SUNN-O)))
In OPAK #02 beschäftigt sich Nils Quak mit der Bedeutung von Klangästhetik. In seinem Beitrag „Sound und Rand“ widmet er sich insbesondere der Frage, wieso sich Musik zwischen Noise, Drone/Doom und atonalem Experiment gesteigerter Beliebtheit erfreut.
Passend zu dem Artikel im Heft hat Sebastian Cleemann für uns mit der Band Sunn-O))) gesprochen, die – einstmals nur einer überschaubaren Gruppe Eingeweihter bekannt – mittlerweile jede/r irgendwie auf dem Schirm hat.
01
At First I Thought It Was Not Even Music
Sie sind ein Krake mit offenen Armen. The parasite that keeps on giving. Seit 1998 erweitern Greg Anderson und Stephen O’Malley ihre Grundidee einer konzentriert langsamen Metaltektonik, und seit frühen Tagen halten sie sie offen für Einflüsse und Kollaborationen. “Es gab viele wichtige Mitspieler in der Geschichte von Sunn 0))). Einige sind geblieben, andere spielen nur nicht sehr häufig mit uns”, und sie alle haben Spuren hinterlassen, der schieren Wucht der Gitarren- und Frequenzarbeit des Kernduos Richtungen gegeben, von ihr getrieben selbst umwerfende Orte und Klänge entdeckt. Schnell wurde so das Konzept “Echt Langsamer Metal” gesprengt und Sunn 0))) entwickelten sich zu der kaum vergleichbaren Band, die an diesem Punkt ihrer Existenz wohl kein anderes Album als “Monoliths & Dimensions” hätte veröffentlichen können.
“Die gesamte Geschichte dieser Band hat uns an diesen Punkt gebracht, an dem es uns Können, Material, Kontakte und Helfer möglich machen, ein Album wie dieses aufzunehmen, das die Band so festhält, den Sound so greifbar macht.”
02
It’s Not Like Sunn 0))) Has Transformed Into This Symphonic Version or Anything
Es beginnt schmucklos und wundervoll: „Aghartha“ wälzt Gitarre und Bass umeinander, kunstvoll oszillierend, in nackter Urgewalt gebadet. Neues Instrumentarium besetzt die wenigen Freiräume, Musik entfaltet sich, wächst und schafft wiederum Platz für Attila Csihar, der in tiefem Monolog durch Erde und All geht, um sich schließlich in minimalem Knarzen und finalem Seufzen zu verlieren. Stephen O’Malley: “Dieses erste Stück, wie es entsteht und sich öffnet, wie es all diese Schätze in sich aufbaut, kommt dem, was die Band in den letzten Jahren war, sehr nahe. Wer unseren Weg verfolgt hat, wird diese Personifizierung der Liveband erkennen, das ganze Album als Foto dieser Livesituation. Wir halten sie fest, frieren sie ein, und arbeiten sie im Detail aus.”
“Monoliths & Dimensions” ist ein unmögliches Album. In seiner Entstehung, in seiner Grundidee, in seiner gewaltigen Größe kann es kaum funktionieren. Es müsste unter sich selbst ächzen und stöhnen und zuletzt und bestenfalls noch eindrucksvoll implodieren. “Es ist eine enorme Herausforderung”, erklärt O’Malley, “die Resonanzen und Details unseres Livesounds so festzuhalten, dass das Resultat auch auf kleinen Lautsprechern, auf Lautsprechern überhaupt wirkt, dass diese Details, diese schöpferische Resonanz, spürbar werden.” -”Wir wollten”, ergänzt Anderson, “die Wellen einfangen, die der gespielten Note folgen, ihr Spiel miteinander, ihre eigenen Rhythmen.” – “Wir arbeiteten mit Eyvind, der es vermochte, diese Erscheinungen neu zu interpretieren und tonal nachzubilden, ohne dass es klingt wie: ‘Das sind die Streicher. Und die spielen jetzt das Feedback.’”
Die von Eyvind Kang geschriebenen und arrangierten Overdubs schaffen neue akustische Phänomene, den Basisspuren aus Gitarre und Bass ergänzend und beschreibend zur Seite gestellt. “Es ist unsere Musik unter einem Vergrößerungsglas”, sagt O’Malley, und berührt damit Problem und Stärke des gesamten Projekts: Als Abbild des Livephänomens Sunn 0))) muss “Monoliths & Dimensions” scheitern. Als Sekundärliteratur und Erklärbärkollektiv vergrößern Bläser und Harfen, Chorgesänge und Gastbeiträge letztlich lediglich die Distanz zur Liveband Sunn 0))). Als Wagnis jedoch, als bis ins letzte Detail konsequente Umsetzung eines wahnwitzigen Gedankens wächst “Monoliths & Dimensions” weit über seine Prämissen hinaus. Die Resonanzprothesen schaffen neue Zusammenhänge, reißen neue Konturen. So gibt das chorgetriebene Ungetüm “Big Church” den wüst um sich schlagenden Gitarren einen grenzenlosen, mythenschweren Raum, so führen Bläser und Harfen den gigantischen Blues “Alice” an einen Ort berührender Klarheit. So sprengen Band und Extras schließlich erneut und voller Ekstase das Grundkonzept, werden sie zur kaum vergleichbaren Band, die an diesem Punkt ihrer Existenz kein anderes Album hätte veröffentlichen können.
03
I Just Wish There Was More Bass, But That’s Usually The Case
Zwei Jahre lang arbeiteten Sunn 0))) in der abstrakten Studiosituation, mit großem logistischen Aufwand, an diesem detailliertes Livenachbau. Es ist so konsequent wie herrlich, dass das erste Deutschlandkonzert nach der Veröffentlichung des Albums zurück zum Kern geht: Anderson, O’Malley, Nebel, Verstärker, Lautstärke, verbogenes Zeitgefühl, der echte geile Resonanzscheiß. Das Konzert beginnt früh und pünktlich, der Bässe wegen und der Nachbarschaft. “Die Musik von Sunn 0))) entwickelt sich stetig, und die Stücke, die ihren Weg auf die Alben finden, sich nicht unbedingt… sind eigentlich nie das, was wir live spielen”, hatte O’Malley bei der Albumpräsentation im März diese aufs zweistimmige Instrumentalbrüllen reduzierte Konzertsituation bereits umrissen, “doch wir arbeiten an Wegen, auch die neuen Elemente live umzusetzen.” Das Abbild der Livesituation wird zur Livesituation, die Darstellung beeinflusst das Dargestellte, die Postmoderne wackelt mit den Augenbrauen. Im erwähnten März betrachtet Greg Anderson derweil die druckvoll hochauflösende Abhöranlage des Berliner Promoortes, skeptisch, doch nachsichtig: Mehr Bass wäre prima. Aber nun.
PS
Bestmögliche Einblicke in die Arbeit an “Monoliths & Dimensions”, die Theorie dahinter und die Gedanken danach liefert die unbedingt lesenswerte Sunn 0)))-Interviewserie im Wire, die in Gänze online verfügbar ist.
9. Juli 2009 | Kommentieren | Trackback setzen | Kommentare als Feed






