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MEIN ALTERNATIVES LEBEN #03

Man weiß es ja nicht sicher, aber manchmal kann man es sich wünschen oder ausdenken. Auf jeden Fall sollte man immer eine Alternative haben. Hier erklären uns ausgesuchte Menschen, wer wie und was sie geworden wären, wenn sie nicht geworden wären, wer wie und was sie sind.
Dieses Mal Mek Wito.

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In meinem alternativen Leben wäre ich Lehrer. Lehrer von etwas älteren Jugendlichen, Lehrer an der Berufsschule beispielsweise, kein Gymnasium, kein höheres Niveau, sondern Lehrer einfacher Schüler mit einem direkten, konkreten Ziel; Lehrer von Schülern, die Fleischer werden wollen, oder Automonteur oder Drucker, Gärtner, Richter, Maurer, Koch; Schüler, denen ich die Liebe zu meinen Themen nahe bringen muss, sie zu etwas verführen, weil sich der Automonteur in meinen klischeebeladenen Bildern der sozialen Schichten nur schwer für so Sitzfleisch fördernden Stoff wie Geschichte, Geografie, Deutsch begeistern lässt. Es ist der Bildungsauftrag der mich weckt, den ich in meinem echten Leben als Löwenzähmer nicht nachgeben kann.

Meine Frau, dreivier Jahre jünger als ich, tätig in der Werbebranche, hätte Grafik-Design studiert, leitete jetzt Projekte, redete vor allem mit Kunden und müsse deren Wünsche ihren Teams aufdrücken und sie zu Überstunden verpflichten. Ich will gar nicht näher auf ihren Beruf eingehen, es ärgert mich alles, was sie macht, wir haben uns schon oft darüber gestritten, wie sie sich ausbeuten lässt, wie sie andere ausbeutet und wie letztendlich nur Beute gemacht wird. Sie verteidigt ihre Position, weiß allerdings um die Probleme, doch wird dies in der Schnelllebigkeit ihres Berufes nun mal gefordert und würde von außen viel negativer wahrgenommen, als es in Wirklichkeit ist. So sagt sie. Aber ich weiß, was die Wirklichkeit ist, ich höre das Fußvolk der Werbehierarchie unentwegt klagen, über die wenige Zeit, über die gescheiterten Beziehungen, darüber wie nachts der Kopf brummt und die Hände zittern, aber ach, lassen wir das, ich werde ganz emotional, es regt mich zu sehr auf. Ich liebe sie aber, schon seit beinahe dreißig Jahren, und auch wenn die Liebe nicht mehr so frisch ist, so leidenschaftlich, wie wir sie uns in den jungen Jahren immer erträumt haben, so ist doch eine tiefe Aufrichtigkeit zueinander geblieben, ein tiefes Verständnis, eine tiefe Verbundenheit, mit der wir bisher alle Hürden unseres Lebens überwinden konnten, wie plakativ das jetzt auch klingen mag, aber so ist es tatsächlich, man überwindet Hürden, manchmal spielerisch, manchmal geht es an die Nieren und letztendlich versteht man sich in der Retrospektive als Gespann.
mek wito 02Man mag sagen, dass das wenig Hoffnung gebend klingt, beinahe schon resignativ: als effizientes Gespann durch das Leben zu gehen; um mich jetzt mit meiner Situation abzufinden, und würde die Dinge nur nicht weiter auseinanderpflücken, um nicht auf die vielen Stacheln und Krallen, die sich in den dunklen Ecken meiner Existenz versteckt halten, zu stoßen, nein, das ist nicht so, meine Frau und ich, wir führen nach wie vor ein Sexleben, das von einer gewissen Neugierde füreinander geprägt ist, als gäbe es noch düstere Ecken des anderen zu erforschen, wir sind dabei auch nicht in Konventionen verfallen, nicht die regelmäßige Bumserei, die lediglich den Trieb befriedigt, sondern eine Sexualität, die darauf beruht, den anderen zu begehren, ihm den Hof zu machen, nur um ihn abschleppen zu können, die aktive Verführung, die ausschließlich dem Sex dient, und hier will ich mich rühmen, denn dieses Verhalten ist vielen Paaren in unserem Freundeskreis abhanden gekommen, und das fände ich erst einen wirklichen Grund resigniert zu sein. Ich merke schon, wie sehr ich den Erfolg unserer Ehe an der Sexualität messe, doch bin ich der Meinung, dass das einen Urinstinkt aufzeigt, das Urverlangen füreinander, das gewissermaßen die eingeschlichene Routine kompensiert, die Glut unterm Gehölz noch mit Sauerstoff versorgt. Die Sache mit dem Herzen regelt. Aber es hapert natürlich in unserer Ehe. Keine großen Sachen. Mehr so im Kleinen. Der Umgang miteinander, der Wunsch die Dinge zu klären ist oft verschwunden, wenn es Schwierigkeiten gibt, lassen wir sie lieber schleifen, bis wir sie nicht mehr wieder erkennen, zu groß oft die Mühe sich des anderen unüberwindbaren Eigenheiten zu stellen, und ich neige dazu, dies zu sehr zu werten, behauptet jedenfalls meine Frau, sie sagt hingegen, einer guten Ehe läge das Talent des Wegschauens zugrunde, ein pragmatischer Ansatz, der mich ärgert, gar traurig macht, machen würde, wenn ich nicht immer wieder durch ihre Leidenschaft ein anderes Bild aufgedrängt bekäme, aber sie fängt dann immer wieder damit an: man müsse nicht alles auseinander nehmen, man müsse nicht immer reden. Ich werte es als die Vorstufe zum Desinteresse, zumindest an jenen Tagen, an denen alles düster wird. Meist haben wir nachher Sex und alle Worte, die es zu sagen galt, werden damit gesprochen.

