FEUER GEGEN DEN GLANZ-VERFALL
In OPAK #02 schreibt Politikressortleiter Lasse Koch im Literaturteil über „Lefeu oder Der Abbruch“ in: Werke Bd.1 von Jean Améry.
„Sie kommen schon, sie rücken näher: die Staffelei und das halbfertige Bild mit der Häuserfassade, das Lavabo, darin millimeterdick Ölfarben kleben, das schmutzige Geschirr, das sich anhäuft, die rissigen, abblätternden Wände, schmutzfarben wie das Bild, dem sie Obdach geben, wie das graue, unrasierte Antlitz, das aus dem Spiegel blickt, der von einer Zigarette angekohlte Brief des Anwalts auf dem durch queren Sprung ornamentalisierten Tisch.“
Der Maler Lefeu lebt den Verfall. Er wohnt und arbeitet in einem heruntergekommenen Mietshaus, das früher einmal eine Fabrikhalle war und das jetzt einer modernen Stadtplanung zum Opfer fallen soll. Lefeus Abbruchhaus ist zum Abriss freigegeben. Das Paris der 70er Jahre soll sauberer werden. Der Abbruch des Hauses Cinq in der Rue de Roquentin hat bereits begonnen, längst arbeiten Bauarbeiter im Treppenhaus und in den Fluren, erstickt der Lärm der vorrückenden Bagger und Bulldozer fast jegliche Unterhaltung. Die Toilette ohne fließendes Wasser, die Heizung funktioniert nicht mehr, der Strom wurde abgestellt – aber Lefeu geht nicht, obwohl ihm eine Abfindung und ein modernes Appartement in Aussicht gestellt wurden.
In Gedanken formuliert Lefeu Protestschreiben, die er in Pariser Zeitungen veröffentlichen will, mittels eines Anwalts prozessiert er gegen die Baubehörde. Sich dem Verfall hinzugeben bedeutet für ihn den Rückzug aus der das Leben immer stärker nach Funktionalitätskriterien strukturierenden Moderne, gleichzeitig ist es Ausdruck einer Rebellion, die Lefeu durch eine „Verfallsphilosophie“ theoretisch zu begründen versucht.
„Der Verfall ist die Essenz des Lebens: das entfunktionalisierte Leben – und ein Pop-Singer heult unentwegt let it be, let it be, let it be. I let it be, das ist der Rausch des sich destrukturierenden, nur an sich selbst hingegebenen Lebens, Anschauen des reinen Schopenhauerschen Willens, der noch nicht pervertiert ist durch die Lust am Aufbau.“

„Lefeu oder Der Abbruch“ erschien 1974. Wie Jean Améry ist auch sein Protagonist Lefeu Jude, hat im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gekämpft. Lefeus Biographie orientierte Améry grob an der des Malers Erich Schmid, eines aus Deutschland nach Frankreich geflohenen Freundes, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Die Figur Lefeu ist Fiktion, gleichzeitig scheint Améry selbst durch sie zu sprechen. Fiktionale und essayistische Passagen durchdringen einander so sehr, dass das Denken Lefeus häufig ununterscheidbar wird von dem seines Autors. Améry bezeichnet sein Werk als Roman-Essay.
Über die Liebe zum Verfall hat Lefeu paradoxer- wie zwingenderweise gelernt, in der Abkehr von der Moderne mit dieser zu leben. Sein angewiderter Blick auf eine Gesellschaft des Glanzes und der Sauberkeit, die ihren historischen Dreck längst unter den Teppich gekehrt hat, kann seinem ‚Vorgänger’ Feuermann nicht weit genug gehen. „Ach, man möchte wie ein Quell versiechen, wenn die Immobilien-Paris-Seine einen nur in Frieden siechen und verquellen lassen wollte…“. Lefeus Protest zeigt keine Wirkung, der Abbruch seines Hauses schreitet unaufhörlich voran, Berührungspunkte mit der verhassten äußeren Welt existieren sonst kaum. Lediglich die Dichterin Irene, mit der Lefeu ein Verhältnis hat, Monsieur Jacques, der Direktor seiner Pariser Galerie, und die Abgesandten der Düsseldorfer Galerie Ars nova, die Interesse am Werk des Malers zeigen, wagen sich noch vor in die von Lefeu selbst als „Hochgrotte“ bezeichnete vollkommen versiffte Wohnung. Dort angekommen, voller Ekel zwischen all dem Staub und dem Dreck, fast taub vom Lärm der Abrissmaschinen, werden sie zu wichtigen Bezugspunkten, anhand derer Lefeu sein stetig komplexer werdendes Gedankengebilde überprüfen und weiterentwickeln kann – mit dem Ziel, den Ursachen seiner „Verfalls-Verfallenheit“ auf den Grund zu gehen.
Lefeus eigenwillige Verfalls-philosophie ist beeinflusst vom Existentialismus Sartres und vom Neopositivismus Wittgensteins, jenen philosophischen Theorien, mit denen sich Jean Améry zeit seines Lebens am intensivsten auseinandergesetzt hat. Historisch ordnet Lefeu die Entstehung der „Neigung zum Verfall“ der „todessüchtigen“ deutschen Romantik zu, der „…Widerrede einer veralteten Produktionsweise gegen eine schon vorangeschrittene Industriewelt; Auflehnung einer Nation, die keine war, gegen die wohlgerundeten Staatsgebilde, Insel, Hexagon, wo wirklich Könige herrschten statt komischer Kurtheaterfürsten…“.
Lefeus Verfallsbegriff hingegen bedeutet die Absage an den Tod, er impliziert eine höchst widersprüchliche Hinwendung zum Leben: „Der Verfall … ist aufzufassen als Negation der Moderne, des sich lärmend und glänzend in neuer Malerei, Dichtung, Architektur, Soziologie, was weiß ich, bekräftigenden, dem Wettkampf und der Selektion verschworenen Lebens. Er ist nicht der Tod. Als Negation enthält er aber auch so gut wie nichts Positives…“. Die Moderne, so wie Lefeu sie hier charakterisiert, wird in seiner Verfallsphilosophie unter der Chiffre Glanz-Verfall zusammengefasst, die den theoretischen Widerpart zum Verfall bildet. Lefeus Besetzung dieses Begriffspaares steht dem allgemeinen Bewusstsein und der herrschenden Sprachregelung diametral entgegen: Der Glanz-Verfall wird assoziiert mit dem Tod, der Verfall dagegen mit dem Leben, dem Werden. „Versiechen ist nicht verrecken. Versiechen geht langsam vonstatten und ist voll betrunken sich aufgebenden Lebens.“
Den vollständigen Text, wie er im Heft erschienen ist, gibt es hier als PDF.
Alle Fotos sind von Tanja Krokos, bei der auch das Kopierrecht liegt.
16. August 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed





