MEIN ALTERNATIVES LEBEN #02

Man weiß es ja nicht sicher, aber manchmal kann man es sich wünschen oder ausdenken. Auf jeden Fall sollte man immer eine Alternative haben. Hier erklären uns ausgesuchte Menschen, wer wie und was sie geworden wären, wenn sie nicht geworden wären, wer wie und was sie sind.
Dieses Mal Ronnie Vuine.

Mein alternatives Leben begann mit der Geburt von Zwillingen. Der andere war eins dieser Kinder mit von vornherein sinistrem Blick. Wir wuchsen nicht zusammen auf, aber unsere Wege kreuzten sich mehrfach: Immer wieder nahm er Posten an, für die ich vorgesehen war — er kam, um mich zu verhöhnen, mit demselben Nachtzug, und einmal glaubte ich, ihn am Ende eines Ganges gesehen zu haben. Wenn ich bei meinem Termin erschien, konnte ich schon am empört-verwirrten Blick der Damen am Empfang sehen, daß es wieder geschehen war. Ich pflegte kein Aufsehen zu erregen und das Feld zu räumen in diesen Fällen. Einmal gelang es ihm sogar, mir eine Frau zu stehlen: Während ich auf einer Reise, über die ich nicht sprechen durfte, gebunden war, übernahm er Wohnung und Korrespondenz, und als ich zurückkam fand ich nichts als einen Scherbenhaufen und einen zerbrochenen Sektkelch. An einem kalten Frühlingsmorgen auf der Promenade am Ufer eines norditalienischen Sees saßen wir uns unerwarteterweise gegenüber, an einem wackligen gußeisernen Tischchen. Er las die FAZ, wir schwiegen aggressiv, dann bezahlte er seinen Kaffee (denn er trank Kaffee, der widerliche Kerl), verschwand und ließ mich, schockgelähmt, zurück.

Meine Karriere hatte ich, und bitte verstehen Sie, daß ich Ihnen nicht alle Einzelheiten mitteilen kann, in Paris begonnen. Es war eine ungemütliche Nacht im November, und ich stieg, ein kleines ledernes Futteral in der Tasche meines halblangen Mantels, aus einem Schacht, schob sorgsam den Deckel zurück an seinen Platz, zupfte schwarze Handschuhe von den Fingern und machte mich auf die Suche nach einem Taxi. Ein Erfolg, der sich schnell herumsprach im Kreis derjenigen Menschen, die es vorziehen, nicht in den Zeitungen zu erscheinen.

Was Sie über die sogenannte Unterwelt zu wissen glauben, ist höchstwahrscheinlich falsch. Vermutlich denken Sie in den Kategorien des bürgerlichen Staates, dessen Interesse es ist, Verhaftungen zu begründen. In Wirklichkeit gibt es die Kräfte des Lichts und die Kräfte der Finsternis in der Unterwelt wie in der sichtbaren Welt — der Unterschied ist lediglich einer der Diskretion. Ich arbeitete jahrelang mit wechselnden Auftraggebern, und auf eigene Rechnung. Oft Kunst, immer aus den Magazingeschossen: angebliche Fälschungen, angebliche Originale, nicht zugeordnete Werke, sonderbare, vergessene, nie durchleuchtete Tonklötze aus dem Iran. Sie dürfen sich meine Kunden als sehr feinsinnige, sanfte Menschen denken. Sie haben von keinem von ihnen je gehört, und solange das so bleibt, müssen Sie keine Angst vor einer Wendung zum Schlechten in Mitteleuropa haben.

Mein erstes politisches Engagement kam auf einer Reise durch Indochina zustande. Ich folgte einem versoffenen alten Franzosen auf einem prustenden Motorrad russischer Produktion durch ein unerschöpfliches Gewitter, das abwechselnd grellgrüne Bergkuppen und blauegeäderte Flußmäander aus der Landschaft hackte. Einer der Freunde meines Reisebegleiters, in dessen Haus ich abends durchnässt und glücklich einkehrte, entpuppte sich als Geheimer Konsul — der französische Staat hat eine pragmatische Einstellung zu meinen damaligen Kreisen und betrachtet die unterschiedlichen Fraktionen dort als ein System von Schattenstaaten, auf das er seine diplomatischen Strukturen kurzerhand ausgeweitet hat. Man vermittelte mich in den Dienst eines sozialistischen afrikanischen Präsidenten, der einen verzweifelten Kampf gegen chinesisch unterstützte Islamisten führte. Mehrere Wochen verbrachte ich in Gesellschaft der zynischsten und gegerbtesten Trinkertruppe, die mir je untergekommen ist: Amerikanische Geologen, Söldner wie ich in der Sache des Sozialismus, deren Forschungsergebnisse ich in Zügen und kleinen Transportflugzeugen nach Kairo schaffte. In einer fensterlosen Bar nicht unweit der Kasr-el-Nil-Brücke traf ich Kristin, die für die Organisation sprach, die einmal die KomIntern gewesen war und heute unabhängig operiert. Eine anziehende, wilde Figur, und wenn sie vom Sozialismus spracht, hörte man nicht das orthodoxe Klappern der historischen Notwendigkeit, sondern das lustvolle Seufzen von Sturm und Aufbau.