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Mein Beruf würde mich nicht erfüllen. Doch übe ich ihn gerne aus, bis zu einem gewissen Grad jedenfalls, natürlich gibt es die Tage, an denen ich keinerlei Lust verspüre, das Bett zu verlassen, um mich wieder mit den jungen Erwachsenen abzumühen, denn sie sind sehr anstrengend zuweilen, was allerdings kein Wunder ist, da das Alter nach der Pubertät ein ziemlich aufregender Abschnitt ist, in dem gerade die ersten persönlichen Krisen durchstanden wurden und man nun noch dieses lange Leben vor sich hat, von dem man sich so vieles erwartet, im Guten wie im Schlechten, diese Erwartungshaltung, manchmal ist sie regelrecht ansteckend, die von einem gewissen Kampfgeist geprägten Haltung oder einer eigenartigen Melancholie, die ich noch zu kennen glaube, dabei erwähne ich die Melancholie jetzt mit Nachdruck, da die Melancholie bei diesen jungen Menschen so viel erfrischender ist, als unsere Melancholie im Alter, die immer von dieser pessimistischen Basslinie begleitet wird, beinahe möchte ich dem einen oder anderen melancholischen Jungen oder Mädchen manchmal ins Ohr Flüstern: Hey, freue Dich, es werden viele tolle Sachen passieren in den nächsten Jahren. Wobei ich natürlich weiß, dass ich falsche Hoffnungen schüren würde, aber man ahnt die Vorfreude, das Aufblühen, die Sehnsucht, die sich in diese Melancholie schleichen würde, im Alter kennen wir das nicht mehr, die Sehnsüchte sind meist abgewetzt, zu kleinen Statuen stilisiert und in die Ecke gestellt. Und man redet darüber portioniert und abgeklärt, wie man auch über das Leben mit einer abweisenden Handgeste spricht.

