DIE MODERNE SPRACHE DER EWIGGESTRIGEN

In OPAK #02 schreibt Fabian Lutz über die Kontaminierung deutscher Alltagssprache. Juliane Bartsch hat sich dem Thema auf andere Weise genähert.

Wer glaubt, die Zeiten von Sprachmanipulationen aus dem Dritten Reich wären vorbei, irrt. Nicht nur benutzen wir auch heute noch völlig unbedarft Begriffe, die nazistische Sprachdrechsler vor ca. 70 Jahren unter die Leute brachten; auch schaffen es Radikale unserer Zeit, mit einem neuen Sprachkodex nahezu unbemerkt in das Denken vieler Einzug zu halten und damit langfristig ihre Meinungsmache zu betreiben.

Wie viele häufig benutzten Begriffe oder Wendungen der Nationalsozialisten stecken im folgenden Absatz?
Es ist heutzutage leider weiterhin wichtig, große Kampagnen gegen Rechtsextremismus aufzuziehen. Jede noch so klein scheinende Aktion gegen Fremdenhass und Antisemitismus hat historische Bedeutung. Wir müssen uns fanatisch gegen Faschismus jeglicher Ausprägung stellen, aber beachten, daß wir bei der totalen Ausradierung aller rechtsradikalen Tendenzen trotzdem unser sonniges Gemüt bewahren, um frisch und fröhlich unsere alltäglichen Aufgaben zu organisieren.

Gut, die „totale Ausradierung“ und das „fanatisch“ sind recht schnell als Sprache der Radikalen zu identifizieren. Aber was ist mit dem „sonnig“ und „frisch und fröhlich“, klingt das nicht heiter und beschwingt? „Sonnig“ war zwischen 1933 und 1945 ein beliebter Begriff und sollte eine „allgemein germanische Eigenschaft“ bezeichnen, “frisch und fröhlich“ wurde gern dem Substantiv „Krieg“ vorangestellt.
Sind nicht für z.B. Politiker, Fußballtrainer und andere Machtmenschen jegliche ihrer Taten „historische“? Sie waren es seit den Nationalsozialisten anscheinend für jeden, der von sich und der Bedeutung seiner Errungenschaften übermäßig überzeugt war.
Steht nicht hinter jeder PR-Aktion oder allgemein jedem neuen Projekt jemand, der alles „ganz groß aufziehen“ will? Der Bedeutungswandel dieses Wortes in den 30er Jahren von dem rein technischen Akt des Stellens einer Uhr hin zu dem Organisieren einer Veranstaltung offenbart die Vorliebe der Totalitären für mechanistische Ausdrücke.
À propos „Organisieren“: noch ein Lieblingswort der NS-Diktatoren, impliziert es doch, auch die einfachsten Aufgaben müssten diszipliniert und unter Anleitung verrichtet werden. Und auch heute sagen wir gern: „Ich muss mir eben noch ein bisschen Bargeld organisieren“, wenn wir zur Sparkasse gehen.

Diese Beispiele sollen kein moralisierender Fingerzeig sein, dass sie heute nicht mehr benutzt werden sollten, sondern beweisen, wie manipulierte Bedeutungen und Wendungen unbewusst übernommen wurden und heute noch selbstverständlich sind. Einzelne Begriffe mögen die Weltanschauung nicht beeinflussen; in einer aufgewühlten Gesellschaft allerdings kann Sprache einen entscheidenden Teil zur Radikalisierung beitragen, auch bei den vermeintlich unideologischen Bürgern. Nicht nur, dass das ständige Vernehmen von Termini wie „Weltjudentum“ zum Selbst-Benutzen verleitet und damit im wahrsten Sinne über Mundpropaganda rasend schnell verbreitet wird – beim Einzelnen kann manipulierte Sprache auch (für den Betreffenden selbst gleichsam unmerklich) die erwünschte Bewusstseins- und Meinungsänderung hervorrufen. Wer ständig und ohne öffentliche Gegenmeinung vom „Weltjudentum“ hört, liest und spricht, glaubt schließlich auch irgendwann, dass es eine Verbindung, ja sogar eine Verschwörung aller Juden untereinander wirklich gibt. Dass die Liebe zwischen Juden und Nichtjuden, die „Rassenschande“, wirklich ein Vergehen ist, das bestraft werden muss. Und dass Menschen überhaupt aufgrund einer „Rasse“ geradezu zoologisch determiniert werden können: in „Artfremde“ und „Volksentstammte“.

