GANZ GROSSES KINO #04
LARS WEISBROD, geboren 1985 in Bremen, studiert in Köln und ist Gründungsmitglied der Trivial-Pursuit-Jugend Westerwald. Nachts arbeitet er heimlich am Gründungsmanifest der Neuen Gesellschaft der Dilettanti. Außerdem würde er gerne zum Humor in der analytischen Philosophie forschen und trinkt oft Limonade.
Während ich das hier schreibe, sitze ich im Kaminzimmer des alten englischen Landhauses meiner Eltern, in dem ich in meiner Jugend die Sommerferien verbracht habe, so lange bis ich schließlich wieder in jenes altehrwürdige Londoner Internat zurückkehren musste, dem ich meine schulische und charakterliche Bildung verdanke. Das ist natürlich nicht wahr und möglicherweise wäre es nicht einmal besonders schön, wenn es wahr wäre. Unzweifelhaft aber ist es schön, so zu tun, als sei es wahr. In Wirklichkeit sitze ich im Kino meiner Heimatstadt, umgeben von Jungen und Mädchen, die so jung sind, wie ich war, als ich hier noch öfter herkam, dienstags, halb elf, zur Sneak Preview. Es gibt vor dem Film eine Verlosung von Promo-Kram, der sonst in Kinos einfach zum Mitnehmen ausliegt, es ist voll, weil Ferien sind, und die Zuschauer rufen und sind laut.
Es existieren vermutlich Regalkilometer, nein, Regallichtjahre an Geschichten über Hochstapler und Trickbetrüger und noch einmal die gleiche Länge mit Texten, die Geschichten von Hochstaplern und Trickbetrügern erzählen. Es ist deswegen lobenswert, wenn ein Film, der sich mit Trickbetrügern beschäftigt, mit einer Erklärung einsetzt, die das Vorhandensein all dieser Geschichten anerkennt, und die verkündet, dass diese hier, die jetzt erzählt werden wird, ein Lesezeichen verdient.
Die Lesezeichen-Geschichte beginnt mit einer Episode aus der Kindheit der zwei titelgebenden Brüder: Eine kleine Katze fährt in einem Rollschuh über die Straße und die kleinen Jungs ziehen ihr erstes großen Ding durch. Sie erzählen den anderen Kindern im Dorf, jemand kenne eine geheime Höhle, in der ein Schatz versteckt sei, und er verrate den Platz für 30 Dollar. Die Kinder legen ihr Geld zusammen, die Brüder bieten ihnen eine gute Show, und obwohl die Eltern ihnen die 30 Dollar am Ende wieder abnehmen, haben die Brüder trotzdem einen guten Schnitt gemacht: Sie haben vorher mit der örtlichen Reinigung Prozente ausgehandelt, wo anschließend alle Sonntagskleider der Kinder vom Höhlenmatsch gesäubert werden müssen.
Eigentlich bleibt das der einzige Betrugsfall, der im Film so richtig erzählt wird – was danach kommt, sind nur noch Andeutungen und Zitate echter Betrugsgeschichten, um Platz zu schaffen für eine noch größere Geschichte. Aber dieser erste Fall enthält schon alles, was man braucht: Den Plan, die Opfer, die Lügengeschichte und das große Finale, das einen guten Betrug von einem schlechten Unterscheidet – genau dann, wenn man denkt, man habe den Trick durchschaut, fällt man wirklich erst auf ihn rein. Vor allem aber, verkündet der ältere der beiden Brüder, hat jeder am Ende das bekommen, was er wollte. Es findet ein Zeitsprung von zwanzig Jahren statt. Die Geschwister sind erwachsene und etablierte con artists, wie es auf Englisch so schön heißt. Wobei das mit den zwanzig Jahren nicht allzu wörtlich zu nehmen ist, denn die Brüder leben in einer ziemlich zeitlosen und überdrehten Pushing-Daisies-Welt: Sie tragen alte Anzüge, fahren alte Autos und überqueren den Ozean auf einem Dampfschiff. Ihr allerletztes Opfer soll eine nicht weniger überdrehte junge Milliardenerbin sein, die auf die Frage nach ihren Interessen mit der autistischen Antwort brilliert, sie interessiere sich für Hobbys.
Der Film endet nach vielen weiteren Minuten in einem verfallenen russischen Theater, wie es sich für eine gute Trickbetrügergeschichte gehört, mit einem perfekten Betrug, der sich – so viel kann man, glaube ich, verraten, weil man damit eigentlich nichts verrät – dadurch auszeichnet, dass er gar keiner ist. Als ich das Kino verlasse, bin ich leicht verwirrt, aber auch erheitert und beglückt, weil mein Faible für Betrügergeschichten groß ist. Es fällt mir aber schwer, den schönen Film vor meinen etwas gelangweilten jungen Begleitern zu verteidigen, und ich kann nur noch rufen: Aber da war doch eine kleine Katze in einem Rollschuh! Fandet ihr das etwa nicht gut?
Dabei wäre doch eine ganz andere Frage angebracht gewesen angesichts der Situation: Wann ist man eigentlich selbst der größere Trickbetrüger? Zuhause, wo man den Leuten von früher vorgaukelt, man sei draußen in der Welt etwas geworden, man habe sich verändert, obwohl man doch eigentlich nur dicker geworden ist? Oder draußen in der Welt, wo man seine Vergangenheit so erzählt, wie sie einem gerade in den Kram passt? Ich bin mir nicht sicher, aber ich werde nun das Kaminfeuer löschen und runtergehen zu den Pferderställen, um noch eine Zigarette zu rauchen und dabei darüber nachzudenken. Hoffentlich wecke ich das Hausmädchen nicht.
TEXT: Lars Weisbrod | RESSORT: Film, Ganz großes Kino1. September 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