mek wito 04Ich rede jetzt so eigenartig positiv über den Aufbruch der Jugend, ich lasse mich wirklich leicht anstecken, das macht mein Leben in der Schulklasse auch so reizvoll. Andererseits bricht für einen anderen Teil meiner Schüler mit der Pubertät ein Zeitalter an, in dem die Gefühle die Existenz vollends in den Abgrund kippen, und sie sich erst in späteren Jahren erholen werden, und manche davon niemals.
Meine Schüler sind im Grunde aber alle von einem erschreckenden Optimismus geprägt, was mich anfangs sehr überrascht hat, so werden Berufsschüler doch eher der unteren bis mittleren sozialen Schicht zugeordnet. A zum Beispiel. A ist wunderbar. Sie ist 17 Jahre alt, will Friseurin werden und bei dem Gedanken muss ich mir immer an den Kopf fassen: Friseurin! Wie kommt man in diesen Zeiten, in denen unterbezahlte Friseurinnen als Sinnbild der Krisenberufe gelten, auf diesen Beruf, doch A hat diesen Weg unbeirrt eingeschlagen, auch wenn sie um die Mühen, die ihr mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit entgegenschlagen werden, weiß, doch entgegnet sie diesen Zweifeln mit einem rebellischen Selbstbewusstsein, indem sie schlichtweg die Ungerechtigkeit anprangert, anstatt ihren eigenen Weg zu überdenken, dieses rebellische Bewusstsein, ich frage mich wo es herkommt, gerade wenn man von der so genannten Krisengeneration redet, die so unsicher im Leben steht und immerzu zweifelt und wackelt. Doch ist A keine Rebellin im klassischen Sinne wie man sie an den Gymnasien findet, sie schließt sich keinen politischen Arbeitsgruppen an, hat keine Attitüde, rebelliert nicht gegen das Elternhaus, sagt nicht, der Staat sei ein faschistischer Staat, sondern sie sagt: Friseurin zu sein ist eine anständige Sache. Sie sagt das ohne überzeugen zu wollen, sondern stellt es als Faktum in den Raum, ohne rechthaberischen Ton, ohne Manifestation, sondern als eine Art tragischen Zustand, den es zur Kenntnis zu nehmen gilt, weil es nicht notwendigerweise tragisch ist, sondern tragisch gemacht wurde.

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In A würde ich mich schließlich verlieben. Das hatte mich eine ganze Zeit gewundert, denn ich stand gewöhnlich nicht auf junge Mädchen, ich hatte in all den Jahren niemals den Wunsch verspürt, mit einem jungen, unreifen Ding zu schlafen, ich sagte das nicht ohne Stolz, wenn Männer in meinem Alter den jungen freizügig gekleideten Mädchen nachschauten, dass mich die jungen Dinger nicht interessierten, da sei noch so wenig Reife drin, sie seien noch manipulierbar, zu wenig eigen geworden, zu flatterhaft, die Körper so unangetastet, ungelebt, das war zwar schön, als ich selber zwanzig war, als wir gemeinsam alles entdeckten, ertasteten, erlebten, uns fürchteten, aber das sei eben damals gewesen, ich bin mit den Frauen mit gewachsen, es spielen jetzt ungeahnte charakterliche Schichten die vordergründige Rolle, sogar an einem gelebten Körper kann ich mich ungemein erfreuen, die geweiteten Bauchmuskeln einer älteren Frau, der man ihre Schwangerschaften ansieht, weil sie eben Kinder gebärt hat, und daher schlichtweg nicht mehr auszusehen hat wie ein zwanzigjähriges Mädchen, sondern wunderbar gezeichnet wie eine Frau eben gelebt hat. Sex mit einem Mädchen wäre eine Wiederholung, das wäre wie anfangen von vorne, an der Oberfläche schaben. Bis die Tiefen sich auftun, dauert es lange. Trotzdem verliebte ich mich in A.

