THIS IS JUST A MODERN ROCK SONG #03

lennart thiemLENNART THIEM, Jahrgang 1984, lebt in Hamburg, mag das Internet sehr gerne und noch viel lieber Musik. Beides kommt zusammen, wenn es darum geht, KünstlerInnen, die aus unterschiedlichsten Gründen wenig Aufmerksamkeit bekommen, vorzustellen, was hier unternommen werden soll.
 

Gegenwärtig wird ja überall gern gezeigt, was die Zeit so zeitigte, egal, ob es sich dabei um Listen das Jahr, Jahrzehnt, die Listenmacher selbst betreffend oder Jubiläen handelt. Daran ist nichts auszusetzen, allerdings begegnet man dabei nur Menschen, die aufmerksamen VerfolgerInnen der „Musiklandschaft“ (was für ein Wort!) längst bekannt seien dürften, woran wiederum nichts auszusetzen wäre, gäbe es nicht ein paar Anlässe zur freudigen Rückschau, um die sich niemand so recht zu scheren scheint. Ist irgendjemandem einmal aufgefallen, dass sich das grandiose Label Morr Music seit zehn Jahren für die wunderschön anrührende Veröffentlichungen verantwortlich zeichnet? Einigen schon, die Damen und Herren hauptberufliche JournalistInnen scheint es jedoch wenig zu interessieren.

Ähnlich sieht’s vor allem hierzulande aus in Sachen Slumberland Records, in dessen Fall liegt die Gründung in Washington D.C. allerdings bereits 20 Jahre zurück. Durch Importe der Releases von Labels wie Creation, Postcard und Flying Nun inspiriert begann Mike Schulman, Musik zu veröffentlichen, die sich vom zu dieser Zeit üblichen (Post)Hardcore Sound durch Shoegaze-Anleihen und wunderbar poppige Melodien abhob, siehe die Velocity Girls, die auch Teil des unmittelbaren Gründungsumfeld waren, oder auch Black Tambourine, deren Art von Musik gegenwärtig eine wunderbare Fortsetzung in Bands wie den großartigen Je Suis Animal findet.

1992 zog Schulman nach Kalifornien und gründete außerdem ein eigenes Promolabel mit dem herrlichen Namen „I Wish I Was A Slumberland Record“. Die dort, aber auch auf dem Hauptlabel erschienenen The Aislers Set machen deutlich, was das Besondere an Slumberland war: es protegierte kleine und kleinste Bands, die sich in wunderbarer LoFi und DIY- Manier ebenso auf Phil Spector wie auch Punk und Girl Group Pop bezogen, exemplarisch hierfür mögen an dieser Stelle Tiger Trap und The Softies stehen. Letztgenannte hielten gemeinsam mit Gruppen wie Rocketship trotz all der Rockismen der mittleren 1990er Jahre etwas in Ehren, das ungefähr ein Jahrzehnt vorher in England aufkam und ein wenig später gerne als Twee bezeichnet wurde, vermeintlich naive Songs voller Wärme und Melancholie mit ebenso liebevoll wie schlicht ausgeschmückte Arrangements, gerne mit Geschrammel, aber ohne Breitbeinigkeit und Testosteron-Gekasper.

Nach einer Veröffentlichungspause zwischen 1996-1999 erschien 2000 mit der Single „Slipping Through Your Fingertips“ der Saturday People ein Song, anhand dessen man Schulman ein visionäres Gespür nachsagen könnte, schließlich klingt vieles, was seitdem in geschmackvollen Indiediscos läuft, ähnlich. Das funktioniert allerdings nur, sieht man davon ab, dass es sowohl in Indiediscos wie auch auf Slumberland stets Gitarrenpop mit 80s-Remineszenzen zu hören gab, und so zieht sich dann auch eine gewisse ästhetische Konstanz durch alle bisherigen knapp über hundert Releases. In letzter Zeit befanden sich unter diesen die durch KritikerInnen und Musikhörerschaft geschätzten Crystal Stilts und The Pains Of Being Pure at Heart, großes für die Zukunft lassen außerdem die Sexy Kids und Brilliant Colors erwarten, die, wie auch viele andere Bands Slumberlands, musikalisch genau dort ansetzen, wo das Label vor 20 Jahren begann. Vielen Dank dafür!

Stellvertretend für viele weitere beachtenswerte und im Text erwähnte Bands sollen die drei im folgenden verlinkten aktuellen Releases stehen. Schaut Euch ansonsten auf der sehr informativen Homepage Slumberlands um, dort findet Ihr zum Beispiel Linernotes und kostenlose Downloads zu einem Großteil der Veröffentlichungen, was insbesondere in Bezug auf bereits vergriffene Singles interessant sein dürfte.

Frankie Rose: Thee Only One
Sexy Kids: Sisters Are Forever
Brown Recluse: Night Train

TEXT: Lennart Thiem | RESSORT: Musik, This is just a modern rock song
17. Dezember 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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