MEINE GEISTIG UMNACHTETEN

In OPAK #03 schreibt Micheal Weber unter anderem über ein Quartett-Spiel. Dazu gibt es Bilder von Anna Cieplik.

Als Kind bekam ich von einer Tante, einer Studienrätin aus West-Berlin, das Quartett-Spiel „Deutsche Dichter“ geschenkt. In zehn Abteilungen zu je vier Karten war die deutschsprachige Literatur bis ungefähr Gerhard Hauptmann untergebracht, etwa so: A1 – Goethe, A2 – Schiller, A3 – Wieland, A4 – Kleist. Zack! Nach welchen Kriterien die Dichter zu Quartetten gruppiert waren und welche genaueren Angaben unter den jeweiligen Portraits mitgeteilt wurden, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass ich mit Freunden versuchte, die Karten nicht nur zum öden Hin- und Hertausch zu verwenden, sondern so wie die zeitgleich aufkommenden Auto-Quartetts, bei denen man mit Füllmengen, Höchstgeschwindigkeiten, Baujahrangaben und Hubraumzahlen punkten konnte. Also haben wir bei den deutschen Dichtern wohl mit Geburtsdaten und Lebensjahren operiert, um herauszufinden, welche Karte eine andere stechen könnte. Aber viel war da nicht zu holen.

geistigumnachtet

Allerdings ergab sich ein Trumpf wie von selbst, sozusagen die Turbo-Auszeichnung der Dichter, nämlich die Erwähnung „starb“ oder „lebte seit … in geistiger Umnachtung“. Diesen Begriff – Geistige Umnachtung – gab`s nur bei den Dichtern. Dumpf vermuteten wir einen dämmernden, hoffnungslos erschlafften Zustand großer, erwachsener Männer (Frauen kamen in dem Spiel kaum vor), die mit offenem Mund und blicklosen Augen in weite Fernen starrten, in neblig lichtschwachen Umgebungen hockten und gefüttert werden mussten– auf jeden Fall war uns klar, dass diejenigen unter unseren Quartett-Kandidaten, die so viel gedichtet und gedacht hatten, bis sie dieses Stadium erreicht hatten, alle anderen schlagen mussten, dass ebendiese besonders „dolle“ Dichter waren, also: Trümpfe. Friedrich Hölderlin, ein blassgesichtiger Jüngling, Friedrich Nietzsche (der wurde in diesem Spiel als Dichter geführt) mit einem beängstigenden Schnurrbart, Nikolaus Lenau mit irgendwie feurigen Augen und Jakob Michael Reinhold Lenz mit zu einem Knoten gebändigten, wirren Haaren – die Turbo-Dichter.

Weiter im Text, so wie er im Heft erschienen ist, geht es hier im PDF.

 

Anna Anna Cieplik macht Fotos. Nachdem sie im Februar ihr Diplom an der HfbK Hamburg erworben hatte, bezog sie ein Atelier im Frappant und arbeitet dort an alten Landkarten, Stadtplänen und Seekarten aus denen sie Bücher, Fotoalben oder Boxen baut.

Am 1.12. stellt Anna Cieplik im Rahmen von Fotofolgen in der Galerie der HfbK aus.

 
 
 
 

TEXT: Redaktion | RESSORT: Heft, OPAK #03
27. November 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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EIN KOMMENTAR


  1. echt ein guter text!



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