mek wito 05Es war ihre optimistische Art die mir das Herz erweichte, die Unbefangenheit, die mich an jungen Mädchen gerade so wenig interessierte, sie war sehr aufmerksam, wollte stets alles wissen, wie sie mit offensichtlicher Freude meiner Lehrerei zuhörte, alles als Fakt annahm, erst in späteren Jahren wird sie sich eine Meinung dazu bilden, das Gelernte zu reflektieren verstehen und Zusammenhänge erkennen. Ich erlag hier keineswegs der verführerischen Rolle des intellektuell Überlegenen, des Angebeteten, das wäre zu leicht gewesen, ich war ihr altersbedingt überlegen, wegen meiner Erfahrung, die sich schlicht mit der Zahl meiner Lebensjahre angesammelt hatte, die mich rhetorisch immer in die dominante Rolle versetzte, das durfte ich nicht ausnutzen, mich nicht in einer selbstverliebten Haltung über das beeindruckte Mädchen hermachen, mich ekelte der Gedanke, das Bild davon, aber dieser Blick, wie sie immer in der zweiten Reihe saß, ihre gerade Haltung, edel irgendwie in ihren Gesichtszügen, und dann dieser verträumte Blick, immerzu dieser verträumte Blick, der so viel Optimismus auszustrahlen vermochte und gleichzeitig in einer unendlichen Tiefe traurig war, dieser Blick, der mich verliebt anzustrahlen schien, dieses Licht in ihren Augen, so unbefangen und auch unbeirrbar, wie ich tagein tagaus diesem Blick ausgeliefert war, der mich mit der Zeit regelrecht zu blenden begann, mich nervös machte, manchmal hielt ich eine Doppelstunde kaum aus, konnte mich schlecht auf den Stoff konzentrieren, oder ich gab den Schülern eine Aufgabe, bei der sie in ihre Hefte schreiben mussten, nur um diesen Blick von mir abzuwenden. Nachts lag ich oft wach im Bett, wartete auf meine Frau bis sie schlief, und dann masturbierte ich, und dachte dabei an A. Der Wunsch mit meiner Frau zu schlafen ließ nach, sie merkte es nicht, da wir trotzdem noch miteinander schliefen, weil auch sie oft die Initiative dazu nahm, aber von meiner Seite kam nichts mehr, so ließ ich mich von ihr einstimmen und ich dachte dabei an A, ich war erledigt, ich vögelte meine Frau und dachte dabei an A, das kam mir so krank vor, wobei ich mir A nicht einmal so konkret in sexuellen Posen vorstellte, zu dünnhäutig war mein Gefühl für sie, als dass ich sie irgendwelchen perversen Gedanken aussetzen würde, es war eher ein Gefühl ihr ganz nahe zu sein, dass ich sie festhielt und sie nackt an meinen Körper hielt, während ich mit ihr schlief, meine Ehefrau stöhnte, A hingegen schaute nur mit ihrem leuchtenden Blick und schien mich zu fragen: denkst Du auch an mich in diesen dunklen Nächten, wenn ich alleine bin?

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Ich würde mich nicht rühren. Mich A zu nähern war keine Frage, ich lehrte, fuhr nach Hause, traf Freunde, traf Bekannte, schlief mit meiner Frau, ging mit ihr ins Kino, besprach die Dinge des Lebens, ging wieder in die Schule, lehrte die jungen Leute, schaute weg, ging wieder nach Hause, ging wieder in die Schule, und konnte mich dann doch nicht diesem Blick entziehen, der alles um mich herum regnen und die Blätter von den Bäumen fallen ließ, und. Undsoweiter. Sinnbilder eines vergessenen Selbsts.
Ich konnte es meiner Frau nicht erzählen, was hätte das gebracht, es hätte alles kaputt gemacht, was wir in den Jahrzehnten an Nähe gewonnen hätten, diese aufrichtige Vertrautheit, die es zwischen uns gab, dieses Vertrauen auch, dieses Vertrauen in die Stärke der Gefühle, das sich nie von einer unreifen Handlung erschüttern ließ. Meine Liebe zu A war zwar ein Gefühl der Unreife, aber kein unreifes Gefühl, eine Beziehung zu A oder ein gestandenes Gefühl für A wäre für meine Ehefrau das einzige gewesen, womit sie nicht hätte leben können, mit jeder Affäre hätte sie umzugehen gewusst, mit jedem Abgrund, sie war eine stolze Frau, die wusste, was ich an ihr hatte, die auch genau wusste, warum ich mit ihr verheiratet war und nicht mit irgendeiner anderen Frau den ganzen Weg zum Traualtar gelaufen war, sie stand über den Dingen und wusste um die flüchtigen Begierden, doch meine Liebe zu einem 17-jährigen Mädchen hätte sie nicht zu handhaben gewusst, die Liebe eines erwachsenen Mannes zu einem jungen Mädchen trifft das Selbstbildnis der Frau, ein Bild der Jugend, an dem sie immer noch gemessen wird, nicht notwendigerweise von sich selbst, aber von allen anderen und wenn sie sich aus deren Augen betrachtet.

