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HOMMAGE AN JULES VALLÈS

die untüchtigen

„Meine […] Abtrünnigen treiben sich herum auf den Misthaufen der großen Städte. […] Abtrünnige sind Leute, die alles angefangen haben und nichts geworden sind. Sie haben alle Fakultäten besucht […] – sie bekamen keinen Grad, kein Patent und kein Diplom […]
Der ist ein Abtrünniger, der mit den Füßen nicht im Leben steht, weil er keinen Beruf, keinen Stand, kein Handwerk übt und der sich nicht betiteln kann, sei es als Möbeltischler, Notar, Doktor oder Schuster, und dessen einziges Gepäck seine Manie ist – blöd oder gewaltig, fad oder berühmt und einerlei, ob er Kunst, Literatur, Astronomie, Magnetismus oder Handleserei betreibt, oder ob er per Zufall eine Bank, eine Schule oder eine Religion zu gründen trachtet…“.

Es sind die sozial und politisch Ausgegrenzten, die Deklassierten, die der Schriftsteller Jules Vallès 1865 in seiner Betrachtung der literarisch-philosophisch-utopischen Subkultur von Paris, also der Boheme, in den Mitelpunkt rückte. Damit richtete sich Vallès, später führender Aktivist der Pariser Commune, radikal gegen das Bild, das zuvor Henry Murger in seinem berühmten Buch „Scènes de la Vie de Bohème“ (Vorlage für Puccinis Oper) von der Pariser Boheme gezeichnet hatte:
Vornehmlich junge unpolitische Menschen, die nach einer gewissen Zeit materieller Not und eines recht wilden Lebens Karriere machen als Schriftsteller, Maler etc..

In seiner unter dem Pseudonym Jacques Vingtras verfassten dreibändigen Autobiographie („Das Kind“, „Die Bildung“, „Die Revolte“) berichtet Vallès von seiner Kindheit in der französischen Provinz, in der er unter der autoritären Erziehung durch Eltern und Schule litt, von der Zeit eben in der Pariser Boheme und allerlei skurriler Jobs (Redakteur bei „Die Nymphe. Zeitung der Badenden“) mittels derer er sich mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hat. Schließlich schildert Vallès seine Erlebnisse aus den Monaten der Pariser Commune, zu deren politischen Köpfen er zählte. Bei aller Hingabe behält er auch hier eine kritisch-selbstironische Distanz: Die Kämpfe auf den Barrikaden verdeutlichen ihm, dass er nicht zum Helden taugt und dass das ersehnte Zusammenspiel von „Kopf-“ und „Handarbeitern“ in der revolutionären Situation eben doch nicht so einfach herzustellen ist. Und auch hier wieder fantastische Anekdoten: Ein Schuhmacher will dem Erziehungsministerium Schuhe liefern, aber die Regierung ist längst geflohen. Er setzt sich hinter den Schreibtisch und wird so zum Erziehungsminister der Commune. In seinem ersten Gesetzesentwurf verfügt er, dass fortan alle Kinder, bevor sie in die Schule gehen, einen halben Schoppen Wein trinken sollen…

TEXT: Lasse Koch | RESSORT: Präsentationskorb, Unterwegs
31. Januar 2010 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



EIN KOMMENTAR


  1. klingt großartig!



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