rentzsch | RESSORT: Film, Reviews
25. Februar 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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