mek wito 08Natürlich würde es krachen. Natürlich wird alles in die Hose gehen. Es war dieses Gedicht, das mich verriet, ein Gedicht, Himmel, wenn ich jetzt noch daran denke, dann kommt es mir so banal vor, ein Gedicht, das ich einmal auf unserem Balkon nach zwei Gläsern Wein geschrieben hatte, ich saß alleine draußen, schaute den Mond an, fand mich in einer merkwürdig selbstmitleidigen Stimmung wieder und schrieb zwei Dutzend Zeilen auf, triefender Pathos, als wäre ich selbst ein siebzehnjähriger Junge, der mit diesem starken Gefühl für dieses Mädchen nicht umzugehen weiß. Ich hatte es nur für mich geschrieben, und doch nannte ich es “Für A”, vielleicht weil es der einzige Weg war, mein Gefühl an sie zu richten, nicht alleine damit zu sein, indem ich ihren Namen auf Papier setzte und aus dem selben Grund trug ich das Gedicht stets mit mir, um meinem Gefühl etwas Haptisches zu geben, wenn ich sie schon nicht berühren konnte, so gab es wenigstens dieses Stück Papier, das ich in Händen mit mir herumtrug.

Man fand dann das Gedicht in einem unbeaufsichtigten Moment. Habe ich schon erwähnt, dass ich keinerlei Autorität hatte? Dass ich die Klasse nicht im Griff hatte, dass ich oft verspottet wurde, sogar einmal geschlagen? Das mit den Schlägen ist schon lange her, ich habe es verziehen und nicht mehr weiter verfolgt, ich bin nie dahinter gekommen, wer das war, ich hatte einen Sack über dem Kopf und kam erst im Krankenhaus wieder zu Sinnen, aber vergessen tut man so etwas nicht, vor allem nicht die Angst, die einen danach eine ganze Zeit begleitet, doch beschloss ich nichts dagegen zu unternehmen, ich zog es vor, keine Hilfe zu nehmen, das hätte mich weiter geschwächt in den Augen derer. Ich wollte stehen. Und doch weiß ich nicht, ob es meiner Lage geholfen hat, sie besserte sich jedenfalls nicht, wurde aber auch nicht schlechter, es war einfach ein Fakt geworden: Ich war der Lehrer, den man geschlagen hatte, der aber danach gerade stand. Bei diesem Bild denkt man die Luft stünde still. Ich habe nie der Lehrer sein können, der ich sein wollte, niemals nahm man mich ernst genug, um der Lehrer zu sein, der ich hätte sein können, weil es mir im Grunde wirklich Spaß machte, den jungen Menschen mein Wissen näher zu bringen, meine Versuche sie für meine Themen zu erwärmen, indem ich versuchte, auf sie einzugehen, zu verstehen, was die jungen Leute bewegte, ihre Sprache zu sprechen, doch die Klasse tobte, jemand griff nach meinen Heften, schmiss sie zu Boden, und eine der Rotznasen, der Klassenlauteste, entdeckte dieses Stück Papier, das zwischen Buchseiten herausgerutscht war, er bewegte sich zielstrebig darauf zu, als hätte er gerochen, dass da etwas liegt, das nicht gefunden werden will. Die Klasse war auf einmal still geworden, als er das Blatt grinsend vor seinem Gesicht hielt und laut las: “Für A”.
Mit vollem Namen stand sie da. Es Stand: Für A, mit Vornamen und Familiennamen.

