DURCH UND DURCH AKTUELLE MUSIK

Noise von MEGO, Elektronika von Mosz, Ambient von Fennes, Aktion von Nitsch – Radian aus Wien

Das Chicagoer Label Thrill Jockey und die österreichische Bundeshauptstadt Wien haben schon seit ein paar Jahren eine heimliche Affäre miteinander. Alles begann wohl damit, dass John McEntire, Schlagzeuger und Multiinstrumentalist der Band Tortoise, Produzent und Studiobesitzer, die Wiener Band Radian für sich entdeckte, daraufhin 2002 ihr drittes Studioalbum aufnahm und dann mit aller Wahrscheinlichkeit an Thrill Jockey weiterempfahl.

Als ich Radian 2001 das erste Mal sehen und hören durfte, war ich fasziniert, geradezu verzaubert und sprachlos. Die Präzision, der Ideenreichtum, die Konsequenz und Rückhaltlosigkeit ihrer Kompositionen und die ganz eigene Fusion unterschiedlichster Musikstile durch diese drei außergewöhnlichen Musiker, machen Radian zu einer echten Ausnahmeerscheinung. Eine Experimentalband auf den Bühnen dieser Welt, ein Rockerlebnis in den Museen für moderne Kunst.

radian chimeric

Schlagzeuger Martin Brandlmayr hält das verkopfte musikalische Konstrukt mit ausgefeilten Rhythmen zusammen und führt wie ein Tourguide mit einer Mischung aus live Schlagzeug, Samples und Vibraphon durch die Stücke.
Synthesizer und Electronics stammen von Stefan Németh, der jedoch auf dem neuen Album „Chimeric“ vermehrt auch Gitarre spielt. Németh ist umtriebig. Er ist Gründer und Betreiber des Wiener Elektronika- und Experimentalmusik-Labels Mosz; er komponiert Filmmusik, die ebenfalls von Thrill Jockey veröffentlicht wurde, und ist außerdem Bestandteil des Projekts Lokai (zusammen mit Florian Kmet), das zeitgleich mit Radian ein neues Album bei Thrill Jockey veröffentlicht hat.

Bassist John Norman zeichnet sich insbesondere durch sein extrem sparsames Spiel aus. Jeder Ton und jede Fläche wird zumeist ohne Effekte direkt und punktiert platziert. Er spielt keine Melodien und keine Läufe, stattdessen Bassfrequenzen und einzelne Noten, als analoger Kontrast zu den elektrisierenden Sinussounds aus Némeths Synthesizern.

Vier Jahre sind seit Radians letzter Veröffentlichung vergangen. Als sie sich für die neue Produktion zusammenfanden, haben sie ganz bewusst von vorne angefangen, rekontextualisiert und restrukturiert – was dabei heraus gekommen ist, schreibt zumindest für mich ein kleines Stück Musikgeschichte.

„Chimeric“ ist anders. „Chimeric“ ist das bisher vielseitigste Album Radians, weil es das Beste aus Rock, Drone, ein wenig Funk, diverse Elektronikaanleihen und experimenteller Musik in sich vereint. Wahnsinnig detailverliebt konstruiert und produziert, energetisch und laut, zart und subtil. Viele Ideen, noch mehr Querverweise und Zitate und das alles unterlegt mit diesem unnachahmlichen Brandlmayr-Radian-Groove, der wie ein Puls nicht nur die einzelnen Stücke, sondern auch alle ihre Alben miteinander verknüpft. „Chimeric“ ist das bisher gefühlvollste Radian Album. Ganz viel Harmonie und sogar vereinzelte Melodien aus gesampelten und live eingespielten Gitarren, Orgel- und Synthesizerflächen bringen sie näher an chicagoer Post-Rock als sie es je waren.

Der äußere Produktionsrahmen ist noch immer sehr streng und scharfkantig. Töne, Rhythmen und Flächen werden hart geschnitten, Rauschen und Hintergrundgeräusche gegen digitale Stille gesetzt, produziert wie alte Neue Musik aus lauter einzelnen Tonbandfragmenten. Die einzelnen Klangbausteine selber klingen zum Teil wie Ausschnitte aus Jams – einfachen Proberaummitschnitten, sehr organisch und analog, von instrumentenlastig und farbenfroh bis düster und roh. Die Gitarre ersetzt den schrillen Synthesizer, die Drums sind von Ferne mikrophoniert, der Bass klingt schmutzig und angezerrt und bekommt in einigen Stücken sogar eine tragende Rolle.

Man kann Brandlmayr seine Erfahrungen mit Ensembles wie Polwechsel und das viele Improvisieren der letzten Jahre, das freie Spiel förmlich anhören. Genauso wie Némeths Hinwendung zum analogen Sound und weg vom Synthesizer – eine Entwicklung, die sich schon auf seinem Soloalbum „Film“ abzeichnete und sich auf der aktuellen Lokai Platte fortsetzt.

lokai transition

Obwohl das Cover zu Lokais “Transition“ eher an minimal Elektronik erinnert, findet man darauf nur warme Stücke aus Rhodes Piano, Gitarren, Melodikas und Violinen. Vereinzelte, entfernt an Radian erinnernde rhythmische Loops, untermalen dieses sehr seichte und ruhige Album, das ein bisschen wie der Schatten oder das Nachwort zu Radians „Chimeric“ klingt.

Hört man „Chimeric“ und „Transition“ direkt hintereinander, fällt es erst gar nicht so leicht, genau zu definieren, wann die eine Platte anfängt und die andere aufhört. So analog sind Radian geworden, dass sie nun besser denn je in den Thrill Jockey Katalog und zur Jazz, Improv und Post-Rock Metropole Chicago passen. Wenn dies auch nach einer einfachen Hinwendung zu leichter verdaulichen Tönen klingen mag und man sich jetzt fragen könnte, ob das ach so radikale Wien nun ganz brav geworden sei, haben es Radian wieder einmal geschafft eines meiner Alben des Jahres zu machen. Es geht wohl hierbei weniger um die Orientierung an der Masse, als um das Schaffen einer durch und durch aktuellen Musik. „Chimeric“ ist ein Statement zu den unterschiedlichsten Genres unsere Zeit. Bekannte Mittel werden so kombiniert, dass etwas Neues daraus entsteht, was wiederum der Wiener Avantgarde ziemlich auf den Laib geschrieben steht. Noise von MEGO, Elektronika von Mosz, Ambient von Fennes, Aktion von Nitsch… all das tragen die Musiker in und um Radian zusammen, um Musik zu komponieren, für die man überaus gerne mal wieder in den Plattenladen geht und einfach blind zuschlägt.

TEXT: Stephane Leonard | RESSORT: Musik, Reviews
7. Februar 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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