Ich verfügte damals schon längst über sehr reichliche Geldmittel und konnte mir leisten, ihr nach Südamerika zu folgen ohne Auftrag. Die folgenden Jahre sind ein einziger greller Blitz in meiner Erinnerung, ich sehe darin: Den trockenen Hüpfer eines Geschützes bei einem Artilleriegefecht auf irgendeiner gottverlassenen Geröllhalde des Hochlands, einen klapprigen Tanklaster, der in Zeitlupe über eine Kante rutscht, Jeeps mit bewaffneten Frauen und Männern mit roten Kopftüchern, dunkles Grün, aus dem die Flammenwand einer Benzinexplosion quillt, wochenlange Lähmungen, Fliegen und Hängematten, ein irre und ohne Infanterieschutz aus dem Wald brechender Panzerwagen, der vier mal quer durchs Lager hin und her und alles platt fuhr, bevor ihn einer erwischte. Schwer zu sagen, was ich in diesem Krieg machte, ich tauchte hier und dort auf, half aus und verschwand, bevor ich dazugehörte. Paradoxerweise sicherte mir das eine gewisse Bekanntheit, meine europäischen Verbindungen aus der Vergangenheit und meine Schweizer Franken taten das Übrige. Es wurde später eine Hauptstadt gebaut, aus Beton und Glas und Licht und Zukunft, kleiner als die, von der Sie gehört haben, aber nicht weniger schön und ebenso großzügig zur Geschichte; in der Nationalbibliothek trägt der Lesesaal der europäischen Abteilung meinen Namen.

Ich reiste wenig in der Südamerika-Zeit, obwohl ich, anders als die anderen, weg konnte, wenn ich wollte, und auch gelegentlich einen Auftrag annahm. (Bohrinseln, Staudämme in schwarzen Bergen, mehr Schatullen und lederne Beutel, ein sehr spezieller Teppich, einige Sprengungen von überdimensionierten Kunstklötzen vor Konzernzentralen und ein kleiner Aluminiumbehälter, der mehrere Regierungen sehr nervös machte in jenen Tagen — weil sie das Pech hatten, gut unterrichtet zu sein.) In Berlin war ich jahrelang nicht. Meine Wohnung dort fand ich verwüstet vor. Mein Hang zu Parkett, Tropenhölzern, türkischen Teppichen und teurem Whiskey war meinen hiesigen politischen Verbündeten Anlass genug gewesen, nicht nur ausgiebig zu plündern und zu wüten, sondern auch einen schäbigen Brief im Namen der Gerechtigkeit zu hinterlassen, der mich als Bonzen bezeichnete. Ich nahm das Schreiben als das Kompliment, das es war, und ließ die Stadt für immer in ihrem Elend zurück.

Ich starb als Privatier in New York, in einer Wohnung vollgestopft mit Zeitungsausrissen in sieben Sprachen. Mein letzter Freund McCandless, einer der Geologen aus meiner Zeit in Afrika, verbrannte wie versprochen die Bilder (Selbsbildnis als Jack Gibbs, Selbstbildnis als Karthäusermönch, Selbstbildnis als Malcolm Reynolds, etc) und organisierte das letzte Fest. Mein Epitaph beschrieb mich als “Veteran of two wars, Father of nine children, drowned in the caspian sea”. Bei der Feier waren nur die wenigen noch lebenden Mitstreiter anwesend. Mein Zwillingsbruder fehlte, er war sieben Jahre zuvor in Aserbaidschan verschwunden. Zwei Tage nach der Beerdigung sah man eine kleine Gestalt das Bild einer grinsenden Cheshire-Katze auf mein Grab legen.

TEXT: Ronnie Vuine | RESSORT: Mein alternatives Leben, Mish Mash
7. August 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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3 KOMMENTARE


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