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Ich wusste, wie wenig ich dagegen unternehmen konnte, ein erster Versuch auf ihn zuzulaufen um ihm das Papier zu entreißen, verursachte nur, dass er mir in seiner jugendlichen Wendigkeit entwich und noch lauter las, hoch amüsiert den Ton aufdrehte und diese zwanzig Zeilen triefender Grütze in die Klasse trompetete. Doch die Klasse verstummte. Am Ende verstummte sogar die Rotznase. Die Rotznase errötete, der Stoff ging ihm wohl ans Gewissen, in die Scham, zudem hatte er es ja laut vorgelesen, in den Mund genommen, sozusagen, eigentlich hätte ich lachen müssen, aber das geht ja auch nur in der Retrospektive. Vor allem aber verstummte auch A, und das war bitter, auch wenn sie schon vorher nichts gesagt hatte, so sagte sie jetzt so wenig, dass es ein regelrechtes Verstummen war, ein Zuklappen, der Glanz in ihren Augen erlosch, eine tiefe Enttäuschung legte sich über ihr Gesicht. Also verstummte auch ich. Bis heute irgendwie. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich die Stunde zu Ende gebracht habe, jedenfalls hatte sich wenigstens die Klasse beruhigt, oder: die Sprache verschlagen, das ist der Ausdruck, der die Stimmung nach dem Vorfall am ehesten trifft, was es mir vermutlich ermöglichte, die Nerven noch beisammen zu halten und die Stunde zu Ende zu lehren, ein Standardprogramm an der Leier herunterzubeten, während alles um uns erfroren war, gruselig eisig. Aber sonst weiß ich nicht mehr viel. Am Ende der Stunde war Mittagspause, A blieb lange sitzen, sie stand als letzte auf, und als alle weg waren, kam sie nach vorne ohne mich eines Blickes zu würdigen und ohrfeigte mich. Dann ging auch sie. Die Bengel wussten sich natürlich nicht zu organisieren, aber deren Eltern wussten das, weil eines der Kinder die ganze Geschichte nach Hause gepetzt hatte. Schon am nächsten Vormittag fand mein Auftritt beim Schuldirektor statt. Ja, das was die Kinder sagten sei wahr, ja, ich hätte das Gedicht geschrieben, ja, das junge Mädchen war damit gemeint. Ob ich ein Verhältnis zu dem Mädchen habe, nein das habe ich nicht, gut, das mache die Sache allerdings nicht besser, ich sei nicht mehr tragbar, ok, ich habe Verständnis dafür.

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Würde. Mit meiner Ehe war es schlagartig vorbei. Ein siebzehnjähriges Mädchen, das kränke sie, dieses Gefühl würde sie nie beiseite legen können, damit wolle sie nicht konkurrieren, das sei ein Maßstab, dem sie entwachsen sei und weshalb sie aus der Sache zwangsläufig als Verliererin hervorgehen würde, es sei vorbei, einen Vorfall dieser Art habe sie nicht erwartet. Das sagte sie so, das war definitiv, wie gemeißelt, dem konnte ich auch nicht entgegenwirken, ich spürte, wie mein Bitten, meine Erklärungen, und letztendlich auch das Flehen, vollkommen an ihr abprallten. Ich versuchte anfangs noch zu erklären, dass ich sie niemals in Konkurrenz gesehen hätte, dass es ein törichtes Gefühl gewesen sei, mit dem ich mir vermutlich meine lange vergangene Jugend zurückträumen zu können glaubte, so erklärte ich das, und war selbst davon überzeugt, wobei ich heute weiß, dass es gerade nicht ein törichtes Gefühl gewesen war, aber ich wollte meine Frau nicht verlieren, zudem kannte ich auch die pragmatischen Ansätze und ich weiß, wie Gefühle mit der Zeit wieder verblassen können und für ewig in den Hintergrund treten. Ich spürte, wie es an ihr abprallte, doch ich merkte lange nicht, dass ich aufzugeben hatte. Es spielte mit, dass sie eine beiläufige Geschichte mit einem Arbeitskollegen hatte, das erleichterte womöglich ihren Entschluss, unter normalen Umständen wäre das eine Geschichte geblieben, ich bin mir gar nicht sicher, ob sie zu jenem Zeitpunkt miteinander im Bett gewesen waren, aber das spielte auch keine Rolle, wir führten eine protestantische Ehe, wir waren vernünftig, die paar Geschichten, die es gegeben hatte in den Jahren unserer Ehe, waren immer unbedeutende Geschichten geblieben, wir liebten womöglich mehr einanders Köpfe als unsere Herzen.

