GANZ GROSSES KINO #05
LARS WEISBROD, geboren 1985 in Bremen, studiert in Köln und ist Gründungsmitglied der Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald. Nachts arbeitet er heimlich am Gründungsmanifest der Neuen Gesellschaft der Dilettanti. Außerdem würde er gerne zum Humor in der analytischen Philosophie forschen und trinkt oft Limonade.
Das Cinedom in Köln ist ein seltsamer Ort, aber auch hier gibt es eine Sneak Preview, sogar OV, was ja allgemein als Steigerung von OmU gesehen wird, höchstens noch übertroffen von OmenglU, wenn das O aus einem abstrusen Land kommt, dessen Sprache kein Mensch versteht (Russland, Japan). So etwas erwartet man von Multiplex-Kinos wie dem Cinedom natürlich nicht, man erwartet, wenn man überhaupt etwas erwartet, dass sie tollkühne Riesenmaschinen aus Glas und Stahl sind, die wie gestrandete intergalaktische Raumschiffe in der Landschaft herumstehen. Auch im Cinedom gibt es natürlich Kinosäle, von denen jeder so groß ist wie ein Ballsaal in den Hamptons, man fährt auf langen Rolltreppen herum und wenn man von ganz oben runter guckt, denkt man: „Ui, ganz schön hoch!“ Bei genauerer Betrachtung verwandelt sich allerdings alles in eine kuriose Fehlplanung mit dem Charme einer Schulturnhalle. Dann sieht der Cinedom ein wenig so aus wie die Büros der Firma ADM Anfang der neunziger Jahre.
Wie die Büros der Firma ADM Anfang der neunziger Jahre aussehen, weiß ich natürlich nur, weil der Film dort spielt: Irgendwo zwischen den Maisfeldern um Decatur, Illinois, in großen Räumen voller in ordentlichen Rechtecken angeordneten Schreibtischen. Was ADM herstellt, habe ich auf Englisch nicht so genau verstanden, es hat wohl auch etwas mit Mais zu tun und dem, was man so in sein Frühstück tut. Auch was Kick-Backs noch mal gleich genau waren, will mir nicht einfallen. Für OV ist mein Wirtschaftsenglisch einfach nicht ausreichend, scheint’s.
Das Unternehmen ADM gab es, so viel habe ich dann doch verstanden, tatsächlich, ebenso wie seinen führenden Mitarbeiter Mark Whitacre. Um ihn, Whitacre, dreht sich der Film: Ein dicklicher, mehr langweilig als korrekt angezogener Mann mit Schnauzbart, der zum Protagonisten eines Wirtschaftskrimis wird, ohne dabei einem der bekannten Wirtschaftskrimiheldenmuster zu entsprechen (weswegen der Film auch mehr eine Wirtschaftskrimikomödie ist, jedoch keineswegs so eine doofe, wie einem der Trailer weismachen will, eine ziemlich schöne und erfreuliche sogar). Whitacre ist kein einfacher, ehrlicher Amerikaner, der sich durchschlagen muss und nebenbei die fiesen Machenschaften der Großkonzerne aufdeckt. Whitacre ist gebildet und wohlhabend, zwischendurch spricht er deutsch und französisch, fährt mit einem seiner acht Autos herum und gibt in Gedanken nett-naive Weisheiten zum Besten, die er mal irgendwo gelesen hat. Er ist also ebensowenig einer von den Bösen, die sich nach dem Explodieren ihres teuren Wagens und dem erstaunten Begucken reinrassiger Wallache entscheiden, doch das Richtige zu tun. Er ist irgendwas anderes.
Überhaupt: Daran zu verdeutlichen, dass es das Richtige ist, was er tut, ist der Film nicht besonders interessiert. ADM leitet keine Giftabwässer in die Brunnen von Waisenhäusern oder enteignet hilflose Farmerfamilien der Amish-Gemeinde (zumindest wird nichts dergleichen erzählt). Nein, ADM trifft mit seinen japanischen Konkurrenten illegale Preisabsprachen für eine alpha-Aminosäure mit der chemischen Formel HO_2 CCH(NH_2 )(CH_2 )_4 NH_2 namens Lysin. Ohne im geringsten die Wichtigkeit der Arbeit bestreiten zu wollen, die tagtäglich in unseren Kartellämtern und Wettbewerbsbehörden verrichtet wird, glaube ich, dass man schon sein ganzes Herz den Details der sozialen Marktwirtschaft verschrieben haben muss, um in einer Lysin-Preisabsprache das hochmoralisch aufgeladene Vergehen zu sehen, das gewöhnlich Sujet von derlei Filmen ist. Whitacre berichtet trotzdem dem FBI von den nicht gutzuheißenden Aktivitäten seiner Firma, denn er ist schließlich kein Wirtschaftskrimiheld, sondern eine echte, lebende Person, wofür wir ihm alle dankbar sein sollten bei unserem nächsten Lysin-Einkauf.
Die Geschichte geht für ihn dann allerdings nicht ganz so gut aus, wie er es sich erhofft hat – überhaupt macht er zwar diese eine Sache richtig, aber so manches andere falsch. Und das ist doch mal eine schöne Moral, die einem nach Filmende auf der Cinedom-Rolltreppe bleibt und hoffentlich auch in den Schreibtischrechtecken der Fortune 500: Wenn man das Richtige tut, dann ist das nur sehr selten heldenhaft, und auch nicht immer einfach „das, was jeder getan hätte“, obwohl man natürlich gut beraten ist, es später so zu nennen. Manchmal ist es einfach ziemlich albern, narzisstisch oder gar scheinbar unnütz, nur macht das letztlich natürlich nichts, wenn es denn bloß getan wird.
So habe ich das zumindest mit meinem bescheidenen Wirtschaftsenglisch verstanden.
TEXT: Lars Weisbrod | RESSORT: Film, Ganz großes Kino6. Oktober 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