Diese Begriffe und jene aus dem kursiven Text stammen allesamt aus dem Buch „LTI“ (Lingua Tertii Imperii, erstveröffentlicht im Dezember 1946) des Philologen Victor Klemperer, der in Westdeutschland erst durch seine Tagebücher zu spätem Ruhm gelangte. „LTI“ ist ein Fanal für das sorgsame Hinhören auf Sprache und vor allem deren Veränderungen. Klemperer zeigt, dass jede gesellschaftliche Entwicklung sich lange vor Erreichen ihres Zenits anhand der Sprachteilnehmer ablesen lässt: „Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c’est l’homme; die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“

Freilich ist es nach 1945 unmöglich gewesen, ein so komplexes und abstraktes Gebilde wie eine Sprache komplett zu entnazifizieren. Dies hat gleichsam auf vielen konkreten Gebieten wie z.B. der BRD-Justiz schon nicht richtig funktioniert. So ist es nicht verwunderlich, dass das Denken vieler Bürger aus beiden jungen deutschen Staaten noch lange durch linguistische Manipulationen vergiftet war und es teilweise bis heute ist. Man muss kein Experte in der Kommunikationsforschung zu sein, um zu verstehen, dass eine gleichzeitige Mechanisierung und Radikalisierung der Begriffe Spuren in den Köpfen der Sprachbenutzer (selbst bei denen, die nicht auf Seiten der Ideologen stehen) und damit in der Gesellschaft hinterlässt.

Trotzdem wird etwas eigentlich so offensichtlich Demokratiefeindliches wie reaktionäre, extremistische Rhetorik auch heute eher resigniert hin- als offensiv auseinandergenommen. Ob sich Rechtsextremisten mithilfe des „Bombenholocaust“ als unschuldige Opfer der Städte- und Flächenbombardements der Alliierten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stilisieren; ob sie mit Wahlplakaten à la „Abendland in Christenhand – Tag der Abrechnung“ zur Europawahl 2009 12,7% der österreichischen Stimmen bekommen; ob sie in ostdeutschen „befreiten Gebieten“ den Umstand feiern, nicht von „Kulturbereicherern“ umgeben zu sein; oder ob sie sich gegen „Repressalien“ durch das StGB verwehren, weil sie doch nur ihre Art der „freien Meinungsäußerung“ betrieben haben – letztendlich sickert immer etwas von ihrem verdrehten, zynischen oder offen hetzerischen Sprachgebrauch über den rechten Rand auch in die restliche Gesellschaft.

So kommt es, dass einige verächtliche Worte fast unbemerkt in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind. Zum Beispiel das Wort „Gutmensch“, das vom jiddischen „a gutt Mensch“ stammt: in der NS-Zeit vor allem gegen Personen wie den Bischof von Münster verwendet, der sich öffentlich gegen die Tötung von „lebensunwertem Leben“ aussprach, wurde es erst Ende der 80er Jahre – vermutlich ohne die Wortgeschichte zu kennen – von Feuilletonisten und Autoren erneut benutzt. Nun allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich um damit über die Verfechter von allzu ernst genommener Political Correctness zu lästern. Seit einigen Jahren aber wird der Begriff „Gutmensch“ in ideologischen Diskussionen wieder als beliebtes Totschlagargument von Rechtspopulisten platziert. Was jedoch vielen, ob nun Konservativen, Sozialdemokraten oder Unpolitischen, nicht bewusst ist oder ignoriert wird, so dass das Wort weiter zum allgemeinen Sprachgut gehört.

Auch abseits der rein politischen Agenda kursieren vermehrt Worte, deren Menschenverachtung man bisher nur von Rechtsextremen gewohnt war: die neoliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (kurz INSM) prägte mit ihrer Lobbyarbeit Begriffe wie „Humankapital“, in dem die Technisierung des Menschen geradezu beispielhaft übernommen wird. „Sozial ist, was Arbeit schafft“ würde sich gewiss gut als Torbogen-Inschrift machen, ist aber 2007 auch als politische Handelsmaxime von Kanzlerin Merkel ausgerufen worden. Und der „Sozialschmarotzer“ – in seiner soziologisch-ökonomischen Diffamierung gar nicht so weit von dem „Volksschädling“ der Nationalsozialisten entfernt – ist über die BILD und andere Springer-Publikationen einem Millionenpublikum ein beliebter Sündenbock geworden.

Die populistische Praxis, rhetorische Feindbilder aufzubauen, ist kein veraltetes Propagandawerkzeug, sondern ganz im Gegenteil im medienbesessenen Zeitalter ausgefeilter und verbreiteter denn je. Schwarz-Weiß-Denker können so ihr einfaches Weltbild immer noch leicht an den Mann bringen. Und da gerade heute die Sehnsucht vieler nach simplen Lösungen wieder aktuell ist, gelingt das Agendasetting fragwürdiger gesellschaftlicher Gruppierungen durch gesteuerte Radikalisierung der Sprache auch weiterhin.

„LTI“ ist in der 22. Auflage für 9,90€ bei Reclam erhältlich.

TEXT: Juliane Bartsch | RESSORT: Heft, OPAK #02
11. August 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed



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EIN KOMMENTAR


  1. ein weiterer Lesetipp in diesem Zusammenhang: Uwe Pörksen: Plastikwörter. Die Spache einer internationalen Diktatur.



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