Diese letzte beiläufige Geschichte wird sie dann später heiraten.
Aber das war mir dann egal, an ihrem Hochzeitstag hatte ich mich längst schon im Olivenhain erhangen. Das war kein wirklicher Olivenhain, sondern eine Wiese mit Apfelbäumen, aber wir nannten sie immer Olivenhain, wegen dieser Toscana-Romantik, die die Apfelwiese ein wenig inne hatte, also nicht, dass wir große Freunde der Toscana gewesen wären, das war uns immer schon zu sehr ein klischeebeladenes Sehnsuchtsbild, noch bevor solche Terme definiert wurden wie: Toscana-Fraktion, die eine ganze Gesellschaftsschicht zu bezeichnen vermag, aber man kann sich dem Reiz der Toscana dann doch nicht entziehen, wenn man ihn in Fahrradentfernung liegen hat. Man schlendert ja auch durch Parks. Wir waren jedenfalls in unseren Jugendjahren oft dort spazieren gegangen, und an jenem Tag kam mir das so romantisch vor, mich in einem Olivenhain zu erhängen, ein bisschen Trotz vielleicht, ein bisschen Übermut, aber vor allem unsägliches Elend, in dem ich mir erhoffte, wenigstens in unserem Olivenhain einen Kreis schließen zu können, den ich rücksichtslos gesprengt hatte.

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Man würde mich erst vier Tage später finden. Herrje, vier Tage hatte ich da gebaumelt, in einer großen Stadt wie dieser. Ich hatte mir unseren Baum ausgesucht, unseren Baum, unter dem wir uns so oft ungesehen glaubten, und das ist jetzt schon ziemlich witzig, dass ich da genauso ungesehen vier Tage lang hängen blieb. Meine Ehefrau hatte mich nicht vermisst, ich wohnte ja nicht mehr bei ihr, zudem war der Kontakt ein elender kleiner Wurm geworden, aber auch sonst, ich pflegte keine wirklich tiefen Kontakte mehr, der große Teil meiner Zeit ist in die vielen Stunden mit meiner Ehefrau aufgegangen, viele tausende Stunden voller Glück, von denen auf einmal nichts mehr übrig geblieben ist als ein Schmerz, den ich irgendwann zu meiner Vergangenheit zählen werden muss, und den Bekanntschaften irgendwann dann sagen, ich wäre schon mal verheiratet gewesen, ja, länger her. Der Gedanke daran, dass das wirklich einmal alles so sein wird, in Stein gemeißelt.

Alle Fotos sind von Mek Wito, bei dem auch das Kopierrecht liegt.

TEXT: Mek Wito | RESSORT: Mein alternatives Leben, Mish Mash
29. September 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



7 KOMMENTARE


  1. [...] Opak ein ziemlich langer Text von mir, über was aus mir geworden wäre, wäre ich nicht Löwendompteur. [...]


  2. Hallo,
    ich wusste gar nicht, dass richter an berufsschulen ausgebildet werden.
    Insgesamt finde ich euer hochnäsig, extra verkunstetes, bourgiouses heftchen echt schrecklich.
    Mit eurem reaktionärem gelaber bringt ihr es bestimmt mal zur goldenen lpg mitgliedskarte und einen platz in einer hippen bürogemeinschaft…
    obwohl, da sitzt ihr ja schon…


  3. tjatja, die rechtschreibung…


  4. Kommentar von der Redaktion gelöscht.
    Anmerkumg: Gerne Kritik zum Heft oder zum Text. Aber hier ist nicht der richtige Ort, um mit vielen, vielen, vielen Zeichen (d)eine politische Meinung zu kommunzieren. Setze sie doch auf eine eigene Webseite, falls du eine hast oder lege dir eine zu, wo es dir dann auch freisteht, dich so zu äußern.


  5. Ich mag den Perspektivenwechsel, das langsame Abblenden des Lichts zwischen den Apfelbäumen.


  6. TL; DR


  7. berührt.



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